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Olaf Scholz bei "Maischberger":"Ich will dringend ins Kanzleramt" 

SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz bei Maischberger

Die Chance auf die Kanzlerschaft scheint Olaf Scholz derzeit zu beflügeln.

(Foto: ARD)

Bei Fragen zur Linken lässt der SPD-Kanzlerkandidat Zweifel durchblicken - solche zu Wirecard spielt er von sich weg. Bei "Maischberger" zeigt Scholz, dass es für andere Parteien schwer werden könnte, ihn vorzuführen.

TV-Kritik von Thomas Hummel

Die Wandlung des Olaf Scholz im Laufe des vergangenen Jahres ist erstaunlich. Vor acht Monaten war er noch der Verlierer der Nation, als die Parteimitglieder ihn und seine Partnerin Klara Geywitz nicht zu den Vorsitzenden der SPD wählten. Und nun ist er plötzlich auf dem vorläufigen Höhepunkt seiner Karriere angekommen, ist seit Montag Kanzlerkandidat eben dieser SPD. Der 62-Jährige sitzt bei Sandra Maischberger in der Talkshow und sagt zu Beginn: "Ich will dringend ins Kanzleramt, und zwar als Kanzler." Er wirkt fast euphorisch.

Für die Sendung mit dem Beinamen "Die Woche" ist es ein Coup, den Mann der Woche zum Gespräch bitten zu können. Es ist am Ende überraschend, dass Scholz nur gut 24 Minuten der mehr als einstündigen Sendung einnimmt. Die SPD hat als erste Partei mehr als ein Jahr vor der Bundestagswahl ihren Kandidaten bestimmt, die Partei und Scholz sind in aller Munde. Der 62-Jährige kommt vermutlich in die Sendung, um sich dem Fernsehvolk noch einmal neu zu präsentieren, dabei kennt man den Vizekanzler und Finanzminister eigentlich schon ganz gut.

Immerhin sind jetzt ein paar neue Fragen zu klären. Zum Beispiel: Wieso nominiert die Partei einen Mann, den sie vor nicht einmal einem Jahr politisch demütigte? Die Redaktion von "Maischberger" spielt Szenen ein, in denen sich die heutigen Vorsitzenden der Partei, Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans, nicht besonders positiv über ihn äußern. Esken bezweifelte in einer anderen Talkshow, dass Scholz ein "standhafter Sozialdemokrat" sei. Ob ihn das getroffen habe?

"Ja. Selbstverständlich", antwortet Scholz. Doch anschließend folgt, was in den vergangenen Tagen immer wieder folgte auf diese Fragen: Die SPD erklärt, warum die Grabenkämpfe jetzt beendet seien, warum es von nun an gemeinsam gegen die politischen Wettbewerber gehe und nicht mehr gegeneinander. Scholz erklärt, er wisse von Saskia Esken, dass sie das nicht so gemeint habe. Wenn man jedes Wort auf die Goldwaage lege, das in der Hitze eines Gefechts gesagt werde, dann habe man es schwer. Nachtragend ist er also nicht, der Kandidat.

Maischberger wittert eine Show in der SPD

Es sei trotz der Auseinandersetzung um den Parteivorsitz immer freundschaftlich zugegangen, beteuert Scholz - auch hinter der Bühne. Seitdem hätten alle sehr eng zusammengearbeitet. Deshalb hätten viele in der SPD die Idee unterstützt, dass nun Esken, Walter-Borjans und Scholz gemeinsam in den nächsten Wahlkampf ziehen. Olaf Scholz erklärt voller Zuversicht: "Ich glaube, das wird eine gute Sache."

Das kann man glauben oder nicht, Sandra Maischberger wittert eine Show in der SPD. Scholz widerspricht: "Es ist ein großes Missverständnis in der politischen Demokratie, wenn nur diejenigen zusammenarbeiten, die hundert Prozent einer Meinung sind - dann wird das nichts werden." Auch Willy Brandt, Herbert Wehner und Helmut Schmidt, drei führende SPDler des vergangenen Jahrhunderts, seien nicht immer einer Meinung gewesen.

