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Anne Will über Hambacher Forst:Aus dem Wald zum Bullshit-Bingo

Sendung "Anne Will" zum Hambacher Forst

Anne Will sprach mit ihren Gästen am Sonntagabend über den Streit um den Hambacher Forst.

(Foto: NDR/Wolfgang Borrs)

Wer trägt für die Kontroverse um den Hambacher Forst die politische Verantwortung und wie soll es weitergehen? Die Sonntagsrunde redet ritualisiert an Antworten vorbei.

Wäre Anne Will nicht Fernsehmoderatorin, sondern Erzieherin geworden, müsste sie sich jetzt vielleicht öfter mit der Frage herumschlagen, wer denn nun wieder mal den Bauklötzchenturm in der Spielecke zum Einsturz gebracht hat.

Der Armin sagt, die Svenja habe den Turm schon wackelig gebaut, und der Christian gibt dem Anton die Schuld, weil der ja der Svenja geholfen hat beim wackeligen Bauen. Die Bezichtigten sind indes genau gegenteiliger Meinung. Die behaupten, der Armin habe alles eingerissen, weil er doof ist. Und der Christian habe das auch noch gut gefunden und gelacht. Der eine sagt, er sei nicht schuld, und der andere sagt "doch". Und dann sagt wieder einer "neee" und ein anderer "doch".

Hambacher Forst

Eine Demo wie ein Happening

Man muss diese Fantasie gar nicht so arg strecken, um zu beschreiben, was am Sonntagabend regelmäßig im Ersten geschieht. Das Muster ist klassisch und kommt immer wieder zur Aufführung, wenn die üblichen Verdächtigen die Stuhlrunde bei Anne Will besetzen. Nur das Thema variiert eben leicht.

Diesmal geht es um den Hambacher Forst, dessen Rodung nach einer Entscheidung des Oberverwaltungsgerichts Münster vorerst ausfällt. Was den gerade abgeschlossenen Abriss der dort illegal errichteten Baumhäuser und den damit einher gehenden riesigen Polizeieinsatz einigermaßen sinnlos erscheinen lässt - zumal kurz vor der Sendung die Meldung die Runde machte, dass sich die Polizei nun aus dem umstrittenen Waldgebiet zurückziehen wird und die Besetzer angekündigt hätten, flugs mit dem Bau neuer Baumhäuser zu beginnen.

"Es geht um den Rechtsstaat"

Natürlich will Anne Will wissen, wer Schuld hat. Und sie fragt als erstes den Ministerpräsidenten von Nordrhein-Westfalen, ob er sich jetzt blamiert fühle, weil doch seine Regierung die Räumung anberaumt hatte. Aber Armin Laschet fühlt sich nicht blamiert. Er habe als CDU-Mann doch nur Gesetze durchgesetzt, die ihm die rot-grüne Vorgängerregierung hinterlassen hätte. Die habe im Übrigen den Hambacher Forst auf die Abschussliste gesetzt und solle jetzt mal nicht so zetern.

Will gibt sich resolut und vor allem nicht mit Laschets "Die waren's" zufrieden. Sie hakt nochmal nach. "Herr Laschet, haben sie den Wald voreilig räumen lassen und stehen jetzt blamiert da?" Laschets Regierung fiel die Räumung ja ausgerechnet Mitte September ein, obwohl es vielerlei Bitten gab, doch vor dem staatlichen Eingriff möglicherweise noch abzuwarten, ob die Kohlekommission bis Jahresende zu brauchbaren Ergebnissen kommt, die eine Erweiterung des rheinischen Braunkohleabbaugebiets möglicherweise überflüssig machen.

Man habe doch nur Recht und Gesetz durchgesetzt, sagt auch Christian Lindner, dessen FDP jetzt mit Laschet in Düsseldorf regiert. Er suggeriert zudem, dass man doch vorab nicht habe ahnen können, dass das Oberverwaltungsgericht Münster anders urteilen würde als die Vorinstanzen. "Es geht um den Rechtstaat", sagt Lindner vollmundig und behauptet dann noch, große Projekte seien in Deutschland ja quasi nicht mehr verlässlich umzusetzen.

RWE schickt keinen Vertreter

Da geht dem Anton Hofreiter aber der nicht vorhandene Hut hoch. Der Grüne seufzt quasi mit dem ganzen Körper und ruft laut nach einem Kompromiss, um auch ein bisschen Aufmerksamkeit abzubekommen. Er will Laschet zu einer Schlagzeile zwingen. Der soll ihm sagen, dass er früher als geplant raus will aus der Braunkohle. Aber da sagt Laschet "neee" und Hofreiter irgendwie "doch".

Svenja Schulze versucht es mit demonstrativer Gelassenheit. Die Bundesumweltministerin ist an diesem Abend in der Zwickmühle. Sie soll jetzt den Laschet kritisieren, war aber selber SPD-Landesministerin in NRW, als die Freigabe erfolgte, den Hambacher Forst zu roden. Sie habe den Energiekonzern RWE gebeten, sein Recht erst einmal nicht wahrzunehmen, also nicht mit der Rodung zu beginnen, sagt sie. Doch ihre Worte seien verhallt.

Spätestens in dem Moment wird klar, dass ein wichtiger Mitspieler gar nicht mit in der Runde sitzt. Bei RWE hatten leider alle hohen Tiere Terminschwierigkeiten und konnten nicht zu Anne Will kommen. Die Moderatorin erzählt das in einem Ton, der deutlich macht, dass sich hier ganz offensichtlich jemand wegduckt. Terminschwierigkeiten? Ha, ha.

Zwischendrin tut Laschet so, als verstehe er all die Vorwürfe nicht. Es sei doch noch gar nicht gerodet worden, sagt er und lässt den überdimensionierten Polizeieinsatz mal eben vor der Argumentationstür. Ein bisschen klingt es, als seien in ihm Zweifel gewachsen, ob er das in seiner Zeit als Ministerpräsident noch erleben wird mit der Rodung des Hambacher Forsts.