Ostermärsche 2018 "Wer Frieden will, muss mit seinen Feinden verhandeln"

Ostermarsch in Bremen am Samstag: Jeder Krieg ist ein Verbrechen an der Menschheit

(Foto: dpa)

Der Sprecher der Deutschen Friedensgesellschaft, Thomas Carl Schwoerer, im Gespräch über die Ostermärsche, warum Gewalt die Ultima irratio ist - und man selbst mit dem IS sprechen muss.

Interview von Lars Langenau

Thomas Carl Schwoerer, 60, ist Verleger und Autor, war Geschäftsführender Gesellschafter des Campus Verlags in Frankfurt am Main und ist seit 2006 Bundessprecher der Deutschen Friedensgesellschaft -Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen. Gegründet bereits 1892 als Deutsche Friedensgesellschaft, ist die DFG-VK der älteste und größte deutsche Zusammenschluss von Pazifisten und Kriegsgegnern. Viele Mitglieder überlebten den Nationalsozialismus nicht. In den fünfziger Jahren formierten sich die Pazifisten im Widerstand gegen die Wiederbewaffnung neu und erlebten zur Zeit der 68er-Bewegung und bei den Protesten gegen die Pershing-Raketen Anfang der achtziger Jahre einen Aufschwung. Bis heute ist die DFG-VK neben den Kirchen, Verbänden und Gewerkschaften einer der Organisatoren der Ostermärsche.

SZ: Herr Schwoerer, halten Sie selbst die Wange hin, wenn Ihnen jemand auf die andere geschlagen hat?

Thomas Carl Schwoerer: Nein, so weit geht mein politischer Pazifismus nicht. Ich würde mich wehren, wenn ich überfallen werde oder dergleichen. Aber im Grunde ist Ihre Frage die gleiche wie bei der Gewissensinquisition, wie ich sie als 18-Jähriger bei meiner Kriegsdienstverweigerung erlebt habe. Der Unterschied ist, dass ich - im Gegensatz zur individuellen, überschaubaren Entscheidung als Person - als Soldat zu Befehlsausführung, Gehorsam und Töten verpflichtet bin, aufgrund einer für mich oft undurchschaubaren Entscheidung und mit unübersehbaren Folgen.

Gibt es einen Punkt, an dem Sie sagen: Gewaltanwendung ist gerechtfertigt?

Ich würde immer zuerst zu gewaltfreien Methoden greifen. Ich bin auch misstrauisch gegenüber Argumentationen, die Gewaltanwendung als Ultima ratio bezeichnen, denn in den allermeisten Fällen hat sich herausgestellt, dass es eine Ultima irratio ist. Sie ist eine Ausrede zur Gewaltanwendung, weil man behauptet, dass alle Mittel zur gewaltfreien Beilegung eines Konfliktes ausgeschöpft worden seien, dabei stimmt das fast nie.

Gibt es gute Kriege?

Nein, die gibt es nicht. Jeder Krieg ist ein Verbrechen an der Menschheit, meistens mit unzähligen Toten und riesigen volkswirtschaftlichen Schäden.

Thomas Carl Schwoerer: "Verhandeln statt schießen" muss zur Maxime des Handelns werden - alles andere führt nicht weiter.

(Foto: privat)

Was halten Sie von dem Begriff des "verantwortungsethischen Pazifismus", der Gewalt als Prävention beispielsweise von Genoziden rechtfertigt?

Nicht viel. Es gibt immer gewaltfreie Mittel, die in Fällen von Völkermord jedoch immer im Vorfeld vermieden wurden. In Ruanda etwa wollte der UN-Generalsekretär Boutros Boutros-Ghali Blauhelme an die Fronten zwischen die Volksgruppen stellen, doch die Mitgliedsländer der Vereinten Nationen stellten keine oder viel zu wenig Truppen für einen wirklich effektiven Friedenseinsatz ab. Ebenso ist das im Kosovo-Krieg im Vorfeld versäumt worden. Immer mit dem Argument, dies sei zu teuer. Doch die Kriege, die dann geführt wurden, waren ungleich teurer und haben viele Menschenleben gekostet.