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Bücher und Serien zur US-Wahl:Amerika verstehen

Lese- und Streamingtipps zur US-Wahl: "Little America", "Weiss" und "Wut"

Lese- und Streamingtipps zur US-Wahl: "Little America", "Weiss" und "Wut"

(Foto: Apple TV, Kiepenheuer & Witsch, Hanser Verlag)

Am 3. November wählen die USA - eine Sammlung an Buchempfehlungen und Serientipps.

Von SZ-Autoren

Bob Woodward: Wut

Bob Woodward Wut Hanser

Bob Woodward: Wut, 550 Seiten, Hanser Verlag, München 2020, 24 Euro

(Foto: Hanser Verlag)

Nach dem 2018 erschienenen "Fear" (Angst) legt Washington Post-Journalist Bob Woodward mit einem weiteren Trump-Buch nach. "Rage", also "Wut", ist das Destillat aus 18 Interviews, die Woodward mit dem US-Präsidenten über die Corona-Pandemie geführt hat. Und es sorgte schon vor Erscheinen für Diskussionen. Kern von Woodwards Buch ist das Eingeständnis Trumps, dass er sich schon zu Beginn der Pandemie über die Gefahr durch das Virus im Klaren war, aber das Risiko lange Zeit herunterspielte. "Das ist tödliches Zeug", sagte Trump zu Woodward. "Sie atmen einfach die Luft ein und so überträgt sich das. Das ist raffiniert, das ist heikel. Es ist auch tödlicher als selbst unsere heftigen Grippen."

Es steht die Frage im Raum, ob Woodward der Öffentlichkeit einen Dienst erwiesen hätte, wenn er bereits im Februar oder zumindest im Frühjahr darüber berichtet hätte, dass Trump ihm gegenüber offen zugegeben hat, dass er das Virus kleinrede.

Woodward erklärte der Washington Post auf Anfrage, dass er seinerzeit im Februar, als er mit Trump erstmals über das Virus sprach, nicht gewusst habe, woher dessen Informationen stammten. Was Woodwards Enthüllungen jedoch für Trumps mögliche Wiederwahl bedeuten, das wird man erst im November wissen. In jedem Fall hat auch "Wut" gute Chancen, ein Bestseller zu werden.

Eine ausführliche Analyse zu den Kontroversen um Woodwards Buch lesen Sie hier von Christian Zaschke.

Bret Easton Ellis - Weiß

Bret Easton Ellis Weiß Kiepenheuer & Witsch

Bret Easton Ellis, Weiß, aus dem Englischen von Ingo Herzke, 320 Seiten, Kiepenheuer & Witsch, Köln 2019, 20 Euro

(Foto: Kiepenheuer & Witsch)

Bret Easton Ellis, einst böser Junge der US-Literatur, hat ein unironisches und entsprechend heiteres Buch über Amerika geschrieben. Der Titel: "Weiß". Das Thema: der Furor der neuen Moralisten.

"Weiß", das Ellis ursprünglich "White Privileged Male" nennen wollte, ist sein erstes Buch seit fast zehn Jahren, und im Gespräch bestätigt er freimütig, was beim Lesen als Eindruck bleibt: dass er einen weiteren Roman nicht in sich hatte, ein richtiges Memoir ebenfalls nicht und auch keinen konsistent durchargumentierenden Großessay. Aber eine tatsächlich eindrucksvolle Mischung aus alldem.

So beschreibt "Weiß" im ersten Teil brillant ein ästhetisches Coming-of-Age in den Vorstadtkinos des San Fernando Valley in einer Zeit, in der die Kinder sich mit Horrorfilmen auf die Härten des Erwachsenwerdens vorbereiteten, bei dem es noch nicht ratsam erschien, sich wegen der üblichen Zumutungen im Leben notorisch verletzt, traumatisiert und als machtloses Opfer der Verhältnisse zu geben. Gewisse Härten hatte ja auch Ellis' Erwachsenwerden: darunter die Erfahrung, schon mit Anfang 20 einen solchen Erfolg zu haben, dass alles, was danach kam, in seiner eigenen Darstellung "wie eine Aneinanderreihung von Flops" wirkte. Zuckende Schultern. So sei nun mal das Leben. Für viele in L.A. "Man sagt doch: Das erste Jahr Ruhm ist wundervoll, und dann verbringt man den Rest des Lebens damit zu versuchen, nicht beleidigt zu sein."

