Süddeutsche Zeitung

Surfen in München:Der Druck auf die Wellen wächst

München profitiert von seinem Image als Flusssurfer-Hauptstadt der Welt. Doch in der Szene rumort es. Ein Besuch an der Floßlände, wo alles begonnen hat.

Manchmal bedarf es bloß zweier chinesischer Touristinnen, um zu verstehen, was abgeht. Wenn so ein Duo beim Anblick von einer Gruppe junger Herren, die im Lehel auf Fahrrädern um die Ecke biegt, unter dem Arm spitz zulaufende Planken aus hellem Kunststoff, anfängt mit den Füßen zu tippeln, mit dem Finger auf die mutmaßlichen City-Surfer zeigt und sich zujauchzt, als wäre das Ziel aller Sightseeingträume ganz nah, dann wird einem schlagartig klar: Wellenreiten inmitten einer Millionenstadt ist doch nicht so selbstverständlich, wie es sich nach fast fünf Jahrzehnten des Flusssurfens in München für manch einen anfühlen mag.

München, die unbestrittene Riversurf-Hauptstadt der Welt, ist gesegnet mit Wellen. Vier regelmäßig surfbare Wogen formt die Isar mit ihrer wilden Kraft. Gepfercht in Ableitungen aus betonierten Bachbetten entsteht aus ihrem Wasser die wohl druckvollste, die stabilste und die am stärksten frequentierte dauerhaft surfbare Flusswelle der Welt. Vielleicht ist sie sogar die am meisten gesurfte überhaupt, die Eisbachwelle. Trotz der Warnhinweise: Nicht für Anfänger. Trotz der hinter ihrem Kamm im Abwärtssog lauernden 24 Kantsteine. Lange stand sie im Ruf als ein Ort, an dem das angestammte Personal Neuen gegenüber schnell mal ungemütlich wird. Ein Schutzmechanismus, der angesichts des Andrangs, der dort im Sommer bis oft tief in die Nacht herrscht, zu erodieren scheint.

Einige hundert Meter stromabwärts, an der Dianabadschwelle, gibt es eine zweite, freundlichere Welle, auch E2 oder "kleine Eisbachwelle" genannt. Hier ist das Surfen eigentlich verboten. Totenkopfschilder und durchgestrichene Strichmännchen auf Surfboards warnen - trotzdem toleriert der Hausherr, der Freistaat Bayern, das auch an dieser Stelle im Englischen Garten eine Welle geritten wird. Weiter südlich, unterhalb der Wittelsbacherbrücke, entsteht bei ausreichend hohem Pegelstand der Isar eine gemütliche Genusswoge, surfbar mit einiger Erfahrung und großvolumigen Brettern. Und in Thalkirchen verfügt die Stadt über einen anfängerfreundlichen Spot, mit Prallschutz aus Kunststoff an den Seitenwänden des Kanals und Einstiegserleicherungen, um gefahrlos für erste Versuche aufs Brett zu kommen.

Vor zwei Jahren ist in der Vorstadt, in Taufkirchen, sogar eine fünfte Welle hinzugekommen, wenngleich nur gegen Eintritt surfbar. Viele alteingesessene Surfer betrachten sie als "Fluch und Segen" zugleich. Ein Segen, weil jede Welle mehr besser sei. Und ein Fluch, weil sie täglich neue Surfer ausspucke, die ihre gegen teures Eintrittsgeld erworbenen Fähigkeiten auf den frei zugänglichen Wellen der Stadt weiterentwickeln wollen. Jochen-Schweizer-Welle hin oder her, die Situation für die Surfer in München sollte eigentlich eine luxuriöse sein. Doch nach dem Sommer 2019 scheint die Seele der Surfstadt angefasst. Wo liegt das Problem?

Ein später Donnerstagnachmittag Ende September. Die tief stehende Sonne betupft die große Wiese sparsam mit Lichtflecken. Einige Fahrräder, Rucksäcke und Handtücher liegen herum. Auf der kleinen Brücke, die über den Kanal der Floßlände führt, hat sich Laub im Maschendraht verfangen. Ein paar Spaziergänger sind stehen geblieben, Gäste vom Campingplatz nebenan. Sie schauen den Surfern von hinten aufs Haupt und hinunter auf eine spiegelglatte, schräge Wand aus Wasser.

"So gut wie jetzt ist die Welle das ganze Jahr noch nicht gelaufen", sagt Dieter Deventer, blonde Haare, freundliches, breites Lachen. Der 66-Jährige zieht sich um, die Session für heute ist vorbei. Die Welle liegt bereits im Schatten. So auch die Schlangenzu ihren Seiten. 20 in Wetsuits gezwängte Menschen warten auf einen Ritt, die eine Hälfte links, die andere rechts. Keiner drängelt, manche vertreiben sich die Zeit und ratschen, lachen, klopfen auf ihre Bretter, wenn einer oder einem auf dem Wasser ein besonderes Manöver gelingt. Andere bibbern einfach so lange vor sich hin, bis sie endlich wieder an der Reihe sind. Die vollen zehn Minuten. Lufttemperatur: elf Grad, das Wasser bloß ein paar Grad wärmer.

