SZ-Pflegekolumne: Auf Station, Folge 65:Nackt auf Intensiv

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SZ-Pflegekolumne: Auf Station, Folge 65: Ein Bild, das so oder so ähnlich wohl die meisten seit Corona schon gesehen haben: Ein kaum bekleideter Intensivpatient, wie hier im LMU-Klinikum in München-Großhadern.

Ein Bild, das so oder so ähnlich wohl die meisten seit Corona schon gesehen haben: Ein kaum bekleideter Intensivpatient, wie hier im LMU-Klinikum in München-Großhadern.

(Foto: Robert Haas)

Im Gegensatz zu Patienten auf Normalstationen tragen die von Pola Gülberg meistens ein Krankenhaushemd, das gerade so das Nötigste bedeckt - oder auch mal gar nichts. Aber weshalb ist das so?

Protokoll: Johanna Feckl, Ebersberg

Mittlerweile sind vermutlich über jeden Fernsehbildschirm in den Wohnzimmern zu Hause etliche Bilder von Corona-Intensivpatienten geflimmert: Auf dem Bauch liegende Körper, die an einer tief brummenden Beatmungsmaschine angeschlossen sind, Kopf oder Gesicht unkenntlich gemacht. Und viel nackte Haut. Diese Nacktheit ist uns Intensivstationen zu eigen - und irritiert viele Menschen. Denn auf Normalstationen tragen die Patienten für gewöhnlich Jogginghose oder Leggins und ein T-Shirt. Regelmäßig fragen mich deshalb Freunde und Bekannte: Woran liegt es, dass Patienten auf Intensiv in einem flatterigen Krankenhaushemd stecken, das oft nur das Allernötigste bedeckt?

Natürlich ist es uns nicht egal, wie nackig oder angezogen jemand in seinem Bett liegt. Wenn ich zum Beispiel einen Patienten wasche, dann kommt mir keine Reinigungskraft ins Zimmer - das ist Sperrzone. Selbst wenn außer mir niemand da ist, arbeite ich mit dem alten Hemd, um eine Körperpartie immer bedeckt zu halten: Wasche ich die Arme, liegt das Hemd währenddessen auf dem Oberkörper. Bin ich beim Oberkörper angelangt, rutscht es hinunter in den Intimbereich. Dann kommen die Beine dran und als letztes der Intimbereich. Erst, wenn ich dort mit dem Waschen beginne, kommt das alte Hemd weg, das neue lege ich schon parat und ziehe es dem Patienten sofort nach einem Handschuh-Wechsel über. Und auch wenn die Visite bei meinen Patienten angekommen ist, achte ich darauf, dass sie so gut es geht bedeckt sind.

SZ-Pflegekolumne: Auf Station, Folge 65: Intensivfachpflegerin Pola Gülberg von der Ebersberger Kreisklinik.

Intensivfachpflegerin Pola Gülberg von der Ebersberger Kreisklinik.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Wir schützen die Privat- und Intimsphäre unserer Patienten wo es nur geht. Die Nacktheit von der Intensivstation verbannen können wir jedoch nicht. Denn sie erfüllt einen medizinischen Zweck.

So haben viele unserer Patienten hohes Fieber - auch fast alle unserer Corona-Patienten. Da sind 41 Grad keine Seltenheit. Bei solchen Temperaturen versuchen wir alles, um das Fieber zu senken. Also kühlen wir die Oberflächentemperatur des Körpers. Denn jedes Mal, wenn das Blut im Körper dann an dieser von außen kühleren Stelle vorbeifließt, wird es ebenfalls gekühlt - das Fieber beginnt zu sinken. Im Idealfall zumindest.

Bauch und Rücken sind die größten Flächen am Körper. Sie eignen sich am besten, um Wärme auszudunsten. Deshalb: Hemd auf oder ganz aus und Pfefferminz- oder Zitronenwaschung drauf. So haben wir zum einen die kühlere Umgebungsluft und zum anderen die Verdunstungskälte der Waschung, die beide auf die wärmere Haut wirken - und das Abfiebern kann beginnen. Im Prinzip funktioniert das ähnlich wie Wadenwickel - und das kennen wohl alle als wirksames Hausmittelchen gegen Fieber.

Pola Gülberg ist Intensivfachpflegerin. In dieser Kolumne erzählt die 38-Jährige jede Woche von ihrer Arbeit an der Kreisklinik in Ebersberg. Die gesammelten Texte sind unter sueddeutsche.de/thema/Auf Station zu finden.

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