"Weiß" wird lesen müssen, wer wissen will, wie die Gegenwart in Amerika aussieht - wenn er es denn wissen will. Und nicht nur, wie sie idealerweise aussehen sollte. Denn Ellis' ganze Abneigung gegen diese Art von "Wunschdenken" und "sentimentalen Narrativen", seine Sehnsucht nach "Kühle, Kälte, Distanz, Ferne, Strenge, Minimalismus" der Achtziger machen "Weiß" dann doch wieder fast zum Roman. Kann es sein, dass das Buch in Wahrheit von einem Dinosaurier handelt in einer Welt, in der lauter kleine unangenehm gefühlige Kometen einschlagen?

Eine Seite Drei über ein Treffen von Peter Richter mit Bret Easton Ellis lesen Sie mit SZ Plus hier.

Masha Gessen: Autokratie überwinden

Masha Gessen: Autokratie überwinden. Aus dem Amerikanischen von Henning Dedekind und Karlheinz Dürr. Aufbau-Verlag, Berlin 2020. 299 Seiten, 20 Euro. E-Book: 15,99 Euro.

(Foto: Aufbau-Verlag)

In "Autokratie überwinden" erklärt die amerikanische Journalistin Masha Gessen, wie weit Donald Trump die Demokratie in den USA ausgehöhlt hat. Wieso der US-Präsident Anfang Juni friedliche Demonstranten von der Polizei aus dem Lafayette-Park vertreiben ließ, damit er vom Weißen Haus zur nahe gelegenen Kirche stolzieren konnte, um mit einer Bibel zu posieren, wird nach der Lektüre des Buches klarer. Kaum ein Verb verwendet er während der Black-Lives-Matter-Proteste öfter als "dominieren"; es geht ihm darum, Kontrolle auszuüben.

Gessen ist überzeugt, dass Bürgern und Journalisten das Vokabular fehlt, um die aktuellen Vorgänge zu beschreiben. Lügen als solche zu benennen, wäre ein Anfang. Und so appelliert sie an die Bürger, mit einer neuen Sprache und höheren "moralischen Ansprüchen" zu kontern. Auf eine These kommt sie oft zurück: "Die Institutionen werden euch nicht retten."

Schwierig wird die Lektüre immer dann, wenn Gessen zwischen der Rolle der Analystin und jener der Aktivistin wechselt. Auch sie nutzt oft das Wort "wir", doch damit ist nur das progressive Amerika der Küsten und Uni-Städte gemeint. Den Versuch, die Trump-Wähler zu verstehen, unternimmt sie nicht. So klingt ihr Appell, die Institutionen mit Moral neu aufzuladen, nicht nach etwas, was die polarisierte US-Gesellschaft zusammenführen könnte. Und weil nun, nicht zuletzt auch durch Corona, die bekannten Regeln längst nicht mehr gelten, blickt sie zurück auf die Totalitarismen des 20. Jahrhunderts: "Wenn Leute in Angst und Terror leben, dann ist das ideal für einen Anführer wie Trump."

Eine ausführliche Rezension von Matthias Kolb lesen Sie hier.

Richard Russo: Sh*tshow

Cover für das Literatur Spezial

Richard Russo: Sh*tshow. Aus dem Englischen von Monika Köpfer. DuMont Buchverlag, Köln 2020. 68 Seiten, 10 Euro.

(Foto: DuMont Buchverlag)

Richard Russos "Sh*tshow" ist ein Buch, das man Leuten schenken kann, die nicht so gerne Bücher und schon gar keine dicken Bücher lesen. Es ist nicht viel größer als eine Postkarte und hat nur ungefähr 80 Seiten. "Sh*tshow" ist ein Satirchen, aber gleichzeitig ist es ein eingedampfter Russo, in dem man das Beste erahnt, was dieser Autor kann.

