bedeckt München 11°

Serie "Watchmen":Jeder ist sein eigener Held

Watchmen

26 Emmy-Nominierungen hat Watchmen bekommen - und jede ist verdient.

(Foto: Home Box Office)

Die Serie Watchmen ist grandios, weil sie der Gesellschaft einen düsteren Spiegel vorhält: In ihrer Parallelwelt handeln die Menschen so, wie sie es heute schon im Internet tun.

Von Jürgen Schmieder

Eines haben die Bösewichter und die Guten gemeinsam in der grandiosen, kürzlich mit 26 Emmy-Nominierungen bedachten Serie Watchmen: Wann immer sie das tun, was sie für nötig und richtig halten, dann ziehen sie eine Maske auf und verbergen, wer sie wirklich sind. Gut, es ist eine Superhelden-Serie, und da gehört es dazu, dass die Guten und die Bösen ihre wahren Identitäten verheimlichen. Und doch geht es bei der Maskierung in Watchmen um viel mehr.

Die Serie spielt in einem alternativen Amerika, in dem Präsident Robert Redford (ja, genau der - ein augenzwinkernder Hinweis auf den ehemaligen Schauspieler und späteren Präsidenten Ronald Reagan) weitreichende Gesetze zu Waffenkontrolle und Reparationszahlungen an die Opfer von Rassismus durchgesetzt hat. Dagegen formt sich die maskierte Widerstandsbewegung Seventh Kavalry, die stark an den Ku-Klux-Klan erinnert. Polizisten müssen nach den Gesetzen dieser Welt ihre Waffen erst von der Zentrale entsichern lassen und ziehen deshalb oft zu spät. Beim Einsatz tragen sie gelbe Masken, damit sie oder ihre Familien nicht zur Zielscheibe der Selbstjustiz werden. Auch die Superhelden sind verkleidet oder nehmen neue Identitäten an, wie Silk Spectre (Jean Smart), die nun als FBI-Beamtin Rassisten jagt.

Über dieser ganzen Parallelwelt schwebt die Frage: Ist das nun eine schöne neue Ordnung, in der vermeintlich sinnvolle Gesetze zu derart grotesken Kämpfen führen - oder ist es letztlich genauso verkorkst wie die aktuelle Wirklichkeit? Showrunner Damon Lindelof hat Erfahrung mit dem Sujet der alternativen Realität: In Lost ging es um die Überlebenden eines Flugzeugabsturzes auf einer mysteriösen Insel; in The Leftovers darum, dass zwei Prozent der Weltbevölkerung plötzlich und unerklärlich verschwinden.

Bei Watchmen handelt es sich weniger um eine Verfilmung der legendären gleichnamigen Graphic Novel von 1986. Denn die Erfinder Alan Moore und Dave Gibbons distanzieren sich heftig von jeder Adaption ihrer Idee. Von Hollywood halten sie ungefähr so viel wie von einer Wurzelbehandlung. Sie sind deshalb nicht als geistige Schöpfer erwähnt, sondern nur als Vorlagengeber. Vielmehr dient die Serie als Katalysator, um den aktuellen Zustand der westlichen Welt wie in einem Zerrspiegel zu zeigen.

26 Emmy-Nominierungen hat die Serie jetzt bekommen - und alle sind verdient

Auch ohne zu viel Handlung zu verraten, kann man sagen: Lindelof verwebt historische Ereignisse (das Pogrom-Massaker 1921 in Tulsa, bei dem weiße Rassisten mehrere Hundert Afroamerikaner ermordeten) mit fiktiven Elementen (ein riesiges Tintenfisch-Monster landet in New York City), er springt zwischen Schauplätzen, Handlungssträngen und Figuren, er schickt die Zuschauer auf Zeitreisen und führt immer wieder neue Puzzlestücke ein.

Man muss die Serie selbst gesehen haben, um sie verstehen und schätzen zu können. Jede Einstellung der neun Folgen ist virtuos choreographiert und könnte als Poster ausgedruckt werden. Die Musik von Trent Reznor und Atticus Ross ist unfassbar gut, die Schauspieler wie Regina King, Jeremy Irons und Yahya Abdul-Mateen II. sind es ebenfalls, Regisseurin Nicole Kassell (Vinyl) ist ohnehin eine Klasse für sich. Die vielen Emmy-Nominierungen - Watchmen wurde öfter genannt als jede andere Serie dieser Spielzeit - spiegeln all das wider, jede ist verdient.

Nur ist das Ganze ein klein wenig zu sehr in sich selbst verliebt. Lindelof ist ein wandelndes Lexikon der Popkultur, und das muss er immer wieder zeigen - die Insider-Verweise auf die Graphic Novel, die überhöhten Hinweise auf das Quentin-Tarantino-Kino. Er führt so vieles ein, was er dann doch nicht fürs Gesamtbild verwendet, bis der Zuschauer fragt: Was will diese Serie eigentlich sagen - außer der Botschaft, dass Rassismus bescheuert ist und sich die Welt nicht so einfach in Gut und Böse unterteilen lässt?

Solche Kritik übersieht das Motiv der Maskierung. Verlockende Frage: Was, wenn die Serie gar keine Parallelwelt zeigte, sondern das, was die Leute heutzutage im Internet anstellen? Der offene Hass, Verschwörungstheorien, unerbittlich geführte Debatten in unversöhnlichem Tonfall. Diese Einträge in sozialen Medien - jeder ein geschwungener Vorschlaghammer mit dem Ziel, den anderen zu zerstören - in der Gewissheit, als Tastatur-Krieger anonym und unantastbar zu sein.

Die Stärke von Lindelof liegt darin, dass er auf keiner Seite steht. Ob konservatives oder liberales Weltbild, ob rechts oder links: Alle Leute haben die Samthandschuhe abgelegt, jeder kämpft hinter seiner Maske mit bloßen Fäusten. Es ist ein düsteres Bild, das Lindelof da zeichnet. Jeder glaubt, dass das, was er tut, richtig und nötig ist. In der eigenen Blase, in seinem eigenen Universum. Dort, wo jeder ein Held ist.

© SZ/tyc
Iris Berben im Papageno Theater 06.09.2019 Frankfurt x1x Iris Berben im Papageno Theater, Film-Preview Kinder der toten

SZ Plus
Iris Berben im Interview
:"Besser etwas gewinnen als nichts verlieren"

Iris Berben wird 70. Im Interview spricht die Schauspielerin über Ungeduld als Triebfeder, warum der Weg zum Glück nicht über die Erwartungen anderer führt und weshalb man nie glauben sollte, man sei angekommen.

Von Johanna Adorján

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite