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Surfen in München:"Eine Verdopplung innerhalb der letzten Jahre"

Als Deventer hier in den Siebzigerjahren das erste Mal auf der stehenden Welle ritt, gab es keine Schlangen. Im Münchner Olympiasommer 1972 entdeckten Surfpioniere um die Brüder Arthur und Alex Pauli, dass sie die Welle unterhalb der Brücke mit einem Surfbrett befahren konnten, ganz ohne weitere Hilfsmittel.

Das Internet hält Super-8-Aufnahmen von damals bereit. "Krass", sagt Deventer, wie viele inzwischen diesen Sport für sich entdeckt hätten. Aber auch verständlich. "Surfen ist eben etwas Großartiges, schade nur, dass die Welle hier nicht länger läuft." Verlässliche Zahlen darüber, wie viele Surferinnen und Surfer es in München gibt, existieren nicht. Mehr als 2000 sollen es mittlerweile sein, schätzt die Interessengemeinschaft Surfen in München (IGSM). "Das wäre locker eine Verdopplung innerhalb der letzten Jahre", sagt ihr Vorsitzender, Wolfrik Fischer.

Bilder Surfen München

Wolfrik Fischer kämpft für die Interessen der Surfer.

(Foto: Philipp von Nathusius)

Nur von vier Uhr nachmittags bis halb acht am Abend leiten die Stadtwerke München (SWM) an der Floßlände ausreichend viel Wasser von der Isar in den Seitenkanal ab. Nur dann formt es sich zu einer halbrunden Rampe, auf der man surfen kann. Und das auch nur von Mai bis Ende September. Eine kurze Saison, mit kurzen Tagen. Auf Nachfrage sagen die Stadtwerke, man habe "jüngst eine Idee vorgestellt", wie die Situation "verbessert" werden könnte. Denn das Wasser, das die Surfer, aber auch Flößer und Kanuten im Kanal nutzen, fließt nicht mehr durchs Kraftwerk. Eine Lösung, von der "Surfer wie auch Ökostromerzeugung profitieren" würde man bald der Öffentlichkeit präsentieren.

Jüngst hat die IGSM den Eisbach für die Augen und Kameras Tausender Touristen hinter Bauzäunen und Plastikplanen verschwinden lassen, um auf ihre Sichtweise hinzuweisen "Mehr Wasser, mehr Wellen", lautete die auf den Sichtschutz gesprayte Protestbotschaft. "Wir wollten der Stadt zeigen, was wäre, wenn es keine Surfwellen mehr gäbe", sagte Fischer. "Wehtun" sollte die Aktion am zweiten Wiesnwochenende. Weil die Stadt sich gerne sonne, im image-förderlichen Licht der Surfer, aber nicht genug tue, um dem Sport ausreichend Raum zu geben. "Denn Surfen in München hat in seiner Breite eine neue Dimension erreicht".

Wer im gerade zu Ende gegangenen Sommer aufmerksam durch die Stadt wandelte, konnte auch abseits der Wellen Indizien ausmachen, die Fischers Aussage stützen: die Menge von Surfbretthalterungen an Zweirädern, an Menschen mit Surfbrettern unterm Arm in den Straßen, an auf Balkonen zum Trocknen aufgehängten Neoprenanzügen, die Anzahl von Surfern, die im Kegel von Akkustrahlern oft bis weit nach Mitternacht auf dem Eisbach hin und her jagten.

Mehr Surfer, ja, aber sind es zu viele geworden? Inzwischen, so hat es den Anschein, ist das Surfen in München zu einem Luxusproblem der Stadt mutiert.

Bilder Surfen München

Gehört zu den größten Talenten der Stadt in Sachen Riversurfen: Laura Haustein.

(Foto: Philipp von Nathusius)

Wer an den Floßlände von vorne auf den Brückenbogen oberhalb der Welle blickt, kann ein Schild entdecken: "Täglich ab 18.30 Uhr: Drop-in-only-sessions". Daneben ein durchgestrichenes Strichmännchen im Begriff, aus dem Sitzen auf ein Surfboard zu steigen. Der Urheber: die IGSM. Man kann es als verzweifelten Versuch interpretieren, den Andrang an dem als Anfängerwelle gepriesenen Spot zu regulieren. An der Floßlände hat das Verhältnis von Surfen zu Warten ganz offensichtlich Schlagseite bekommen. Es droht zu kippen ins Unsinnige. "Das hat was von Stehmeditation", sagt einer .

Laura Haustein zuckt mit den Schultern. Sie gehört zu denen, bei denen auf die Bretter geklopft wird. Die 22-Jährige surft seit vier Sommern. Längst auch am Eisbach, gerade hat sie eine Mini-Serie aus drei Wettkämpfen auf stehenden Wellen für sich entschieden.

Auf Neoprenschuhe, die an diesem Tag bereits viele tragen, hat sie verzichtet. "Ist doch erst September, da weigere ich mich noch", sagt die Lehramtsstudentin mit tiefer Stimme, der Teint surferinnenmäßig, und grinst breit. Woher die gute Laune kommt, trotz der langen Wartezeiten? "Im Sommer waren hier an manchen Tagen locker doppelt so viele, die angestanden sind", sagt sie. Einmal habe sie 48 Surfer gezählt. Die Wartezeit dann: "Fast eine halbe Stunde."

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