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Bayern:Ohne Dach und ohne Zuspruch

Kältebus München

Freiwillige vom "Kältebus München" versorgen Obdachlose. Wegen der Pandemie droht ein finanzieller Engpass bei vielen Anlaufstellen.

(Foto: Andreas Gebert/dpa)

Die Corona-Pandemie verschärft die Isolation vieler Obdachloser. Essen wird zwar ausgegeben, doch ein Gespräch in den Wärmestuben ist wegen der Abstandsregeln oft nicht möglich.

Von Julia Bergmann und Dietrich Mittler

Waldemar Kessler (Name geändert) kennt das Leben auf der Straße. Es ist hart. Auch vor der Corona-Pandemie hätte Kessler das so beschrieben. Seine jetzige Situation aber lässt sich nicht in einen Satz fassen. Nach Ausbruch der Corona-Krise waren die Notschlafstätten wochenlang geschlossen oder sie wurden nur eingeschränkt betrieben. Kessler, der bereits in vielen Städten Deutschlands ein Dach über dem Kopf gesucht hat, ist froh, dass ihn die Christophorus-Gesellschaft in Würzburg nicht im Regen stehen ließ - wortwörtlich.

Michael Schramm, der bei Kesslers Ankunft gerade in der Herberge für Obdachlose Dienst hatte, bekommt als erster Kesslers Geschichte zu hören. Die von der "eiskalten Nacht", die dem Obdachlosen nicht mehr aus dem Sinn geht. Auch in Mainz, so erzählt er, war er abgewiesen worden. Da er nicht mitten in der Stadt "Platte machen" wollte, lief er im strömenden Regen umher, bis er vor einem Friedhof stand. "Zum Glück stand an der Leichenhalle eine überdachte Bank", so endet Kesslers Geschichte.

Vielen Obdachlosen in Bayern - 2017 waren es 15 517 - ergeht es im Augenblick so wie Waldemar Kessler. Auch ohne Pandemie stehen sie nicht im Fokus der öffentlichen Wahrnehmung. "Obdachlose ziehen sich ja oft auch selber zurück. Meistens sind sie in einem Stadium, in dem sie aufgegeben haben, für sich selber zu kämpfen", sagt Bernhard Gattner, Sprecher des Caritasverbands für die Diözese Augsburg. Pia Haertinger, Sprecherin des Sozialdienstes katholischer Männer, erlebt das auch so. Corona isoliert, macht einsam - diese Formel gilt erst recht für Obdachlose.

Die Wärmestube, wo diese Menschen sich stundenlang aufhalten konnten - in Augsburg ist sie pandemiebedingt geschlossen und längst nicht nur dort. Ersatzweise hat der Sozialdienst in Augsburg ein beheizbares 150-Quadratmeter-Zelt aufgestellt. Dort können die Obdachlosen ein warmes Essen zu sich nehmen. Doch nur unter strenger Wahrung des Sicherheitsabstands. "Miteinander reden, sich austauschen oder auch nur mal mit dem Kopf auf der Tischplatte eine Stunde zu schlafen, all das geht jetzt nicht mehr", sagt Haertinger.

Mit einem sehr unguten Gefühl denkt sie an die erste Corona-Welle zurück. "Beim ersten Lockdown war es ganz krass, weil die Obdachlosen nicht einmal mehr auf einer Bank schlafen durften", sagt sie. Einen Schlafplatz zu finden, sei jetzt aber nicht weniger schwer. "Auch die Jungen, die sich für einige Zeit mit Couch-Surfing bei Bekannten über Wasser halten konnten, können mittlerweile kaum mehr auf Aufnahme hoffen", sagt Haertinger. Die Gastfreundschaft stoße nun an ihre Grenzen, "schon rein gesetzlich".

Umso wichtiger, sagt der Augsburger Diözesan-Caritasdirektor Andreas Magg, sei nun die Arbeit der Obdachlosen-Dienste und Hilfsorganisationen. "Das gilt besonders jetzt in dieser Zeit der Corona-Pandemie, die auch viel Einsamkeit mit sich bringt", sagt Magg - verbunden mit einem dringenden Appell: "Helfen wir den Diensten, Einrichtungen und Organisationen, die sich besonders um diese Menschen kümmern - durch Mithilfe, Engagement und auch mit Spenden."

Gefordert ist da natürlich auch der Freistaat. Die Koordinationsstelle Wohnungslosenhilfe Bayern warnt vor finanziellen Engpässen bei der Versorgung von Wohnungs- und Obdachlosen und fordert Hilfe von Bund und Ländern. "Durch die Hygienemaßnahmen kommen hohe Mehrkosten auf die Kommunen zu", sagt Jörn Scheuermann von der Koordinationsstelle Südbayern. Die höhere finanzielle Belastung entstehe vor allem dadurch, dass zusätzliche Räume angemietet werden müssen. Nur so könnten in vielen Unterkünften die Abstandsregeln eingehalten werden. Die Unterbringungsmöglichkeiten wurden bisher etwa in München, Nürnberg, Regensburg und Würzburg erweitert. Die Staatsregierung unterstützt, wie es heißt, die Kommunen aus dem Aktionsplan "Hilfe bei Wohnungslosigkeit".

Für die Obdachlosen sei das wohl größte Problem während der Pandemie aber ohnehin die zunehmende soziale Isolation. "Viele Obdachlose haben sowieso schon wenige Ansprechpartner", sagt Anton Stadler von der Regensburger Bahnhofsmission. Diese wenigen würden jetzt, bedingt durch die Kontaktbeschränkungen, auch noch wegfallen. In der Bahnhofsmission konnten sich Menschen in Not vor der Pandemie auch mal eine halbe Stunde lang aufwärmen, etwas trinken, über ihre Sorgen und Nöte sprechen. Das sei jetzt anders. Wegen der Hygienevorschriften habe man - wie auch in Augsburg - auf eine reine Essensausgabe umsteigen müssen.

Anita Dorsch von der Nürnberger Bahnhofsmission geht davon aus, dass die psychische Belastung vieler Menschen, die auf der Straße leben, deutlich anwächst: "Der Bedarf und die Nachfrage ist extrem gestiegen", sagt sie. Pia Haertinger in Augsburg befürchtet zudem, dass die Obdachlosenzahl bald noch weit höher sein wird als bereits jetzt. Der Grund dafür lässt sich in ein Wort fassen: Corona. "Viele Menschen leben augenblicklich in der Gefahr, ihren Arbeitsplatz zu verlieren und die Miete nicht mehr zahlen zu können", sagt sie. Was auf die Gesellschaft zurollt, ist auch dem Sozialministerium in München bewusst. Dort rechnet man ebenfalls mit "einem drastischen Anstieg von Bürgerinnen und Bürgern, die aktuell nicht in der Lage sind, auf Grund von Kurzarbeit und Soloselbstständigkeit ihren Mietzinsen entsprechend nachzukommen".

© SZ vom 24.11.2020/van/syn
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