Kurz nach der Wahl laden Ellie und David zwei befreundete Paare ein und man verbringt einen angenehmen Abend. Als die Gäste gegangen sind, entdeckt Ellie eine orangefarbene, pardon the expression, Kackwurst im Whirlpool. Und es wird nicht die letzte sein.

Es ist, mit Verlaub, alles ein bisschen krass, so als wolle Russo keine Gelegenheit auslassen, seiner Leserschaft sehr deutlich zu machen, dass es sich hier um eine Parabel handelt, dass es um das gespaltene Amerika, um Trump und überhaupt um alles geht. Russos kleines Buch spiegelt auch das Elend jener Milieus in den USA wider, die immer mehr unter Trumps Präsidentschaft leiden und die jetzt gerade dem Wahltag mit wachsendem Schrecken entgegensehen. Bis dahin kann man Russos Büchlein noch an einem Nachmittag lesen, auch um das Fürchten zu lernen.

Eine ausführliche Rezension von Kurt Kister lesen Sie hier.

Michael Wolff: Unter Beschuss

Michael Wolff Unter Beschuss Rowohlt

Michael Wolff: Unter Beschuss, Rowohlt Verlag, 480 Seiten, Hamburg 2019, 22 Euro

(Foto: Rowohlt Verlag)

17 Monate, nachdem er in "Feuer und Zorn" als Erster das Chaos im Weißen Haus unter Donald Trump in eine stimmige Erzählung gepackt hat, legt der 65-jährige Michael Wolff nach. "Unter Beschuss" soll nichts weniger sein als "eine Live-Geschichte dieser außerordentlichen Zeiten, denn sollten wir sie erst im Nachhinein verstehen, ist es vielleicht zu spät".

Der New Yorker Wolff schert sich als Außenseiter der Washingtoner Politblase nicht um deren Regeln. Also verbreitet er wieder viele Details und Indiskretionen, die aber kaum mehr überraschen. Alle im Weißen Haus halten Trump demnach für "verrückt", Jared Kushner beschreibt seinen Schwiegervater als "hyperaktives Kind" und Medienmogul Rupert Murdoch hält Trump ebenso für einen "Clown" wie Sean Hannity, den größten Star seines Kabelsenders Fox News.

Aufschlussreich sind Wolffs Beschreibungen, wie Mitch McConnell als Chef des Senats Trumps Agenda untergräbt und versucht, eine republikanische Kandidatin für die Wahl 2020 aufzubauen: die ehemalige UN-Botschafterin Nikki Haley. Dass diese das von Wolff verbreitete Gerücht, sie habe eine Affäre mit Trump gehabt, schon 2018 zurückwies, hält diesen nicht davon ab, es als "Männergerede in der Umkleide" zu wiederholen.

Wer Jahr zwei der Trump-Präsidentschaft chronologisch nachlesen will, findet kaum ein aktuelleres Werk; nur sollten sich die Leser bewusst sein, wie schlampig Wolff mitunter arbeitet. Ihn interessiert nicht, welch dramatische Folgen Trumps chaotische Art für Millionen Amerikaner hat.

Eine ausführliche Rezension von Matthias Kolb lesen Sie hier.

Watchmen, auf Sky

Watchmen

Alternatives Amerika: Szene aus "Watchmen"

(Foto: 2019 Home Box Office/Die Verwendung ist nur bei redak)

Die Serie spielt in einem alternativen Amerika, in dem Präsident Robert Redford weitreichende Gesetze zu Waffenkontrolle und Reparationszahlungen an die Opfer von Rassismus durchgesetzt hat. Dagegen formt sich maskierter Widerstand. Und dann wären da noch verkleidete Superhelden.

Und über allem schwebt die Frage: Ist das nun eine schöne neue Ordnung, in der vermeintlich sinnvolle Gesetze zu grotesken Kämpfen führen - oder ist es letztlich genauso verkorkst wie die Wirklichkeit?

Was, wenn die Serie gar keine Parallelwelt zeigte, sondern das, was die Leute heutzutage im Internet anstellen? Der offene Hass, Verschwörungstheorien, unerbittlich geführte Debatten in unversöhnlichem Tonfall. Es ist ein düsteres Bild: Jeder glaubt, dass das, was er tut, richtig und nötig ist. In der eigenen Blase, in seinem eigenen Universum. Dort, wo jeder ein Held ist.

