Bildung in Bayern Was in einer digitalen Schule möglich ist

Gamer nutzen VR-Brillen schon lange. In naher Zukunft sollen sie auch an den bayerischen Schulen eingesetzt werden - wenn die Infrastruktur stimmt.

(Foto: Oliver Berg/dpa)

Die Staatsregierung will Millionen in neue Unterrichtstechniken und Fortbildung investieren. Wie das aussehen kann, zeigt die Lehrerakademie in Dillingen.

Von Anna Günther

Der Körper des Menschen teilt sich vor den Augen der Schüler, das Skelett vom Corpus mit Muskeln und Sehnen. Ein Wisch durch die Luft, vor dem Schüler pumpt das Herz, und mit einem Fingerzeig wird die Aorta bestimmt. Noch sind dies Szenen aus einem Video, die zeigen sollen, wie Augmented Reality - eine computergestützte Erweiterung der menschlichen Wahrnehmung - im Unterricht eingesetzt werden könnte. Geht es nach Schulminister Bernd Sibler und Digitalminister Georg Eisenreich, ist diese Methodik aber keine Science Fiction, sondern bald Alltag an bayerischen Schulen - sofern das Internet schnell ist, die Technik bereitsteht und Lehrer Lust auf neue Methoden haben.

Um die Scheu der Lehrer vor der Digitalisierung abzubauen und Geschwindigkeit in den Prozess zu bringen, investiert die Staatsregierung bis 2022 pro Jahr 212 Millionen Euro in die Ausstattung der Schulen und in Lehrerbildung. Denn bevor an digitale Methodik gedacht werden kann, muss die Infrastruktur stimmen. Bei insgesamt 6000 Schulen in Bayern ist das Budget für 11 000 digitale Klassenzimmer überschaubar. Für die Minister ist der Anfang gemacht, außerdem habe Bayern als erstes Bundesland schon 2016 ein Konzept für die Digitalisierung in den Schulen erarbeitet, sagte Eisenreich. Aber die Technik müsse der Pädagogik dienen, digitale Medien seien nur eine weitere Methode, sagte Sibler.

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Wie sie sich die digitale Schule der Zukunft vorstellen, und wie sie die 150 000 bayerischen Lehrer mitnehmen wollen, zeigten Vertreter der Akademie für Lehrerfortbildung und Personalführung (ALP) in Dillingen sowie des Staatsinstituts für Schulqualität und Bildungsforschung (ISB) nun im Schulministerium. Technisch ist Lernen mit VR-Brillen und digitalen Dimensionen längst möglich. Noch dürften Klassensätze von Virtual-Reality-Brillen den Etat der meisten Schulen sprengen; diese kosten mehrere tausend Euro. Sogenannte Cardboard-Boxen aus Pappe gebe es für wenige Euro, sagte Matthias Stein, der im Ministerium für digitale Bildung zuständig ist. Mit entsprechenden Apps sowie den Smartphones der Schüler könnten Lehrer ihre Klassen schon jetzt und ohne Riesenbudget auf die virtuelle Reise mitnehmen.

Die Nachfrage bei Kursen zu Unterricht mit virtuellen Welten sei schon jetzt enorm, bestätigt auch Günther Lehner von der ALP in Dillingen. Bis zum Sommer 2019 soll ein Lernlabor eingerichtet werden, in dem Lehrer und Dozenten digitale Methoden ausprobieren können. Ein Klassenzimmer der Zukunft etwa, in dem es "kein vorne, kein hinten und keine Tafel gibt", sagte Lehner. Wenn Schüler den Raum betreten, soll die Software erkennen, um welche Klasse es sich handelt und die Aufgaben bereitstellen. Statt Tischplatten sind Bildschirme an die Stühle montiert. Die Sitzordnung ist flexibel. Technisch möglich wäre das schon jetzt, aber bis alle Schulen so ausgestattet sind, dürften noch Jahre vergehen.

Geht es nach Stein vom Ministerium, sollten die Lehrerbildungsinstitute der Unis bald nachziehen, damit der Nachwuchs in der Uni digitale Methoden kennenlernt und danach auch an den Seminarschulen nutzt, in denen Referendare ausgebildet werden. Die ALP-Fortbildungsoffensive beginnt im Januar und zielt auf Schulleiter, Koordinatoren für digitale Bildung und Seminarlehrer. Sie werden in Dillingen geschult und tragen das Wissen in ihre Schulen. Dazu gibt es Selbstlernkurse zu Ethik und digitaler Welt, Unterrichtsentwicklung, Schule und Recht oder zu Mediendidaktik und Technik.

Neue Technik für die Praxis präsentierte das ISB. Seit zehn Jahren gibt es die Plattform Mebis, auf der Lernmaterialien, Hörspiele und Filme stehen, deren Urheberrechte geklärt sind. Künftig soll eine Funktion den Austausch von und über digitale Unterrichtseinheiten erleichtern. Wenn Lehrer Konzepte neu einstellen, werden diese von Experten des Instituts der Länder für Film und Bild in Wissenschaft und Unterricht (FWU) geprüft, bevor sie freigeschaltet werden. Mebis hat zudem ein an den Lehrplan gekoppeltes Programm zur Erstellung der Medienkonzepte entwickelt. Ein Programm für digitale Tafeln und Whiteboards soll den Unterrichtsalltag erleichtern, etwa indem Lehrer ihren Schülern mit einem Klick Tafelbilder mailen. Wie das funktioniert, demonstrierte eine ISB-Mitarbeiterin. Ende dieses Jahres könnte das Programm schon in Schulen laufen. Dass die Reise bis zur virtuellen Realität doch noch lang ist, zeigte sich, als die beiden Minister Sibler und Eisenreich für die Fotografen auf der Plattform wischten: Das Bild stockte, das Programm reagierte nicht sofort - der Digitalminister hatte offenbar zu sanften Druck auf den Bildschirm ausgeübt.

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