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Nockherberg-Nachlese:Als die Seuche übers Märchenland kam

So hätte es aussehen sollen, das Singspiel im vergangenen Jahr: Antonia von Romatowski betrachtet als Angela Merkel, wie es "der gute König Söderich" (Stephan Zinner) mit den Zwergen zu tun bekommt.

(Foto: Privat)

Der BR gewährt Einblicke in das fast fertige Singspiel 2020, dessen Aufführung wegen der Corona-Pandemie ausfiel.

Interview von Franz Kotteder

Seit diesem Wochenende ist etwas zu sehen, was es vorher nie zu sehen gab: fünf Ausschnitte aus dem Nockherberg-Singspiel vom vergangenen Jahr, insgesamt fast eine halbe Stunde lang. Man findet sie in der Mediathek des Bayerischen Rundfunks unter "Nockherberg 2021" nach den Sendungen von diesem Jahr. "Alles geht gut aus", so der Titel des Stücks, spielte in einem Märchenland des "sehr guten Königs Söderich", Texte und Regie stammten von Richard Oehmann und Stefan Betz, die Musik schrieb Tobi Weber, der mit Oehmann zusammen in der Münchner Kinderrockband Café Unterzucker spielt. Richard Oehmann erzählt im Interview ein paar Hintergründe zum damaligen Singspiel.

SZ: Man sieht in den fünf Clips, dass das Singspiel fast fertig war. Warum hat man es nicht in voller Länge aufgezeichnet?

Oehmann: Das hat man schon, aber das ist nicht komplett vorzeigbar. Das war erst die zweite Probe auf der Bühne, da ist noch viel Durcheinander. Manche haben noch keine Perücke oder kein Kostüm. Der Trompeter Dominik Göbl etwa trägt sein Iron Maiden-T-Shirt. Licht und Ton waren noch lang nicht fertig eingerichtet, bei Musik und Schauspiel gibt es da schon aus technischen Gründen Stolperer. Da will man eben nur die Stellen zeigen, die einigermaßen geglückt sind.

Das Bühnenbild war höchst aufwendig - ist doch eigentlich schade, dass man es jetzt nicht mehr fürs nächste Jahr verwenden kann, oder?

Sehr schade. Das Bühnenbild ist noch eingelagert, aber mit der Veröffentlichung der Ausschnitte sind viele Ideen hinfällig, zum Beispiel das durchaus sauwitzige Reiter-Duell, die fleischfressende Pflanze, dann Sina Reiß als gestiefelte Katha Schulze, oder auch Nikola Norgauer als Pseudo-Überraschungsgast Heidi Klum. Zwei Mitwirkende haben während der Proben gesagt: "Das wird das beste Singspiel, bei dem ich jemals dabei war." Weil uns nun niemand mehr das Gegenteil beweisen kann, sei dieses Zitat hier mal verbreitet.

Andi Scheuer, Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans waren offenbar wichtige Figuren im Singspiel 2020. Werden Sie im Singspiel 2022 auch noch dabei sein?

Nach der Bundestagswahl wird sowieso alles anders sein. Nathalie Hünig und Christian Buse waren sehr komisch als SPD-Hänsel und Gretel, aber mit dem Scholz hat man dieses Jahr den eindeutigeren Repräsentanten. Humoristisch wäre Herr Scheuer ein Gewinn, aber ob das sein politisches Wirken aufwiegt, muss sich die CSU überlegen. In unserer Mautstation-Szene stellt er selbst fest, dass sein derzeitiger Posten schon der Zenit ist. Letzten März, kurz vor der geplanten Premiere, haben wir noch Angst gehabt, dass sie ihn kurz vor der Aufführung rausschmeißen. Und er ist immer noch da. Andererseits: Was soll er denn sonst machen?

Absage der Salvatorprobe am Nockherberg in München, 2020

Richard Oehmann gestaltete das Singspiel zusammen mit Stefan Betz. Ein Ideen-Recycling ist nun nicht mehrmöglich. Aber: "Nach der Bundestagswahl wird sowieso alles anders sein", weiß Oehmann.

(Foto: Stephan Rumpf)

Heuer gab es kein Singspiel: Hatten Sie schon überlegt, in welchem Setting es hätte spielen müssen?

Das Märchenthema war noch im Hirn, weil wir darin eine Heldenreise vom Königreich zum Kaiserreich geplant haben, mit der abtretenden Kaiserin, dem auftrumpfenden König Söderich und Thomas Limpinsel als Habeck. Aber das Corona-Thema hätte die Gewichtung sehr verschoben. Und eine Pest im Märchenland? Ist derzeit vielleicht nur mäßig lustig.

Das Ritterturnier zwischen König Söderich und dem grünen Ritter Robert war schon recht prophetisch. Wie wird die Wahl im Herbst denn wirklich ausgehen?

Da war im Märchenreich wirklich schon alles klar: Das Land wird Schwarz-grün, und die Heinzelmännchen sind als Dienstleistungsprekariat die Hauptleidtragenden, weil sich in der nächsten Regierung keiner für sie interessieren wird. Die dürfen weiter schuften und kriegen trotzdem keine gescheite Rente. Das war zumindest unsere Prophezeiung.

© SZ vom 08.03.2021/kbl
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