Eine ausführliche Rezension von Jürgen Schmieder lesen Sie hier.

Ezra Klein: Der tiefe Graben

Ezra Klein: Der tiefe Graben. Die Geschichte der gespaltenen Staaten von Amerika. Aus dem Englischen von Katrin Harlaß. Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg 2020. 384 Seiten, 25 Euro.

(Foto: Verlag Hoffmann und Campe)

Der Journalist Ezra Klein erklärt profund, wie die Wähler in den Vereinigten Staaten ticken und warum der Graben zwischen ihnen immer tiefer wird.

Seine trotz vieler Zahlen lesbare Studie über die Polarisierung der US-Gesellschaft beginnt mit einer in Europa verdrängten Tatsache: Die Präsidentschaftswahl 2016 war nichts Besonderes. Trump erhielt 52 Prozent aller Stimmen, 2008 und 2012 votierten ebenso viele für die Republikaner. Es zählt nicht der Glaube an den eigenen Kandidaten: Entscheidend sind die "negativen Gefühle gegenüber der Partei, die man ablehnt".

Klein bereitet meisterhaft Studien von Sozialpsychologen, Soziologen und Politologen auf, um die wachsende Polarisierung zu erklären. Er gibt gute Einblicke, wie Trump die Republikaner erobern konnte, die Richter am Supreme Court zur Trophäe wurden und welchen Einfluss Fox News hat. Kleins Ton ist unaufgeregt und er verbirgt nicht, dass er ein progressiver Großstädter ist. Dass die Demokraten ausgewogenere Politik machen können, erklärt er so: Die Republikaner sind "in überwältigender Weise abhängig von weißen Wählern" und Christen. Die Demokraten hingegen sind "eine Koalition aus liberalen Weißen, Afroamerikanern, Hispanics und Asiaten". Diese werden bei der anstehenden Wahl mit riesiger Mehrheit für Joe Biden stimmen - weil sie Trump fürchten und verachten. Der würde das Land in einer zweiten Amtszeit weiter spalten; Biden dürfte es nach einem Sieg schwer haben, die Gesellschaft wieder zu einen. Kleins Buch wird sicher nicht so schnell altern wie viele Trump-Biografien.

Eine ausführliche Rezension von Matthias Kolb lesen Sie hier.

"Little America" bei Apple +

Little America on Apple TV

Der Schauspieler Conphidance als Iwegbuna Ikeji in der Apple-TV-Serie Little America, in der Folge "Der Cowboy".

(Foto: Apple +)

Die fabelhafte Anthologie-Serie "Little America" setzt dem hasserfüllten Migrations-Diskurs etwas Positives entgegen. Jede Folge erzählt von einem Menschen, der sich bemüht, in die USA einzureisen, sich dort ein neues Leben aufzubauen oder in diesem Leben richtig anzukommen. Man muss das so abgestuft formulieren, denn "Little America" versteht es - und das ist ein Grund, warum diese Serie so fabelhaft ist - ganz unterschiedliche Aspekte von Migration abzubilden.

So schwierig die Lebensbedingungen der Protagonisten mitunter sind, so leicht ist der Ton der Serie. Das hat auch damit zu tun, dass alle Geschichten Erfolgsgeschichten sind, auch in diesem Aspekt ist "Little America" sehr amerikanisch.

"Little America" ist die Art Serie, bei der man sich wünschen würde, jemand sperrte Donald Trump ins Oval Office und zwänge ihn, alle acht Folgen zu gucken - mit einer Gesamtlänge von 240 Minuten würde das auch nicht länger dauern als die Wochenendausgabe seiner Lieblings-Morning-Show Fox & Friends.

Eine ausführliche Rezension von Luise Checchin lesen Sie hier.