Scholz ist der bekannt eloquente, geradlinige Typ, der erfahren genug ist, sich von keiner Moderatorin mehr in eine Falle locken zu lassen. Kommt eine schwierige Frage, lässt er sich auch mal ein, zwei Sekunden Zeit für die Antwort. Er wirkt kontrolliert und selbstbewusst. Hält er diese Form, wird es für Kandidaten anderer Parteien nicht leicht, ihn etwa in einem direkten Rededuell vorzuführen.

Weil die Parteilinken der SPD mit Esken oder Parteivize Kevin Kühnert schon von einem Bündnis mit Grünen und Linken träumen, soll sich auch der Realo Scholz dazu äußern. Im Studio sitzt der Unternehmer Hans Rudolf Wöhrl, der von Panik unter seinesgleichen berichtet bei dem Gedanken an eine Regierungsbeteiligung der Linken. Wie also steht Olaf Scholz zu den Linken? Doch dazu lässt er sich kein erklärendes Wort entlocken. Wenngleich er Zweifel andeutet.

"Zu der Regierungsfähigkeit der Linken gibt es noch viele Fragen, da wird es sicherlich viel zu diskutieren geben. Ich wünsche gute Verrichtung", sagt Scholz und lässt da auch seine hanseatische Ironie aufblitzen. Er wiederholt die Aussagen der vergangenen Tage, nach denen es im Falle einer möglichen Regierungsbildung "auf die anderen ankommt". Er adressiert an die Linken, dass die SPD an einer funktionierenden Wirtschaft, an einem Verbleib in der Nato und einer Stärkung der europäischen Idee interessiert sei. Heißt: Lassen sich die anderen im Falle des Falles auf diese Ideen ein, kann man nichts ausschließen.

Wobei man auch fragen könnte: Wie will Olaf Scholz angesichts der aktuellen Umfragewerte der SPD von etwa 16 Prozent ohne die Linken Kanzler werden?

Die Sozialdemokraten werden die Union wohl kaum mehr einholen. Dort sieht man schon die Strategen, wie sie eine Neuauflage der Roten-Socken-Kampagne von 1994 in Auftrag geben. Damals hatte die Union vor einem Bündnis der SPD mit der SED-Nachfolgepartei PDS gewarnt und damit die Wahl gewonnen.

"Männliche Merkel" - ein großes Lob

Einige Antworten gibt Olaf Scholz immerhin. Vermögenssteuer? Ja, nach dem Modell der Schweiz. War er schon einmal arbeitslos? Ja, einen Monat nach dem Zivildienst, ansonsten habe er beruflich Glück gehabt. Bedingungsloses Grundeinkommen? Halte er für falsch. Ist ein Spitzensteuersatz von 75 Prozent ab einer Million Euro Einkommen eine gute Idee? "Nein." Den Ausdruck "männliche Merkel" hält er angesichts der Leistungen der Kanzlerin für ein großes Lob.

Olaf Scholz weiß, dass er einen sehr langen Weg vor sich hat. Die Fragerunde bei "Maischberger" gehört eher zum Vorspiel, bis zur Wahl sind es noch 14 Monate. Vorher wird sich der Finanzminister wohl einem Untersuchungsausschuss zur Wirecard-Affäre stellen müssen. Darauf angesprochen sagt er: "Es ist ein ganz schlimmer Betrug, und es ist sehr erstaunlich, dass Wirtschaftsprüfungsgesellschaften mit sehr hohen Honoraren, vielen Mitarbeitern und Kenntnis aller Dinge elf Mal sagen: 'Alles gut.'"

Scholz ist sich offenbar sicher, diese Affäre unbeschadet zu überstehen.

© SZ/jobr
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