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Werkstatt Demokratie: Leserfragen:So geht klimabewusster Alltag

(Foto: Hofer/Unsplash)

Glas- oder Plastikflaschen? Gedruckt oder digital lesen? Und welche Kleidung ist gut fürs Klima? Wer nachhaltig leben will, hat Fragen. SZ-Redakteurinnen und -Redakteure antworten.

Im Rahmen der Themenwoche zur Frage "Klimakrise - wie retten wir die Zukunft?" haben Leser und Leserinnen Fragen zu nachhaltigem und klimafreundlichem Leben eingeschickt. Resonanz und Bandbreite waren groß - von Bambusbechern über Zeitungsdruck bis hin zu Elektroautos. Hier sind die Antworten der SZ-Redaktion.

Dieser Artikel gehört zur Werkstatt Demokratie, ein Projekt der SZ und der Nemetschek Stiftung. Alle Beiträge der Themenwoche "Klimakrise" finden Sie hier, alles zum Projekt hier.

Was ist von Plastikalternativen wie Bambus zu halten?

Im Gegensatz zu Erdöl, das für die Herstellung von Plastik benötigt wird, ist Bambus ein nachwachsender Rohstoff - und zwar ein extrem schnell nachwachsender. Das macht ihn gegenüber Tropenhölzern, die erst nach Jahrzehnten erneuert sind, deutlich nachhaltiger. Da Bambus in der Regel jedoch in China angebaut und verarbeitet wird, haben die Produkte eine lange Reise inklusive hohem CO₂-Aufkommen hinter sich, wenn sie im deutschen Drogerieregal landen.

Dazu kommt, dass nicht alle Bambusprodukte wirklich nachhaltig sind: Häufig werden Kunststoffe oder das beim Erhitzen gesundheitsschädliche Melaminharz beigemischt, um die Produkte langlebiger zu machen. Die Stiftung Warentest warnt sogar vor To-Go-Bechern aus Bambus, da viele von ihnen über die Zeit hohe Mengen Schadstoffe freigeben. Mit Werbesätzen wie "biologisch abbaubar" oder "100 Prozent recyclefähig" sollten Verbraucher vorsichtig sein: Sie treffen in der Regel auf Bambusprodukte nicht zu.

Vivien Timmler

Sind Mehrweg-Glasflaschen besser als Plastikflaschen?

Es wäre zu einfach zu sagen, dass Plastikflaschen böse sind und Glasflaschen gut. Denn letztere sind ziemlich schwer, und wenn sie vom Unternehmen bis zum Supermarkt durch die halbe Republik fahren, fällt ihre CO₂-Bilanz tatsächlich schlechter aus als die der leichteren Plastikflaschen. Die entscheidende Grenze liegt laut der Verbraucherzentrale bei 250 Kilometern. Wenn die Flaschen weiter reisen müssen, lohnt sich Plastik. Am besten aber wären noch immer Glasflaschen aus der Region. Oder noch einfacher: Wasser aus der Leitung.

Beim Vergleich mit einem Tetrapak gilt im Übrigen eine ähnliche Regel - auch dann lohnt sich die Mehrweg-Glasflasche nur, wenn sie nicht allzu weit fahren muss. Im Schnitt legt eine Milchflasche allerdings mehr als 700 Kilometer zurück, bis sie beim Kunden ankommt, rechnet das Institut für Energie- und Umweltforschung in Heidelberg vor. (Das dürfte den Auftraggeber der Studie freuen, den Fachverband "Kartonverpackungen für flüssige Nahrungsmittel" - in dessen Vorstand sitzt zum Beispiel der Geschäftsführer von Tetrapak.) Kartons sind zwar leichter, haben aber auch einen großen Nachteil: Sie sind lange nicht so gut zu recyceln wie Glas.

Pia Ratzesberger

Bio-Gurke im Plastik oder Nicht-Bio ohne Plastik?