Mary L. Trump: "Zu viel und niemals genug. Wie meine Familie den gefährlichsten Mann der Welt erschuf"

Enthüllungsbuch von Trump-Nichte

Mary L. Trump: Zu viel und nie genug, Heyne Verlag, 288 Seiten, München 2020, 22 Euro

(Foto: Uncredited/dpa)

Mary Trump ist natürlich nicht die erste Person, die über Donald Trump schreibt. Aber der Präsident ist nun mal ihr Onkel - und über diesen hat sie nichts Gutes zu sagen. Im Gegenteil.

Die Autorin, die einen Doktortitel in Psychologie besitzt, zeichnet ein vernichtendes Bild der Trump-Familie, von der sie sich entfremdet hat. Donald Trump war vor Gericht gezogen, um die Veröffentlichung des Werkes zu verhindern - vergeblich.

Ihren Onkel schätzt die 55-Jährige, die mit ihrer Tochter in New York lebt, als charakterlich ungeeignet dafür ein, als Präsident im Weißen Haus zu sitzen. Donald Trump sei ein "Soziopath", der "nie geliebt" worden sei, und er erfülle sämtliche Kriterien für die Diagnose einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung. In einer Stellungnahme wies eine Sprecherin des Weißen Hauses in Washington unterdessen die Darstellungen Mary Trumps zurück.

Eine ausführliche Rezension von Alan Cassidy lesen Sie hier.

Torben Lütjen: Amerika im Kalten Bürgerkrieg

Torben Lütjen: Amerika im Kalten Bürgerkrieg. Wie ein Land seine Mitte verliert. wbg Theiss, Darmstadt 2020, 224 Seiten. 20 Euro.

(Foto: Verlag)

Wie viele Politologen versucht auch Torben Lütjen, das Mysterium vom Aufstieg und Sieg des umstrittenen Präsidenten und die Gereiztheit einer Nation, die doch in Sachen demokratische Stabilität globales Vorbild ist (oder es jedenfalls lange Zeit war) zu ergründen.

Lütjen, der kurz nach Trumps Amtsantritt eine Gastprofessur an der Vanderbilt University in Tennessee übernahm, nimmt sich Zeit für eine kluge, klare und kenntnisreiche Analyse der Amerikaner, verständlich, flüssig und kurzweilig geschrieben. Der Göttinger Politikwissenschaftler bricht mit denkfaulen Erklärungsmustern und ersetzt sie durch unbequeme Thesen: Schon lange vor Trump war etwas faul in den Staaten Amerikas.

Lütjen startet gleich mit einem Widerspruch und nennt als eine Ursache für die parteipolitische Polarisierung, die "paradoxe Individualisierung": Eine immer größere individuelle Freiheit, in den USA seit jeher ein elementares Gut, führe dazu, dass sich Amerikaner mit Gleichgesinnten in ihren "ideologischen Echokammern eingerichtet und die Zugbrücken zur Gegenseite hochgezogen" hätten.

Doch Lütjen warnt zugleich vor falschen Analogien und trotzt angenehm besonnen dem Alarmismus mancher Kommentatoren: Polarisierung muss nicht automatisch ein Problem sein, gar eine Katastrophe. Sinn und Zweck von Demokratien sei es schließlich, dass in ihnen gestritten werde.

Eine ausführliche Rezension von Viola Schenz lesen Sie hier.

Borat Subsequent Moviefilm

Borat Trump

Ernster als gedacht? Sacha Baron Cohen in seiner Rolle als Borat, Maria Bakalova als dessen Tochter.

(Foto: Amazon)

Borat ist zurück in den USA. Vierzehn Jahre nach seiner ersten Mission hat Borat diesmal eine Tochter namens Tutar (Maria Bakalova) dabei, von der er bisher nichts wusste. Sie soll als "Gastgeschenk" an einen Mann aus Trumps innerstem Kreis übergeben werden - real natürlich mit der Absicht, jemand aus Donald Trumps Team zu überlisten und unter anderem den Trump-Anwalt Rudy Giuliani vor laufender Kamera zu blamieren.

