Hubert Aiwanger:"Schauma moi, ob de Kühe nu scheißen dürfen"

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Hubert Aiwanger: Ortstermin mit Betroffenen: Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger überzeugt sich in Pähl persönlich davon, dass die Kühe dort noch "scheißen dürfen".

Ortstermin mit Betroffenen: Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger überzeugt sich in Pähl persönlich davon, dass die Kühe dort noch "scheißen dürfen".

(Foto: Johann Osel)

Weil seine Tiere zu viel Dreck im Ort hinterließen, soll ein Landwirt im oberbayerischen Pähl Strafe zahlen. Nicht mit Hubert Aiwanger! Der Freie-Wähler-Chef übernimmt das Bußgeld und festigt damit seinen inoffiziellen Ruf als Minister für Kuhfladen und Bauernseelen.

Von Johann Osel, Pähl

Hubert Aiwanger biegt ums Eck, "Servus beinand", und marschiert gleich direkt Richtung Weide: "Schauma moi, ob de Kühe nu scheißen dürfen." Das freilich dürfen sie hier auf den Wiesen von Landwirt Georg Schweiger, Ortschaft Pähl im Landkreis Weilheim-Schongau. Dass sie es aber taten, wenn der Bauer sein Vieh auf die Weide und zurück in den Stall treibt, hatte unlängst einen Anwohner erbost. Die Kuhfladen-Dichte auf der Straße war nach dessen Ansicht so groß, dass er sich bei den Behörden beschweren musste - und diese ein Bußgeld plus Gebühren erließen, an die 130 Euro. Wirtschaftsminister Aiwanger, verstärkt durch Abgeordnete seiner FW-Fraktion, ist deshalb am Montag nach Pähl gefahren. Um ein "Zeichen" für die Bauern zu setzen. Und um Schweiger die 130 Euro zu spendieren, aus privater Tasche und eingehüllt in eine Klarsichtfolie, damit man ja jeden Schein sieht - sollte die Causa doch gütlich enden, gehe das Geld an den örtlichen Kindergarten.

Die Welt sorgt sich um Energie oder Inflation - und Bayerns Wirtschaftsminister um Kuhfladen? Natürlich nicht, auch zu den großen Themen arbeite Aiwanger "laufend", heißt es in FW-Kreisen. Das stimmt tatsächlich, am Dienstag etwa will er den Gasspeicher im österreichischen Haidach besuchen. Aber da sei halt die Tatsache, hört man noch, dass die Landwirtschaft "Leidenschaft" des Agraringenieurs Aiwanger ist. Das laufe nicht so ab, dass er sich da strategisch draufsetze - sondern er werde ständig gefragt, was er von Themen halte, oder von Bauern um Beistand gebeten. Dass er gar nicht Landwirtschaftsminister ist? Nebensache. Ob er sich mit der tatsächlichen Ressortchefin Michaela Kaniber (CSU) zum Pähl-Politikum abgestimmt habe, will eine Reporterin auf der Weide wissen. "Das ist ein Thema, das mir durchaus alleine zusteht", meint Aiwanger.

Der Beschwerdeführer ist "ein Zuagroaster"

In der CSU rollen sie bekanntlich die Augen wegen des Neben-Landwirtschaftsministers Aiwanger. Allerdings: Seine Ressortgrenzen legt zum Beispiel Wissenschaftsminister Markus Blume (CSU) auch gern derart großzügig aus, dass er in Aiwangers Beritt wildert, Hightech vor allem. "Schamlos", nennen das manche FWler. In der CSU hört man dagegen öfters, dass das nötig sei, weil sich Aiwanger tendenziell um Gasthäuser, Misthaufen und Bergbahnen kümmere. An solchen Reiberein erkennt man bestens, dass im kommenden Jahr schon Landtagswahl ist.

Aiwangers Leidenschaft spürt man indes in Pähl ohne Zweifel, ausreichend Reporter sind da, um seine Lobesworte auf Bayerns Bauern zu dokumentieren. Manche Kühe interessiert der Trubel, andere nicht, eine rückt nah an Aiwanger heran beim Interview, eine andere brunzt, als wäre nichts. Was seien bitte die Postkartenbilder, fragt der Minister, die man weltweit sehen wolle? Kirchen, Trachtler, Kühe auf der Weide, sagt er. Der Anwohner wiederum - ein "Zuagroaster", was "nix heißen soll, wir sind weltoffen" - hätte sich mal lieber eine Schaufel nehmen und den Kuhmist mitnehmen sollen, zum Düngen von Tomaten; wenn er denn einen Garten habe und nicht eine Steinwüste. Fast in den Hintergrund tritt der Anlass der Visite. Bauer Schweiger spricht auch in viele Kameras, stramm stehend und stoisch mit Fliege im Gesicht. Dem Anwohner sei das Auto " a bissl dreckig" geworden, aber danach habe es eh geregnet.

Für die Freien Wähler zahlt sich der Termin doppelt aus - ist er doch ideale Gelegenheit, um den jüngsten Vorstoß zu promoten. Sie wollen Bayerns "Sinneserbe" - landestypische Gerüche und Geräusche der Landwirtschaft, aber etwa auch Kirchenglocken - über den Bundesrat unter Schutz stellen. Variabel auslegbar sei das, erklärt Aiwanger, in Hamburg könnten es Fischmarkt und Schiffshupe sein. FW-Fraktionschef Florian Streibl betont jedenfalls, das hier mit den Kühen sei "ein typischer Fall". Man müsse verhindern, "dass das Landleben weggeklagt werden soll".

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