Fridays for Future:Die junge Generation lässt sich nicht hinter die Fichte führen

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Die letzten Klima-Proteste vor der Bundestagswahl sind eine Mahnung: Ein Wegducken ist nicht mehr möglich.

Kommentar von Michael Bauchmüller

Von denen, die an diesem Freitag für das Klima durch die Straßen ziehen, werden viele am Sonntag nicht wählen können. Die aber, die es können, sind in der Minderheit, das bewirkt schon die Demografie. Die Generation, die nicht mehr viel zu verlieren hat, stellt schlicht mehr Wähler als die, die um ihre Zukunft bangen muss.

Und doch haben die Fridays for Future in den knapp drei Jahren ihres Bestehens mehr für den Klimaschutz erreicht als alle Wähler zusammen. Sie haben die Koalition zu einem Klimaschutzgesetz gebracht, das die Union so nie wollte. Sie haben vor dem Bundesverfassungsgericht - auch als Kläger - die Rechte künftiger Generationen erstritten; mit einem Urteil, das alle künftigen Regierungen noch beschäftigen wird. Und sie haben es geschafft, dass dieser Wahlkampf so sehr vom Kampf gegen die Klimakrise beherrscht war wie keiner zuvor.

Ein Wohlfühlprogramm der nächsten Regierung wird nicht reichen

Allerdings hat auch ebendieser Wahlkampf bewiesen, dass es damit nicht getan sein wird. Klimaschutz ist für die meisten Parteien, namentlich die beiden größten, immer noch ein moderat gestimmtes Wohlfühlprogramm, in dem entweder milliardenschwere Investitionen oder die grenzenlose Innovationskraft der Unternehmen die Wende bringen sollen. Nichts gegen Tüftler und Ingenieurinnen: Aber viele der Innovationen, die nun binnen 24 Jahren das Klima retten sollen, sind schon seit vielen Jahren bekannt. Durchgesetzt haben sie sich bisher trotzdem nicht.

Eine Klimapolitik, die außer höheren Preisen für CO₂ am täglichen Leben nichts verändert, die keine Vorgaben dafür macht, wie sich dieses Land in den kommenden zehn, zwanzig Jahren entwickeln soll - eine solche Klimapolitik kann nicht gelingen. Und wer das suggeriert, der will letztlich die Wählerinnen und Wähler hinter die Fichte führen - in der Hoffnung, dass sich das Thema nach der Wahl schon irgendwie erledigen wird.

Es wird noch viele solcher Freitage geben müssen, ganz gleich, wie die Wahl ausgeht und welche Koalition anschließend regiert. Jede neue Regierung wird weiter den Druck der Schülerinnen und Schüler brauchen, soll sie die Belange künftiger Generationen mitdenken: Sei es beim Ausbau erneuerbarer Energien; bei der Gestaltung einer klimafreundlichen Mobilität, die sachte auch die deutsche Autoindustrie in die postfossile Zukunft führt; beim Umbau der Landwirtschaft und der Wiederbelebung der Moore; und nicht zuletzt übrigens auch bei der Solidarität mit jenen, die für den Klimawandel am wenigsten können, aber am stärksten darunter zu leiden haben. In den Wahlprogrammen findet sich zu all dem einiges. Aber der Weg vom großen Wort zur großen Tat ist mitunter weit.

Die Katastrophen sind noch fern - wirklich?

Wie weit, das hat auch dieser Wahlkampf gezeigt. Denn mit großer Leidenschaft wurde, auch in den Medien, über die Kosten des Klimaschutzes gestritten. Es sieht ganz so aus, als würden viele Eltern und Großeltern, die für ihre Kinder und Enkelkinder noch ihr letztes Hemd opfern würden, die Taschen zuhalten, wenn es um so etwas Abstraktes wie "künftige Chancen" geht. Die Katastrophen sind schließlich noch fern. Scheinbar fern, wie die Fluten dieses Sommers gezeigt haben.

"Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut!" - das ist mehr als ein gut gereimter Demo-Spruch. Dieser Diebstahl ist leider die Wahrheit, doch diese Diebe brauchen auch dringend Hilfe: Es handelt sich um Kleptomanie. Ohne weiteren Druck kommen sie nicht davon los.

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