Verkehr:Blech im Flaschenhals

Verkehr: Bei Mittenwald überqueren in Ferienzeiten viele Urlauber die Grenze. Wenn es zu viele werden, stehen die Autos oft mitten in Ort.

Bei Mittenwald überqueren in Ferienzeiten viele Urlauber die Grenze. Wenn es zu viele werden, stehen die Autos oft mitten in Ort.

(Foto: Angelika Warmuth/dpa)

Während im benachbarten Tirol immer mehr Orte den Durchgangsverkehr ganz aussperren, ächzen die Gemeinden auf der bayerischen Seite der Grenze unter zahllosen Autos, die den Stau auf den Hauptrouten vermeiden wollen.

Von Matthias Köpf, Mittenwald

Ob er nicht vorsichtshalber schon mal die Feuerwehr in Alarmbereitschaft versetzen soll, wenn in knapp drei Wochen die Osterferien anfangen? Enrico Corongiu hat sich das auch schon überlegt. Die Polizei werde dann jedenfalls stärker besetzt sein als üblich, sagt der Mittenwalder Bürgermeister, und das Straßenbauamt werde auch da sein mit seinem mobilen Verkehrsleitsystem. Vielleicht bleiben all die Autos dann wirklich brav auf der B2 im Stau stehen, statt sich wieder durch Mittenwald pressen zu wollen und dort stundenlang den ganzen Markt zu blockieren wie neulich während der Faschingsferien.

Drüben in Tirol sperren sie längst an immer mehr Orten entlang der Autobahnen und Bundesstraßen den Durchgangsverkehr aus, in Bayern bauen sie Tunnels und Umfahrungen. Aber beides löst das Problem nicht, sondern verlagert es nur. Zum Beispiel nach Mittenwald.

So schlimm wie an den beiden Wochenenden der Faschingsferien sei es noch nie gewesen, sagt Corongiu. Nicht nur Bayern, Sachsen, Thüringer und Saarländer hatten sich da mit den Skiboxen am Autodach auf den Weg gemacht. Auch in mehreren Provinzen der Niederlande, in Teilen Tschechiens und in der flämischen Hälfte Belgiens war schulfrei, was sich dann im oberen Isartal gut an den Kennzeichen der Autos ablesen ließ, die zeitweise von der Mittenwalder Feuerwehr an der Einfahrt in den Ort gehindert oder irgendwie wieder hinaus gelotst werden mussten.

Auf Radwegen und sogar auf Fußwegen seien sie herumgeirrt, sagt Corongiu, fehlgeleitet von Navis und Handys, die sie um andere Staus herumführen wollten. Denn zwischen Südbayern und Tirol war zeitweise einiges zusammengekommen: Die übliche Lkw-Blockabfertigung der Tiroler auf der Inntalautobahn mit Staus auf der A8, Verkehrsprobleme rund um Füssen, und im Loisachtal wurden die Autos auch nur blockweise durch die beiden Tunnel an der B2 gelassen, weshalb viele Fahrer ihr Glück vergeblich auf dem Weg durch Oberau und Farchant versuchten. Und dann bremste auch noch die neueste Dosierampel der Tiroler am Achensee die Autos aus, die via Tegernsee oder Bad Tölz nach Süden wollten.

"Wir können nicht agieren wie die Tiroler, sondern nur reagieren", sagt der Bürgermeister.

Drüben in Seefeld wollen sie auch bald so eine Dosierampel aufstellen, um die Autos nur nach und nach ins Land zu lassen. Und ein Abfahrtverbot von der Bundestraße für den Durchgangsverkehr haben die Österreicher dort auch schnell auf den Weg gebracht, so wie es zu den Hauptreisereisezeiten bisher entlang von Inntal- und Brennerautobahn, der Tauernautobahn und am Fernpass gilt. "Ich verstehe die Kollegen", sagt Corongiu über die Bürgermeister am Seefelder Plateau, die den Verkehr aussperren wollen aus ihren Orten. Auch wenn das die Lage in Mittenwald nicht besser macht.

Doch in Deutschland geben die Gesetze keine Abfahrtverbote her. "Wir können nicht agieren wie die Tiroler, sondern nur reagieren", bedauert Corongiu. Als Bürgermeister kann er zwar die Feuerwehr die Zufahrtsstraßen sperren lassen - aber immer nur fallweise, wenn Sicherheit und Ordnung bedroht sind, weil etwa der Rettungsdienst nicht mehr durchkommt. Instrumente wie in Österreich würde sich auch Corongiu wünschen. Doch in Deutschland würden eher Straßen ausgebaut, sagt der SPD-Mann und hat da die vielen Tunnel an der B2 im Blick, für die Alexander Dobrindt (CSU) noch als Bundesverkehrsminister Abermillionen Euro locker gemacht hat. Aber wenn noch Umfahrungstunnel durch den Auerberg, den Kramer und den Wank gebaut würden, dann entstehe das Nadelöhr eben ein paar Kilometer weiter.

Lokale Sperren werden ohnehin nicht reichen. Zu dem Schluss kam eine Runde von Lokalpolitikern und Behördenvertretern aus Bayern und Tirol, die Corongiu und der Garmischer Landrat Anton Speer (FW) nach dem Kollaps in den Faschingsferien zusammengetrommelt hatten. "Es kann nur eine großräumige Lösung geben", sagte Speer hinterher. Dass man "die großen Verkehrsfragen nur gemeinsam lösen" könne, hatten auch schon Bayerns Verkehrsminister Christian Bernreiter (CSU) und sein Tiroler Amtskollege René Zumtobel (SPÖ) Ende Januar nach einem Treffen betont, das auch bevorstehende Bauarbeiten samt erwartbaren Verkehrsproblemen auf der Brennerroute zum Thema hatte sowie die Pläne der Tiroler am Fernpass. Dass dort ein Tunnel gebaut und die Strecke danach mautpflichtig werden soll, hat im angrenzenden Bayern Überraschung und Kritik ausgelöst, weil man dort umso mehr Ausweichverkehr befürchtet.

Für die ganz großen Fragen im Transitverkehr sind aber weniger München und Innsbruck, sondern Berlin und Wien zuständig. So sieht das auch Mittenwalds Bürgermeister Corongiu. "Da werden wir den Bund brauchen."

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