"Eine Verdopplung innerhalb der letzten Jahre"

Als Deventer hier in den Siebzigerjahren das erste Mal auf der stehenden Welle ritt, gab es keine Schlangen. Im Münchner Olympiasommer 1972 entdeckten Surfpioniere um die Brüder Arthur und Alex Pauli, dass sie die Welle unterhalb der Brücke mit einem Surfbrett befahren konnten, ganz ohne weitere Hilfsmittel.

Das Internet hält Super-8-Aufnahmen von damals bereit. "Krass", sagt Deventer, wie viele inzwischen diesen Sport für sich entdeckt hätten. Aber auch verständlich. "Surfen ist eben etwas Großartiges, schade nur, dass die Welle hier nicht länger läuft." Verlässliche Zahlen darüber, wie viele Surferinnen und Surfer es in München gibt, existieren nicht. Mehr als 2000 sollen es mittlerweile sein, schätzt die Interessengemeinschaft Surfen in München (IGSM). "Das wäre locker eine Verdopplung innerhalb der letzten Jahre", sagt ihr Vorsitzender, Wolfrik Fischer.

Nur von vier Uhr nachmittags bis halb acht am Abend leiten die Stadtwerke München (SWM) an der Floßlände ausreichend viel Wasser von der Isar in den Seitenkanal ab. Nur dann formt es sich zu einer halbrunden Rampe, auf der man surfen kann. Und das auch nur von Mai bis Ende September. Eine kurze Saison, mit kurzen Tagen. Auf Nachfrage sagen die Stadtwerke, man habe "jüngst eine Idee vorgestellt", wie die Situation "verbessert" werden könnte. Denn das Wasser, das die Surfer, aber auch Flößer und Kanuten im Kanal nutzen, fließt nicht mehr durchs Kraftwerk. Eine Lösung, von der "Surfer wie auch Ökostromerzeugung profitieren" würde man bald der Öffentlichkeit präsentieren.

Jüngst hat die IGSM den Eisbach für die Augen und Kameras Tausender Touristen hinter Bauzäunen und Plastikplanen verschwinden lassen, um auf ihre Sichtweise hinzuweisen "Mehr Wasser, mehr Wellen", lautete die auf den Sichtschutz gesprayte Protestbotschaft. "Wir wollten der Stadt zeigen, was wäre, wenn es keine Surfwellen mehr gäbe", sagte Fischer. "Wehtun" sollte die Aktion am zweiten Wiesnwochenende. Weil die Stadt sich gerne sonne, im image-förderlichen Licht der Surfer, aber nicht genug tue, um dem Sport ausreichend Raum zu geben. "Denn Surfen in München hat in seiner Breite eine neue Dimension erreicht".

Wer im gerade zu Ende gegangenen Sommer aufmerksam durch die Stadt wandelte, konnte auch abseits der Wellen Indizien ausmachen, die Fischers Aussage stützen: die Menge von Surfbretthalterungen an Zweirädern, an Menschen mit Surfbrettern unterm Arm in den Straßen, an auf Balkonen zum Trocknen aufgehängten Neoprenanzügen, die Anzahl von Surfern, die im Kegel von Akkustrahlern oft bis weit nach Mitternacht auf dem Eisbach hin und her jagten.

Mehr Surfer, ja, aber sind es zu viele geworden? Inzwischen, so hat es den Anschein, ist das Surfen in München zu einem Luxusproblem der Stadt mutiert.

Wer an den Floßlände von vorne auf den Brückenbogen oberhalb der Welle blickt, kann ein Schild entdecken: "Täglich ab 18.30 Uhr: Drop-in-only-sessions". Daneben ein durchgestrichenes Strichmännchen im Begriff, aus dem Sitzen auf ein Surfboard zu steigen. Der Urheber: die IGSM. Man kann es als verzweifelten Versuch interpretieren, den Andrang an dem als Anfängerwelle gepriesenen Spot zu regulieren. An der Floßlände hat das Verhältnis von Surfen zu Warten ganz offensichtlich Schlagseite bekommen. Es droht zu kippen ins Unsinnige. "Das hat was von Stehmeditation", sagt einer .

Laura Haustein zuckt mit den Schultern. Sie gehört zu denen, bei denen auf die Bretter geklopft wird. Die 22-Jährige surft seit vier Sommern. Längst auch am Eisbach, gerade hat sie eine Mini-Serie aus drei Wettkämpfen auf stehenden Wellen für sich entschieden.

Auf Neoprenschuhe, die an diesem Tag bereits viele tragen, hat sie verzichtet. "Ist doch erst September, da weigere ich mich noch", sagt die Lehramtsstudentin mit tiefer Stimme, der Teint surferinnenmäßig, und grinst breit. Woher die gute Laune kommt, trotz der langen Wartezeiten? "Im Sommer waren hier an manchen Tagen locker doppelt so viele, die angestanden sind", sagt sie. Einmal habe sie 48 Surfer gezählt. Die Wartezeit dann: "Fast eine halbe Stunde."

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Quelle:
SZ vom 02.10.2019/pvn
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