Das Auswärtige Amt und der Holocaust Grund der Dienstreise: "Liquidation von Juden"

Lange Zeit verbreitete das Auswärtige Amt die Legende, seine Mitarbeiter hätten nichts mit dem Holocaust zu tun gehabt. 65 Jahre später stellen Historiker nun fest: Die Diplomaten waren tief in die braunen Verbrechen verstrickt.

Weiße Weste voller Dreck: Das Auswärtige Amt hatte nach Recherchen von Historikern maßgeblichen Anteil an der Ermordung der europäischen Juden während des Zweiten Weltkriegs - obwohl das Ministerium seine Diplomaten jahrzehntelang als Unschuldsengel darstellte, die mit den Verbrechen der Nazis nichts zu tun hatten.

Das berichteten der Spiegel und die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung übereinstimmend am Samstag unter Berufung auf einen vom ehemaligen Außenminister Joschka Fischer in Auftrag gegebene Studie. "Das Auswärtige Amt war eine verbrecherische Organisation", sagte der Kommissionsleiter, der Marburger Historiker Eckart Conze, dem Spiegel.

Anders als vom Auswärtigen Amt über Jahrzehnte verbreitet, schirmte sich das Amt nicht etwa vom nationalsozialistischen Apparat ab, sondern arbeitete diesem auch bei der Judenvernichtung aktiv zu. "Das Auswärtige Amt war an allen Maßnahmen der Verfolgung, Entrechtung, Vertreibung und Vernichtung der Juden von Anfang an aktiv beteiligt", sagte Conze der FAS. Nach 1945 sei ein erheblicher Aufwand betrieben worden, das zu vertuschen. "Das ist in dieser Gesamtschau tatsächlich schockierend."

Im Politischen Archiv in Berlin fanden die Historiker beispielsweise eine Reiseabrechnung des Leiters des "Judenreferats" im Auswärtigen Amt, Franz Rademacher. Erstaunlich offen wird darin über Morde an Juden geschrieben: Als Grund für eine Dienstreise von Berlin nach Belgrad und Budapest gibt Rademacher an: "Liquidation von Juden in Belgrad und Besprechung mit ungarischen Emissären in Budapest". Zur Ausbildung der Attachés gehörte nach den Erkenntnissen der Geschichtsforscher auch von Mitte der dreißiger Jahre bis Kriegsausbruch 1939 ein Besuch bei Adolf Hitler auf dem Obersalzberg und im Konzentrationslager Dachau.

Die Studie der internationalen Historikerkommission soll kommende Woche in Berlin vorgestellt werden. Die Kommission war 2005 von Fischer eingesetzt worden, um die Geschichte des Ministeriums während der Nazi-Zeit und dessen Umgang mit der NS-Vergangenheit in der Bundesrepublik zu erforschen. Fischer zeigte sich erschüttert. "Ich las den Bericht und war zunehmend immer mehr entsetzt", sagte er der FAS. Insbesondere empörte sich der ehemalige Außenminister über die Rolle der "zentralen Rechtsschutzstelle" des Ministeriums. "Tatsächlich scheint es sich dabei um eine Täterschutzstelle gehandelt zu haben", sagte Fischer. So seien Listen von im Ausland gesuchten Kriegsverbrechern angefertigt und verteilt worden, damit keiner von ihnen dorthin fahre, wo ihm Verhaftung oder Verurteilung gedroht hätten.

Der frühere Außenminister und jetzige SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier sagte dem Spiegel, es sei "unglaublich", dass bis zu einer systematischen Aufarbeitung fast 60 Jahre vergangen seien. Amtsinhaber Guido Westerwelle (FDP) bezeichnete die Studie als "gewichtiges Werk" und will sie in die Attaché-Ausbildung einbeziehen, wie er dem Nachrichtenmagazin sagte.

Ernst von Weizsäcker und die Ausbürgerung von Thomas Mann

Laut FAS befasst sich der Bericht der Historikerkommission auch mit der Rolle Ernst von Weizsäckers, der seit April 1938 Staatssekretär im Auswärtigen Amt gewesen war. Der Vater von Altbundespräsident Richard von Weizsäcker habe demzufolge im Mai 1936 die Ausbürgerung des Schriftstellers und Literatur-Nobelpreisträgers Thomas Mann gebilligt. Diese Stellungnahme habe den Ausschlag dafür gegeben, dass Mann seine deutsche Staatsangehörigkeit verlor.

Altbundespräsident Richard von Weizsäcker ist nicht mit den Ergebnissen der Untersuchung bezüglich seines Vaters einverstanden. Er sagte der FAS, dieser habe "bei allen Veränderungen der europäischen Situation unbedingt den Frieden bewahren" wollen. Deswegen sei dieser anders als im Buch suggeriert, auch keine paradigmatische Figur, an der sich die Verstrickung des Auswärtigen Amts in den Holocaust exemplarisch belegen lasse.

SS-Offizier Ernst von Weizsäcker war in einem der Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse 1949 wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit - insbesondere seiner Rolle bei der Deportation französischer Juden ins Konzentrationslager Auschwitz - zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt worden. Von 1943 an war er deutscher Botschafter im Vatikan.