Starkregen in Bayern:Katastrophenfall im Berchtesgadener Land aufgehoben

  • Entwarnung im Berchtesgadener Land: Der Katastrophenfall wurde aufgehoben, die Aufräumarbeiten laufen.
  • Heftige Regenfälle hatten dort am Wochenende zu Überschwemmungen geführt. Es kam zu Erdrutschen, Häuser mussten geräumt werden. Mindestens ein Mensch kam ums Leben.
  • In Passau sinken die Pegel von Donau und Inn wieder. Die Feuerwehr musste Schlauchbootfahrer aus dem Hochwasser retten.
  • Ministerpräsident Markus Söder und SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz versprachen den Betroffenen im Berchtesgadener Land schnelle finanzielle Unterstützung.
  • Die Bob- und Rodelbahn am Königssee wurde schwer beschädigt.

So ist die Lage in Passau

Die Lage in den Hochwassergebieten im Süden und Osten Bayerns hat sich entspannt. In Passau lag der Pegel der Donau am frühen Dienstagmorgen bei 7,25 Metern - 24 Stunden vorher lag er noch bei 8,19 Metern. Beide Werte noch weit unterhalb der höchsten Hochwasserwarnstufe von 8,50 Metern. Man hatte sich auf Schlimmeres eingestellt. Donau und Inn stiegen jedoch nicht so stark an, wie befürchtet.

Auch im besonders stark von Unwettern getroffenen Berchtesgadener Land konnten die Menschen etwas aufatmen, der Katastrophenfall wurde in der Nacht zum Dienstag aufgehoben. Die Helfer sind noch immer mit Aufräumarbeiten beschäftigt. Bereits am Montagmorgen war klar, dass die Wetteraussichten Anlass zur Hoffnung sind. Bis auf einzelne kurze Schauer soll es in den kommenden Tagen trocken bleiben. Unwetter seien derzeit nicht in Sicht, sagte ein Meteorologe des Deutschen Wetterdienstes (DWD).

Am Montag gab es in Städten wie Passau aber noch keine völlige Entwarnung. Uferpromenaden und Parkplätze waren bereits überflutet worden, Bewohner schützten ihre Häuser mit Sandsäcken und Barrieren. Am Sonntag schleppte die Polizei vorsorglich Autos ab, die die Besitzerinnen und Besitzer trotz Warnungen nicht umgeparkt hatten. Auch andernorts stiegen die Pegel, etwa in Neuburg an der Donau, wo die Hochwassermeldestufe drei erreicht wurde.

Feuerwehr rettet Schlauchbootfahrer

Während des Hochwassers sind zwei Schlauchbootfahrer auf der Donau bei Passau in Not geraten. Die Männer seien am Sonntagabend mit ihren Booten abgetrieben und gekentert, sagte ein Sprecher der Wasserpolizei am Montagmorgen. Nach Auskunft der Feuerwehr konnten sich die Männer an Treibholz festklammern. Es hatte sich am Ufer der unbewohnten Donau-Insel Soldatenau verfangen, die schon zu Österreich gehört.

Menschen hatten die Hilferufe der Schiffbrüchigen gehört und die Rettungskräfte alarmiert. Die Feuerwehr sei wegen des Hochwassers gerade in der Nähe gewesen und habe die beiden mit einem Boot rechtzeitig retten können. Nach Informationen der Rettungskräfte gehörten die Männer zu einer Gruppe von vier Leuten, die wohl in Plattling gestartet waren, jeder mit einem eigenen Schlauchboot. Wegen des Hochwassers eine dumme Idee, wie ein Polizeisprecher kommentierte. "Das ist lebensgefährlich."

Entspannung im Berchtesgadener Land

Dramatisch war die Lage am Wochenende im Berchtesgadener Land. Hier hat die Wucht des Wassers mit voller Kraft zugeschlagen, nachdem der Fluss Ache am Samstag über die Ufer getreten war. Mehr als 160 Menschen mussten in der Urlaubsregion rund um den Königssee aus ihren Häusern in Sicherheit gebracht werden, ein Mensch kam ums Leben. Der Katastrophenfall war ausgerufen worden. Ein Geologe prüfte zudem die Hänge, ob es dort zu weiteren Abrutschen von Hängen kommen könne.

In der Nacht zu Montag gingen die Niederschläge zurück. Der Hochwassernachrichtendienst Bayern (HND) gab am Morgen Entwarnung für den Landkreis.

