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Bayreuth:Beamter oder Angestellter? Für Lehrer ist das entscheidend

Lehrer in Niedersachsen

Beamtete Lehrer haben ihren angestellten Kollegen gegenüber viele Vorteile.

(Foto: dpa)
  • Ein Betriebswirtschaftler hat in seiner Doktorarbeit über Einkommensunterschiede von verbeamteten und angestellten Lehrern und Hochschuldozenten geschrieben.
  • Michael Popp wollte in seiner Dissertation nicht nur Fakten präsentieren, sondern auch Lösungen für das Problem des großen Einkommensunterschieds.
  • Allerdings ist der Frust groß - denn weder wird das Beamtensystem abgeschafft werden, noch können die Angestellten mit deutlich höheren Einkünften rechnen.

Von Anna Günther, Bayreuth

Michael Popp hatte sich das so schön vorgestellt: das Problem in seiner Dissertation frei von den Interessen der Berufsverbände durchrechnen, Fakten präsentieren und eine Lösung gleich dazu. Damit die Unterschiede zwischen angestellten Lehrern und Beamten ein Ende haben. Damit die Gesellschaft langfristig profitiert, weil die besten Leute Lehrer werden und weil Bildung für Popp das wichtigste Gut ist in einer Demokratie. Er wollte ein gesellschaftlich relevantes Thema für seine Doktorarbeit bearbeiten und etwas bewirken, sagt Popp. Vier Jahre später ist er Herr Doktor und frustriert.

545 Seiten widmet Popp, 30, den Einkommensunterschieden von Lehrern und Hochschuldozenten, die beim Staat angestellt sind, und deren Kollegen, die den gleichen Job machen, aber als Beamte. Neben der Promotion arbeitete er am Lehrstuhl für Betriebswirtschaftliche Steuerlehre der Uni Bayreuth. Popp sammelte Daten aus ganz Deutschland, befragte Lehrer, berechnete Netto, Brutto, Rente, bemühte Grafiken, Formeln und Tabellen.

Auch in Bayern tobt der Streit um die Gleichstellung aller Lehrer seit Jahren, obwohl im Freistaat anders als in vielen anderen Bundesländern 92 Prozent der 113 600 Lehrer Beamte sind und, darauf legt man im Ministerium Wert, die Hälfte der angestellten Lehrer einen unbefristeten Vertrag hat. Die andere Hälfte muss sich über die Sommermonate arbeitslos melden, weil nicht klar ist, ob und wo es weitergeht.

Popps Ergebnisse überraschen nicht: Groß sind die Unterschiede. Dafür, dass Beamte einen Treueeid auf den Staat schwören müssen, auch privat eine Vorbildfunktion haben, nicht streiken dürfen und den Anweisungen des Dienstherren folgen müssen, werden sie besonders entlohnt. Auf ein Berufsleben gerechnet, gehen diese Unterschiede in die Hunderttausende. Ein lediger angestellter Lehrer in Bayern hat nach Popps Berechnungen 206 000 Euro weniger Nettoeinkommen als ein lediger Beamter. Damit ist der Unterschied im Freistaat am größten, Rheinland-Pfalz hat mit 93 000 Euro die geringste Differenz der Bundesländer.

Durch Zulagen für Ehepartner und Kinder verdient ein verheirateter, bayerischer Lehrer mit zwei Kindern sogar netto 372 000 Euro mehr als ein Angestellter. In Brandenburg sind es 210 000 Euro. Diese Summen kommen dadurch zustande, weil Beamte keine direkten Beiträge für eine Altersvorsorge zahlen müssen, höhere Lohnzuschläge bekommen und weniger in Kranken- und Pflegeversicherung einzahlen - dafür aber als Privatversicherte besser behandelt werden. Bessere Konditionen bekommen Beamte auch, wenn sie Kredite beantragen und sie können diese schneller zurückzahlen.

Die Schüler merken vom Status der Lehrer nichts

Ob ihre Lehrer verbeamtet oder angestellt sind, merken Schüler nicht, weil beide Gruppen ihr Fach unterrichten. Das aber ist Teil des Problems und wiegt für Popp schwerer als die Finanzen. Wer sich vergleicht und ungerecht behandelt fühlt, wird frustriert und leistet womöglich weniger. Das wirkt sich auf den Unterricht und damit auf die Kinder aus. "Aber Bildung ist doch das höchste Gut in unserer Gesellschaft", sagt Popp.

Gleicher Verdienst für alle Lehrer sei die Lösung. Dafür müssten entweder alle Angestellten deutlich mehr Geld bekommen oder das Beamtentum bei Lehrern komplett abgeschafft werden. Gleichheit brächte auch, alle Lehrer zu verbeamten. Oder alle Beamte in die gesetzlichen Versicherungssysteme einzubeziehen.

Klingt gerecht, wird aber rein Idee bleiben. Denn alle Lehrer zu verbeamten oder deutliche Zulagen für Angestellte dürften am Veto der Haushaltspolitiker scheitern. Dass Beamte in die Versicherungssysteme einbezogen oder dieser Status für Lehrer komplett abgeschafft wird, dürfte der Beamtenbund zu verhindern wissen.

Senioritätsgedanke ist ein "Grundproblem"

Also vergebens geforscht? "Das ist die Krux", sagt Popp mit Resignation in der Stimme. Eine Lösung sei dringend nötig, aber die Debatte sei populistisch extrem aufgeladen, in seiner Lehrerumfrage sei manches böse Wort gefallen. "Den Angestellten wird Neid unterstellt und die Beamten-Vorurteile kennen wir ja."

Die ideale Lösung wäre für den Steuerfachmann Beamtentum für alle, mit Beförderung nach Leistungsprinzip und Boni für Eifrige. Der Senioritätsgedanke der Beamtenlaufbahn sei ein "Grundproblem". "Wieso muss jemand, der 62 ist, aber seit 30 Jahren die gleichen Folien auflegt, das Doppelte verdienen?", sagt Popp. Egal wie innovativ junge Lehrer sind, mehr Geld oder Beförderung gibt es erst mit der Zeit.

Trotz aller Ernüchterung wünscht Popp sich eine Grundsatzentscheidung der Politik. Die Kosten könnten sich Bund und Länder teilen. Den ersten Schritt sind Union und SPD im Koalitionsvertrag schon gegangen: Sollte es wieder zu einer großen Koalition kommen, kann der Bund Schulen finanziell unterstützen, obwohl Bildung Länderhoheit ist.

© SZ vom 19.02.2018/vewo
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