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Starkbieranstich auf dem Nockherberg:Der Gipfel des Verzichts

Ein Prosit zur Generalprobe: Der Kabarettist Maxi Schafroth hält seine Fastenrede in diesem Jahr vor einem leeren Saal. Einige Politiker sind immerhin per Video zugeschaltet.

(Foto: Achim Frank Schmidt)

Auf dem Münchner Nockherberg teilt Fastenprediger Maxi Schafroth mächtig aus - es ist das erste Distanz-Derblecken der bayerischen Geschichte.

Von Franz Kotteder

Ein Nockherberg ganz ohne Publikum - ja geht denn so etwas? Wenn man gar nicht sehen kann, wie den Opfern der Fastenpredigt das Lächeln im Gesicht einfriert, wo doch Schadenfreude die schönste überhaupt ist? Beim Bayerischen Fernsehen und bei der Paulanerbrauerei muss man derartige Befürchtungen auch gehegt haben.

Deshalb hat man den Fastenprediger Maxi Schafroth nicht ganz allein in den Nockherberg-Festsaal gestellt, sondern hat ihn mit einem wunderbar lustigen Chor flankiert und einer Reihe von Videobildschirmen, auf denen wichtige Opfer live und in Farbe zugeschaltet waren: Markus Söder und Armin Laschet, Olaf Scholz, Ilse Aigner und Hubert Aiwanger. Hätte man statt der beiden Letzteren noch Karl Lauterbach, Robert Habeck und Christian Lindner eingeladen, so hätte man eine stinknormale Talkshow aus dem Öffentlich-Rechtlichen beisammen gehabt.

Allerdings durfte auf dem Nockherberg fast zwei Stunden lang nur einer reden, und der tat das mit einer dermaßen erkennbaren Lust und Spielfreude, dass alle Bedenken, ob das funktionieren würde, schnell verflogen waren. Maxi Schafroth wusste natürlich: Wo die Lacher mangels Publikum fehlen, muss man eben das Tempo steigern und die Zahl der Pointen erhöhen.

Und so erklärte er "den ersten Distanz-Nockherberg in der bayerischen Geschichte" zum Fortschritt schlechthin und zum Gipfel des Verzichts. Denn 2019, bei seinem ersten Auftritt als Fastenredner, habe er gesehen, "wie die Leute hier rausgetorkelt sind, diese Völlerei, dieses christsoziale Sodom und Gomorrha, der Boden vom Starkbier verpappt und das mitten in der Fastenzeit".

Diesmal sei alles anders. Um die audiovisuellen Schnittstellen habe sich das Kultusministerium gekümmert, unter der Schirmherrschaft des Ministers Michael Piazolo: "Das Kultusministerium, das ist eine Blackbox, da hocken lauter ausgemusterte Gymnasiallehrer drin, die sind mit der Rohrpost überfordert." Der Minister kommt auch später noch mal dran, weil er das Talent habe, "in Dinge hineinzugeraten, in die Freien Wähler zum Beispiel. Was machst du da? Du hockst da drin, wie der Jazzer in der Blasmusik. Der jedes Mal die Augen verdreht, wenn der Dirigent sagt, Burschen, mir brauchen keinen Rhythmus, es langt, wenn's scheppert".

"Die CSU schaut wie meine Oma, wenn der Heintje gesungen hat!"

Dreh- und Angelpunkt der Rede ist aber Markus Söder, der seine Minister nur dann ans Mikrofon lässt, wenn es Pannen zu verkünden gibt: "Merkt Euch! Das Ersatzrad nur bei Pannen!" Dann natürlich als möglicher Kanzlerkandidat von CDU und CSU. Während Olaf Scholz bei der SPD als bisher alleiniger Kanzlerkandidat freiwillig über die volle Distanz laufe, renne Söder wie bei den Bundesjugendspielen kurz vor der Ziellinie aus dem Gebüsch und sage: "Leudde, so anstrengend war's jetzt auch wieder nicht. Hab's Euch net so."

Das sind die Aktionen, mit denen er die eigene Partei bis zur Ekstase treibt: "Diese Begeisterung! Markus, wie die dich alle anschauen, deine Leut! Der Blume Markus, beim Aschermittwoch, diese Blicke, wie die Heidi, wenn der Geißenpeter ums Eck kommt! Die CSU schaut wie mei Oma, wenn der Heintje gesungen hat!"