Söder und Scholz versprechen schnelle Hilfen

Am Sonntagnachmittag besuchten Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) und der Bundesfinanzminister und SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz die betroffene Region. Beide versprachen bei einem gemeinsamen Pressetermin, dass sie die Menschen vor Ort schnell unterstützen wollen. Man habe hier "Mini-Tsunamis" erlebt, die man so nicht kannte, sagte Söder. "Ein unglaublicher Weckruf der Natur", nannte er die Geschehnisse. "Klar ist, wir werden helfen." Er bezog sich dabei auf den Wiederaufbau der Infrastruktur und die persönliche Hilfe für die Bürgerinnen und Bürger. Unabhängig von in Aussicht gestellten Hilfen des Bundes werde man auch in Bayern überlegen, wie man helfen könne. Der bayerische Innenminister Joachim Herrmann (CSU) kündigte später am Abend an, dass das bayerische Kabinett am Dienstag beraten werde, wie schnelle Hilfen für Betroffene im Süden und Osten Bayerns aussehen könnten. "Wir werden diese Menschen dort nicht allein lassen", betonte Herrmann im Interview mit der BR24 Rundschau.

Er sei froh, so Söder weiter, dass Finanzminister Scholz dabei sei. "Ich schätze das, weil es geht auch um finanzielle Möglichkeiten." Scholz sprach von einer "nationale Dimension" der Ereignisse - und meinte damit auch die noch viel verheerenden Unwetter in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz. Deswegen müsse das ganze Land bei der Soforthilfe und beim Wiederaufbau helfen. Es gehe um Milliarden, was keine Kommune vor Ort allein stemmen könne. "Wir werden unbedingt helfen", sagte Scholz. Diese Woche sollten noch erste Entscheidungen zur Nothilfe getroffen werden. Man orientiere sich, so Scholz, bei den Soforthilfen an der letzten Flut, also an etwa 400 Millionen Euro.

Mit Blick auf das Hochwasser im Westen Deutschlands sprach Söder von einer "absoluten Super-Katastrophe". In Relation dazu sei die Situation in Bayern immer noch "sehr, sehr schlimm", aber nicht ganz so dramatisch. Für die einzelnen Betroffenen sei es aber genau gleich schlimm. "Deswegen muss uns jedes Schicksal wertvoll sein." Söder mahnte, man müsse nun sowohl bei Klimaanpassungsmaßnahmen als auch beim Klimaschutz das Tempo beschleunigen. Bis 2040 wolle Bayern klimaneutral werden, "und da werden wir uns richtig anstrengen müssen dafür", sagte der CSU-Chef. Aber auch wenn Klimaschutz teuer sei: "Am Ende sind die Kosten des Nichtstuns viel, viel teurer."

Die Bilanz der Einsatzkräfte in Berchtesgaden

Der örtliche Einsatzleiter Anton Brandner sprach am Sonntag von dramatischen Szenen: "Fahrzeuge auf den Straßen wurden zum Spielball der Wassermassen." 890 Hilfskräfte sind inzwischen in Berchtesgaden, Bischofswiesen, Schönau am Königssee, Marktschellenberg und Ramsau im Einsatz, viele davon seit Samstagabend ohne Pause. Bis zu 500 Mal mussten sie ausrücken.

Der Schaden lässt sich nach Angaben von Landrat Kern noch nicht abschätzen. Dieser gehe aber in die Millionen, sagte er. Feuerwehr und Technisches Hilfswerk waren am Sonntag damit beschäftigt, Straßen wieder befahrbar zu machen, Keller auszupumpen und mit Sandsäcken weitere Überschwemmungen zu verhindern. Mehrere Bahnstrecken wurden in Oberbayern gesperrt. Auch am Sonntag hörte man immer wieder Sirenen. Feuerwehrleute und Kräfte vom Technischen Hilfswerk versuchen, Straßen von Geröll und Schlamm zu befreien, Keller leer zu pumpen und mit Sandsäcken weitere Überschwemmungen zu vermeiden.

Unfall mit Rettern in Berchtesgaden - vier Verletzte

Helfer des Technischen Hilfswerks (THW) sind beim Einsatz im Flutgebiet von Berchtesgaden mit ihrem Lastwagen verunglückt. Vier Menschen wurden zum Teil schwer verletzt, wie das Bayerische Rote Kreuz am Sonntag mitteilte. Der Wagen sei mit Sandsäcken beladen gewesen und auf der Salzbergstraße (B319) bergab auf die Gegenfahrbahn geraten und mit einem Auto zusammengestoßen. Dabei überschlug sich der Laster.

Den Ermittlungen der Polizei zufolge war der 42-jährige THW-Fahrer zusammen mit seinem 25-jährigen Beifahrer unterwegs. In dem anderen Unfallauto saß ein Urlauber-Ehepaar aus der Oberpfalz. Die Polizei vermutete, dass möglicherweise die Bremsen des Lasters heiß gelaufen waren. Die beiden THW-Helfer wurden schwer bis mittelschwer verletzt, das Ehepaar nur leicht. Zudem musste die Wasserwacht mehrere gestrandete Wanderer retten, die wegen des Hochwasser nicht mehr weiterkamen, da die Fähren auf dem Königssee nicht mehr fuhren.

