Schönau am Königssee:Im Kampf gegen den Schlamm

Nach dem Unwetter in Bayern

In Schönau am Königssee versuchen Anwohner, mit Schaufeln ein Haus am Waldrand von den Schlamm- und Geröllmassen zu befreien.

(Foto: Peter Kneffel/dpa)

Nach dem Unwetter am vergangenen Wochenende versuchen Bewohner und Helfer mit Baggern, Schaufeln und Schläuchen Geröll und Dreck loszuwerden. Der Bürgermeister sorgt sich um die Zukunft.

Von Matthias Köpf, Schönau am Königssee

Irgendwann am Nachmittag sind sie so weit, dass sie die Gurte unten um die Achse bekommen. Die Männer vom Technischen Hilfswerk aus Traunstein und die Soldaten aus der nahen Gebirgsjägerkaserne stützen sich kurz auf ihre Schaufeln, für ein paar Minuten nur, bis der Bagger den zerbeulten roten Kleinwagen am Gurt aus dem Schlamm gezogen hat. Die Mure hat das Auto bis unter den Balkon und dann in das geschlossene Garagentor gedrückt. Um die Ecke steht der Schlamm bis auf halbe Höhe des Erdgeschosses. Dieses Haus war gerade leer gestanden, als in der Nacht auf Sonntag erst der Regen kam und dann der Schlamm. Jetzt ist es unbewohnbar, genau wie das gegenüber. Auch dort wird geschaufelt, von Hand und mit Baggern, wie auf vielen Grundstücke hier in der Vorbergsiedlung und der Fischmichlsiedlung am Rand der Gemeinde Schönau am Königssee.

Mittendrin steht eine Frau mit zwei Puppen in der einen Hand und dem Mobiltelefon in der anderen. Irgendwann klemmt sie sich während ihres einigermaßen verzweifelt klingenden Telefongesprächs das Handy mit der Schulter ans Ohr und zieht eine verbeultes Nummernschild aus dem Schlamm, der aussieht wie frischer Beton. Ein paar Stunden noch, dann wird er auch betonhart sein. Das Wasser kam schnell am Samstagabend, erst als extremer Regen, dann in Form von Sturzbächen von den Hänge und die Straßen entlang. Der zähe, lehmige Schlamm kam viel langsamer, man hätte hergehen können neben ihm. Aufhalten können hätte ihn trotzdem niemand, sagt der Schönauer Bürgermeister Hannes Rasp, der seit Samstag draußen unterwegs war und jetzt am Schreibtisch ein paar Dinge klären muss. Wenn er aufschaut, sieht er in der Ferne an einer Felswand einen Wasserfall, den es bis Samstag nicht gegeben hat. Dort hinten am Königssee liegt auch die Bobbahn, die der sonst kaum hüfthohe, aber in jener Nacht laut Rasp auf acht bis zehn Meter angeschwollene Klingerbach völlig zerstört hat.

Das löchrige und porige Karstgestein rund um den Königssee sei schon voll gewesen wie ein Schwamm, als es am Samstag wieder zu regnen begonnen hat, sagt Rasp. Daher die ungeheure Geschwindigkeit, mit der das Wasser stieg in jener Nacht, in der dann 900 Helfer zu Hunderten Einsätzen ausrückten. Auch sie waren schnell. Am Montagmittag stehen vielleicht noch drei Dutzend Aufträge auf der Liste für die Feuerwehr und THW. Einsatzleiter Anton Brandner kann sich im Berchtesgadener Feuerwehrhaus schon wieder Zeit nehmen, mit den Kollegen allgemeine Fragen der Einsatztaktik zu diskutieren, während sich eine zurückkehrende Besatzung des THW nach der Brotzeit durchfragt.

Aufgaben und Kräfte müssen zusammenpassen, sagt Brandner, und das sei inzwischen der Fall. Katastrophenlagen sind er und seine Leute im Berchtesgadener Feuerwehrhaus gewohnt, zuletzt waren es die heftigen Schneefälle im Januar 2019. Aber solche Ereignisse wirkten sich immer nur punktuell aus. "Der Talkessel als ganzer ist eigentlich nie eine geschlossene Schadensregion", sagt Brandner. Deshalb herrsche in den meisten Orten schnell wieder Normalbetrieb, so wie an diesem Montag. Gleich in der Nähe des Feuerwehrhauses räumt der 80-jährige Fritz Aschauer, der sich an ähnliche Überflutungen nach eigenen Worten nicht erinnern kann, mit seinen Mietern den Keller aus, in dem das mit Heizöl aus dem Tank vermischte Wasser bis zur Decke stand. Zugleich schlendern Touristen mit Eis in der Hand durch den Markt, die Schlange an der Jennerbahn reißt kaum ab und der Parkplatz am Königssee ist so voll wie der See gerade selbst.

Vor allem in Winkl, einem Ortsteil von Bischofswiesen, und in der Vorbergsiedlung und der Fischmichlsiedlung in Schönau wird noch länger gebaggert, geschaufelt und abgespritzt werden. Gut 160 Menschen hatten ihre Häuser verlassen müssen, aber fast alle können längst wieder zu Hause schlafen - wenn auch manche nur im ersten Stock oder auf der hangabgewandten Seite des Erdgeschosses. Nur drei Häuser in Schönau gelten bis auf weiteres als unbewohnbar.

Neben der organisierten Hilfe durch Feuerwehr, THW und Bundeswehr sowie etliche Erdbauunternehmen ist auch die private Hilfsbereitschaft unter den Schönauern groß. Selbst eine dreiköpfige Familie aus Sachsen, die am Samstag zum zweiwöchigen Urlaub angereist war, hat sich Schaufeln geben lassen und verdreckt sich ihre Bergschuhe jetzt eben auf diese Weise. Mit dem ganzen Regen sei bisher sowieso nicht viel anderes möglich gewesen, sagen sie.

Ein Stück weiter vergrößern die Bagger gleich noch ein Regenrückhaltebecken oberhalb der Fischmichlsiedlung, das am Samstag binnen kürzester Zeit übergelaufen war. Die Bagger machen nicht nur die Grube weiter, sondern auch die Wände höher, und zwar gleich mit dem Material, das in der Nacht auf Sonntag vom Berg gerutscht ist. "Davon haben wir ja jetzt genug", sagt Bürgermeister Hannes Rasp. Vor 30 Jahren erst habe man die beiden Rinnen oberhalb der Siedlung aufwendig verbaut und das alles jedes Jahr ausgeräumt und sorgsam instand gehalten. "Und trotzdem ist nix oben geblieben", sagt Rasp, dem das erklärtermaßen große Sorge bereitet, was da in Zukunft noch daherkommen mag.

© SZ vom 20.07.2021/syn
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