Aber die Krux an dem Sequel, das nun auf Amazon Prime läuft: Inzwischen herrschen in den USA gerade Donald Trump und die generelle Enthemmung der niedrigsten Instinkte vor, die seine Präsidentschaft mit sich gebracht hat. Und das auch noch verstärkt von den Abermillionen Smartphones, die inzwischen jeder zücken kann, um diese Enthemmung auch zu dokumentieren. Wenn also schon der amerikanische Alltag inzwischen endlosen Nachschub an Borat-Szenen liefert - welche Rolle kann Borat dann überhaupt noch spielen?

Das große Projekt des Sacha Baron Cohen war, Augenblicke auf Film zu bannen, die so peinlich, roh und erschreckend waren, dass sie nicht gefälscht sein konnten. Der Generalverdacht gegen die Welt seit Trump ist aber der gegenteilige: dass die ganze mörderische Hässlichkeit, die man da sieht, am Ende echt und vollkommen ernst gemeint sein könnte.

Eine ausführliche Rezension von Tobias Kniebe lesen Sie hier.

Katherine J. Cramer: The Politics of Resentment

Katherine J. Cramer: The Politics of Resentment, 298 Seiten, University of Chicago Press

(Foto: Verlag)

Katherine J. Cramers "The Politics of Resentment" ist zwar bereits im März 2016 erschienen, erklärt aber nach wie vor das politische Bewusstsein der ländlichen Bevölkerung von Wisconsin. Fünf Jahre lang hat die Politikwissenschaftlerin der weißen Landbevölkerung dort zugehört, hat getan, was Wissenschaftler, Politiker, Journalisten, Demoskopen, so der Vorwurf, nicht (mehr) tun: Sie hat sich eingehend mit den "Abgehängten" befasst. Ihre Erkenntnis: In der politischen Debatte Amerikas geht es längst nicht mehr um die Frage "Demokrat oder Republikaner", sondern um die geografische Verortung, um Stadt oder Land. Die weiße ländliche Mittelschicht sieht sich von einer selbsterklärten urbanen Elite - und damit von der großen Politik - ignoriert und verachtet.

Diejenigen, die Hillary Clinton im Wahlkampf vor vier Jahren "deplorables" nannte, und die sie letztlich den Wahlsieg kosteten, sind es, die glauben, was auch immer Trump von sich gibt, und meinen, er stehe zumindest auf ihrer Seite und sollte eine Chance kriegen. Auch wenn das inzwischen vier Jahre her ist, vermittelt das Buch, was Amerikas "Abgehängte" wirklich bewegt.

Eine ausführliche Rezension von Viola Schenz lesen Sie hier.

Carlos Lozada: What were we thinking

Carlos Lozada What were we thinking Simon & Schuster

Carlos Lozada: What were we thinking, Simon & Schuster, New York 2020, 272 Seiten, 28 Dollar

(Foto: Simon & Schuster)

Carlos Lozada, Sachbuchkritiker der Washington Post, hat ein Buch über 150 andere Trump-Bücher geschrieben. In der amerikanischen Originalausgabe ist es soeben unter dem schönen Titel: "What we were thinking" erschienen. Was wir uns dabei gedacht haben.

Um den Stoff in den Griff zu bekommen, hat er zehn Typen von Trump-Büchern identifiziert. Jedes der zehn Kapitel des Buches ist wiederum einem bestimmten Typ Trump-Buch gewidmet, von dem dann von Lozada jeweils 15 Varianten genauer unter die Lupe genommen werden, etwa die "Chaos-im-Weißen-Haus"-Bücher oder die "Der-Tod-der-Demokratie"-Bücher. Am Ende mag Lozadas Werk mit gerade einmal 260 Seiten ein kurzes Buch sein, die kundige Auswahl und Auswertung der Bücher und zentralen Themen machen es eher zu einer großen Geschichte des Nachdenkens über Politik und Gesellschaft in der Trump-Ära.

Als Leser hat man schlussendlich eine unbequeme Art Antwort vor Augen: Wir haben uns womöglich zu viel mit den Abgründen Trumps und seiner Leute und zu wenig mit den Abgründen in uns selbst beschäftigt. Und damit, inwieweit dieser Mangel an Selbstreflexion überhaupt erst zur Wahl von Männern wie Donald Trump führt.

Eine ausführliche Rezension von Jens-Christian Rabe lesen Sie hier.

© SZ/cag/tmh

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