Gesungen wird dann zwischendrin auch, nämlich Spottlieder vom "Chor der Jungen Union Miesbach", der wiederum von den fünf Sängern Max und Ludwig Hüttenhofer, Franziskus Posselt, Thomas Barth und Markus Schalk verkörpert wird. Zum CSU-Vorsitzenden fällt ihnen etwa ein: "Macht hoch die Tür, die Tor macht weit, der Söder Markus ist bereit", und ein Stück namens "Why Wirecard" beginnt in breitem Österreichisch mit den Zeilen: "In Deutschland ist das Geschäftlmoching leicht, weil die Bafin und da Scholz afoch goanix begreift."

Fast drei Minuten lang muss sich Scheuer einen Spottgesang anhören

Die Gesangseinlagen geben dem Redner die Gelegenheit zum Verschnaufen, bevor die einzelnen Protagonisten nacheinander behandelt werden. Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger als klarer Gegenentwurf zu Söder ist natürlich dabei, im Unterschied zu seinem Chef ein Bauchmensch, wiewohl von deutlich geringerem Format: "Ein niederbayerischer Dyonisos! Sanguin, leutselig, rhetorisch präzise wie eine Stihl Contra nach sechs Stunden Hartholz-Massaker. Für die Menschen innerhalb vom Mittleren Ring, das ist eine Motorsäge, bei der sich nach mehrstündigem Einsatz gern mal das Schwert verzieht."

Zu Aiwanger fällt Schafroth einiges ein. Sogar einiges mehr als zu Andi Scheuer, dem Bundesverkehrsminister, den er allerdings kräftig rannimmt, wegen der vergeigten 580 Millionen Euro für die Maut: "Damit hätt der Gerd Müller", der Entwicklungshilfeminister, "einen ganzen Kontinent vom Hunger bewahren können." Scheuer dagegen schaue jetzt so unschuldig drein "wie ein Kälbchen kurz vorm Bolzenschuss. Für deine ganzen Verfehlungen hast du uns als Entschädigung den E-Scooter in die Innenstädte gebracht. Ein Alu-Gestell, auf dem man draufsteht wie ein Erdmännchen mit Hexenschuss. Danke Andi". Fast drei Minuten lang muss sich Scheuer einen Spottgesang anhören, und er sieht da alles andere als glücklich aus.

Die Opposition in Bayern sei arg unauffällig

Political Correctness, sagt Schafroth zwischendrin zu den Gästen von auswärts, funktioniere in Bayern eben ein bisschen anders: "Da, wo euch der Atem stockt, da beginnt bei uns der Schenkelklopfer." Armin Laschet und Olaf Scholz kommen aber dennoch einigermaßen glimpflich davon. "Wie soll ich a Idee zu euch haben", fragt Schafroth Dieter Reiter und Olaf Scholz, "wenn ihr selber keine habt?"

Die Opposition, kritisiert der Fastenprediger, sei arg unauffällig. Was auch für die Grünen gilt, die es gar nicht erwarten können, als Juniorpartner mit einem Kanzler Söder zu regieren. Katha Schulze, die Fraktionsvorsitzende im Landtag, habe sich extra mit der Webcam zugeschaltet, "selbstverständlich komplett solarstrombetrieben, sie ist extra für diese Übertragung nach Los Angeles geflogen, weil's da noch hell ist - vorbildlich!" Sonst aber merke man deutlich, wie sich auch die Bundes-Grünen auf das Mitregieren vorbereiten.

Zum Schluss hinaus wird es dann fast wieder ein bisschen ernst, wenn es dann noch einmal um die Pandemie geht und um jene, die sich "über ihren biodeutschen Stammbaum freuen" und sich für die Krone der Schöpfung halten "in einem Land, in dem die Nachverfolgung nicht klappt, weil man im Gesundheitsamt mit dem Fax arbeitet". Da nennt Maxi Schafroth bewusst keine Namen und keine Partei, aber man weiß natürlich trotzdem genau, wer damit gemeint ist.

© SZ vom 06.03.2021/infu
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