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"Maischberger" nach der Bundestagswahl:Berechtigter, aber irrelevanter Vorwurf

Eine konkrete Debatte über die Angemessenheit der von der AfD aufgeworfenen Themen fiel in dieser Maischberger-Sendung weitgehend aus, obwohl doch fast das gesamte politische Spektrum vertreten war. Das lag nicht nur an Petry oder der Moderatorin. Sondern auch daran, dass mancher Diskutant auf alte Reflexe nicht verzichten wollte. Gregor Gysi etwa versteifte sich doch sehr auf den Vorwurf, dass Petry ihre Wähler belogen habe. Weil sie ihre Entscheidung, die AfD-Fraktion zu verlassen, erst nach der Wahl mitgeteilt habe: "Sie haben den Wählerinnen und Wählern bei ihrer Erstkandidatur nicht gesagt: 'Ich gehe natürlich nicht in die Fraktion und ich trete aus der Partei aus.'"

So recht Gysi in der Sache dabei wohl hatte (Petrys Entscheidung war mit großer Sicherheit vorher gefallen), so irrelevant war seine Vorhaltung. Denn sie wird in wenigen Tagen keine Rolle mehr spielen. Dann geht es im politischen Betrieb weiter, und Petrys berechnendes Kalkül war nicht so frevelhaft, dass es ihr lange vorgehalten werden wird. Insofern war die Debatte, die der Präsident der Europäischen Linken aufwarf, nicht viel mehr als verlorene Sendezeit.

Doch das passte zu dieser Sendung, die mit dem Zeitbudget insgesamt sehr verschwenderisch umging. Denn Sandra Maischberger hatte sich einen Parforceritt durch eine Vielzahl an Themen vorgenommen - mit dem Ergebnis, dass vieles kurz gestreift wurde, das Aha-Erlebnis aber jeweils ausblieb.

Hätte jemand ernsthaft eine ehrliche Antwort erwartet?

Unter anderem ging es um die persönliche Befindlichkeit von Renate Künast in der Wahlnacht aufgrund ihres unsicheren Listenplatzes, die semantische Bedeutung des Begriffes "Obergrenze" in der Flüchtlingsfrage und die Frage, ob Markus Söder im November aufgrund des bei dieser Wahl verhältnismäßig schlechten CSU-Wahlergebnisses Horst Seehofer als bayerischen Ministerpräsidenten nun endgültig entmachten wird. Hätte jemand auf Erkundigungen dieser Art ernsthaft eine ehrliche Antwort erwartet? Wohl kaum - und so stellt sich schon die Frage, warum diese Themen so viel Raum bekamen.

Vielleicht, weil ja dann doch einer mal überraschend ehrlich antwortet. Und tatsächlich gab es in dieser Sendung einen unerwarteten Moment der Offenheit: Als das SPD-Mitglied Klaus von Dohnanyi seinem Parteifreund Martin Schulz unverblümt geigte, dass dieser als SPD-Vorsitzender eine Fehlbesetzung sei: "Der Herr Schulz war von Anfang an die falsche Wahl, der ist der Sache nicht gewachsen, der war schon als Parlamentspräsident in Europa ein Mann, der die Wahrheiten nicht erkannt hat."

Für so viel souveräne Meinung muss man vermutlich 89 Jahre alt werden.

© SZ.de/jobr

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