Schulen und Kitas im Berchtesgadener Land bleiben geschlossen

In den Hochwassergebieten bleiben am Montag die Schulen und Kitas geschlossen. Es werde eine Notbetreuung geben, teilte das Landratsamt Berchtesgadener Land am Sonntag mit. Ob die Einrichtungen in den Orten Berchtesgaden, Bischofswiesen, Marktschellenberg, Ramsau und Schönau am Königssee auch am Dienstag geschlossen bleiben müssten, sei noch nicht absehbar. Dies diene zum einen der Sicherheit der Kinder, hieß es als Begründung. Vor allem sollen aber die passierbaren Straßen frei gehalten werden, damit die Einsatzkräfte mit ihren schweren Geräten reibungslos durchkommen könnten.

Bob- und Rodelbahn Königssee schwer beschädigt

Die heftigen Unwetter im Berchtesgadener Land haben auch die Bob- und Rodelbahn am Königssee schwer beschädigt. Teile der Weltcup-Bahn wurden von den Wassermassen weggerissen und zerstört, wie auf Bildern und Videos am Sonntag zu sehen war. Der Landkreis Berchtesgadener Land als Inhaber äußerte sich auf Anfrage zunächst nicht zu den Details und der Schwere der Beschädigung auf der mehr als 1500 Meter langen Traditionsbahn in Schönau am Königssee.

"Es tut unendlich weh!", schrieb der mehrmalige Rodel-Weltmeister und Olympiasieger Felix Loch in den Sozialen Netzwerken neben einem Foto der schwer demolierten Rennstrecke. Sein Herz sei gebrochen, ergänzte der Berchtesgadener und äußerte die Hoffnung, dass sich niemand verletzt habe. Die frühere Rodlerin und Bobfahrerin Susi Erdmann schrieb bei Facebook mit einem weinenden Smiley: "Unfassbar... Meine ehemalige Heimbahn am Königssee wird einfach weggespült."

Auf den Bildern ist zu sehen, wie Geröll- und Wassermassen einen Teil der überdachten Weltcup- und WM-Bahn mit sich rissen und zerstörten. Ein in der Nacht aufgenommenes Amateurvideo zeigt, wie Wasser die Bahn hinunter fließt und Teile der Anlage heftig überschwemmt.

Wo der Zugverkehr beeinträchtigt ist

Durch Hochwasser und Murenabgänge kommt es im Süden Oberbayerns zu Störungen im Zugverkehr. Die Strecke zwischen München und Innsbruck sei beeinträchtigt, sagte ein Sprecher der Deutschen Bahn am Sonntag. Aufgrund des Unwetters wurde am Sonntagvormittag der Betrieb zwischen Eschenlohe und Oberau eingestellt. Die Orte Ohlstadt und Eschenlohe könnten nicht angefahren werden. Zwischen Weilheim und Oberau fährt ein Schienenersatzverkehr.

Die Strecke zwischen Mittenwald und Scharnitz wurde am Vormittag ebenfalls gesperrt. Züge aus Innsbruck enden in Scharnitz. Die Züge aus München fahren wegen einer geplanten Baustelle nur bis Weilheim. Weil die Bundesstraße 2 wegen des Unwetters nicht befahrbar ist, sei zwischen Garmisch-Partenkirchen und Scharnitz kein Ersatzverkehr möglich.

Angestautes Holz in Allgäuer Gebirgsfluss

In der Nähe des beliebten Urlaubsorts Oberstdorf im Allgäu hatten sich in der Nacht auf Sonntag Baumstämme an einer Brücke über einen Gebirgsfluss zu einer natürlichen Barriere verkeilt. Die Feuerwehr fürchtete, dass sich diese sogenannte Verklausung auf einmal lösen könnte - und somit eine Flutwelle ins Tal rauscht. Die Einsatzkräfte konnten aber nicht eingreifen, da die Stelle mit schwerem Gerät nicht zu erreichen war.

Schließlich lösten sich die Stämme nacheinander, sodass kein Problem entstand. "Da hatten wir Glück", sagte ein Sprecher der Polizei, die ansonsten fürs Allgäu keine relevanten Hochwasser-Einsätze zu vermelden hatte.

Meldestufe drei erreichten auch Flüsse in anderen Regionen wie in Oberbayern die Salzach im Raum Burghausen (Landkreis Altötting) und die Loisach bei Eschenlohe im Landkreis Garmisch-Partenkirchen. Es drohten auch in München an der Isar und im Landkreis Altötting Überschwemmungen.

© SZ.de/dpa/infu/mmo/lfr, van
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