Nachhaltigkeit Muss ich jetzt Veganerin werden?

Bolognese mit Tofu schmeckt unserer Autorin inzwischen besser als die mit Rindfleisch. (Das Bild wurde mit freundlicher Genehmigung aus Attila Hildmanns veganem Kochbuch: "Vegan for Starters" entnommen.)

(Foto: Simon Vollmeyer)

Fleisch essen ist ökologisch nicht korrekt. Avocados essen aber auch nicht. Welche Alternativen sind wirklich besser für die Umwelt? Und was schmeckt?

Von Barbara Vorsamer
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Best of SZ.de 2016 - immer zum Jahresende sammeln wir die Lieblingsgeschichten der Redaktion, die am häufigsten von Lesern weiterempfohlen wurden. Diese Geschichte ist eine von ihnen. Alle lesen...

Ich esse gerade eine Wurstsemmel und frage mich: Darf ich das? Also, so vom Grundsatz der Nachhaltigkeit her?

Fleisch ist schließlich eine der größten Umweltsünden überhaupt: Die Massentierhaltung ist für 15 Prozent aller Klimagasemissionen verantwortlich. Das ist mehr als alle Flugzeuge, Autos und Züge zusammen verursachen. Zudem gehen 70 Prozent des weltweiten Frischwasserverbrauchs für die Fleischproduktion drauf. Fleisch ist also: böse, böse, böse. Manche halten es sogar für schädlicher als Plastik.

Als ich mit Yvonne Zwick vom Nachhaltigkeitsrat für diesen Artikel über Lebensmittelverpackungen gesprochen habe, riet sie mir: "Essen Sie lieber ein Schnitzel weniger, anstatt Plastikfolien zu zählen." Sogar das Bundeslandwirtschaftsministerium empfahl kürzlich, zugunsten des Klimas auf Fleisch zu verzichten. Im Bericht des Expertenrates steht als Ziel "die Verlagerung des Konsums auf klimafreundliche Lebensmittel".

Was sind klimafreundliche Lebensmittel?

Doch hier wird es schwierig, denn was versteht man darunter? Soll ich mir statt der Salami- Avocadoscheiben auf das Sandwich legen? Fände ich persönlich eine leckere Alternative, aber ob das der Umwelt was bringt, ist umstritten. Nicht nur, weil Avocados immer vom anderen Ende der Welt kommen (in Oberbayern wachsen sie leider nicht), für den Avocadoanbau werden dort Pinienwälder abgeholzt, künstliche Dünger und Pestizide verspritzt und Unmengen an Frischwasser verbraucht: 540 Liter Wasser für ein Kilo Avocado. Einem Bericht des britischen Guardian zufolge ist das Avocadogeschäft zudem derart lukrativ, dass kriminelle Kartelle ihre Finger im Spiel haben und die Bauern ausgebeutet werden. Bei aller Liebe zur Umwelt: Menschen sollen für meinen Konsum bitte auch nicht leiden.

Sich umweltbewusst zu ernähren, ist schon ein vertracktes Vorhaben, bevor ethische Bedenken dazukommen. Doch diese spielen natürlich auch eine Rolle. Wer grundsätzlich kein Fleisch oder keine tierischen Produkte konsumiert, tut das zumeist aus einem dieser vier Gründe:

Manchen Menschen schmeckt Fleisch einfach nicht. Sie haben es bei dem Thema beneidenswert leicht. Andere halten vegane oder vegetarische Ernährung für gesünder. Dafür gibt es keine wissenschaftlichen Belege, allerdings auch keine fürs Gegenteil. Fest steht daher nur, dass man sowohl mit tierischen Produkten als auch ohne gesund leben kann - oder ungesund.

Den meisten Vegetariern geht es ums Tierwohl. Sie halten es für unmoralisch oder nachgerade ein Verbrechen, andere Lebewesen zu töten, um sie dann aufzuessen. Veganer lehnen außerdem Tierhaltung ab, die das Ziel hat, Milch, Eier, Haare oder Haut zu verwerten.

Dieser Text konzentriert sich auf die dritte Argumentationslinie: die Tatsache, dass zahlreiche Wissenschaftler in der vegetarischen Ernährungsweise den effektivsten Weg sehen, dem Klimawandel entgegenzuwirken. Der Trend geht weltweit leider in die andere Richtung. Mit steigendem Wohlstand in Entwicklungsländern steigt dort der Fleischkonsum jedes Jahr weiter an, da nützt es für die Bilanz wenig, wenn der ein oder andere gesättigte Europäer zum Flexitarier wird.

Ein Hoch auf die Flexitarier

Es ist schick, zu behaupten, man esse wenig Fleisch und wenn, dann nur bio. Echte Vegetarier und Veganer halten diesen Lifestyle oft für inkonsequent. Doch jedes Schnitzel, das nicht gegessen wird, hilft Umwelt und den Tieren. Ein Kommentar von Barbara Vorsamer mehr ...

Doch das Verhalten der anderen kann ich nicht ändern, nur mein eigenes. Jedes Schnitzel, das ich nicht esse, ist ein Schnitzel weniger, das produziert werden muss. Ich versuche also, mich vegetarisch(er) zu ernähren. Dafür muss ich an einigen liebgewonnen Gewohnheiten rütteln. Statt Wurstbrot zum Frühstück versuche ich es mit Müsli, in der Cafeteria greife ich zum Käse- statt zum Salamibrötchen. Doch besonders umweltfreundlich sind Milchprodukte leider auch nicht.

Vor demselben Problem stehe ich bei Hauptgerichten. Wo ich das Fleisch weglasse, müssen Käse, Sahne, Butter und Eier ran - und davon viel. Will ich ganz ohne tierische Produkte kochen, fällt mir wenig ein. Nudeln mit Gemüsesoße (aber ohne Parmesan leider nicht ganz so lecker) oder ein Curry mit importierter Kokosmilch aus der Dose (auch nicht ganz unproblematisch).

Wie-Wurst für uns Gewohnheitstiere

Gut sortierte Supermärkte haben eine Lösung für Gewohnheitstiere wie mich: Regalmeterweise bieten sie Tofuwurst, Sojageschnetzeltes und Seitansteak an. Weil immer mehr Deutsche zu Fleischersatzprodukten greifen, wird das Sortiment immer besser und reichhaltiger. Strenge Veganer kritisieren, dass hinter vielen Veggie-Produkten Fleischproduzenten wie Rügenwalder, Wiesenhof oder Gutfried stehen. Auch wer vegane Wurst kaufe, so ihre Argumentation, unterstütze Konzerne, die jedes Jahr mehr Tiere schlachten und exportieren.