Ob bio oder nicht bio ist in diesem Fall nicht der entscheidende Punkt. Die wichtigste Frage ist vielmehr, woher die Gurke stammt. Kommt sie aus regionalem Anbau, ist eine Plastikfolie überflüssig: Dann braucht die Gurke vom Feld bis zum Supermarktregal nur ein bis zwei Tage und kommt in der Regel ohne große Wasserverluste dort an. Ein Bio-Produkt aus der Region ist hier dem konventionellen vorzuziehen.

Stammt die Gurke jedoch aus Spanien, was in den Wintermonaten die Regel ist, wird die Sache komplizierter: Die Gurken besitzen bei der Ernte noch eine aktive Zellatmung. Auf ihrer Reise in die Supermärkte, die vier bis fünf Tage dauern kann, verlieren sie viel Wasser. Es besteht die Gefahr, dass sie schrumpelig im Supermarkt ankommen oder im schlimmsten Fall verderben. Ein Plastikschlauch schützt die Gurke vor Wasserverlust, macht sie bis zu drei Tage länger haltbar und verhindert somit Lebensmittelverschwendung.

Bislang: Denn mittlerweile haben fast alle Handelsunternehmen und Discounter Anpassungen in ihren Logistik-Prozessen vorgenommen, um zu gewährleisten, dass die Gurken auch ohne Folie frisch bleiben. Zwar läuft die Saison mit spanischen Gurken in Deutschland erst an, aber die Firmen sind optimistisch, diese jetzt ohne große Lebensmittelverluste unverpackt anbieten zu können.

Vivien Timmler

Werkstatt Demokratie "Mir hat jemand ein 'Klimakiller'-Schild ans Auto gehängt"
Klimaschutz und Mobilität

"Mir hat jemand ein 'Klimakiller'-Schild ans Auto gehängt"

Der eine fährt SUV und Elektroauto, andere organisieren ihr Leben komplett ohne eigenen Pkw. Fünf Menschen erzählen, was Mobilität in ihrem Alltag bedeutet.   Protokolle von Christina Kunkel

E-Auto? Kleidung? Müll?

Alten Diesel weiterfahren oder lieber E-Auto kaufen?

Am besten wäre es, gar nicht Auto zu fahren und auf ein Fahrrad oder öffentliche Verkehrsmittel umzusteigen. Es wird aber immer Menschen geben, vor allem in ländlichen Gebieten, die auf ein Auto angewiesen sind. Diese sind mit einem Elektroauto schon heute am klimafreundlichsten unterwegs. Zwar läuft ein Stromfahrzeug aufgrund der energieintensiven Akkuproduktion mit einem größeren CO₂-Ballast vom Band als ein Benziner oder Diesel. Aber ein rein elektrischer Kleinwagen hat diesen Klimanachteil schon nach gut 25 000 bis 30 000 Kilometern ausgeglichen und ist danach wirklich "sauber" unterwegs - sofern er mit Ökostrom geladen wird.

Es spricht aber auch nicht viel dagegen, einen betagteren Benziner oder Diesel noch ein paar Jahre weiter zu fahren, wenn es sich um ein sparsames Modell handelt. Denn etliche Autohersteller stellen momentan ihre Produktionslinien und Lieferketten so um, dass ihre Elektroautos künftig klimaneutral produziert werden. Der US-Hersteller Tesla etwa produziert die Akkuzellen für seine E-Autos und auch die Fahrzeuge selbst mit hohem Sonnenstrom-Anteil. In Volkswagens neuem Elektroauto-Werk in Zwickau werden die Stromer der neuen ID-Generation CO₂-neutral hergestellt, der Strom kommt ausschließlich aus erneuerbaren Energien, nicht vermeidbare Emissionen gleicht VW durch Klimaschutzmaßnahmen aus. So kommen E-Autos mit einem deutlich kleineren CO₂-Rucksack auf die Straße, als es bislang der Fall war. Und lassen ihren Klimanachteil dann nach sehr viel weniger Kilometern hinter sich.

Michael Neißendorfer

Wie kann ich über Kleidung CO₂ einsparen?

Zunächst einmal gilt: Gebraucht zu kaufen ist bei Kleidung immer besser, als Neuware zu shoppen. Idealerweise stammen sie aus einem Second-Hand-Laden im Ort, auch im Internet gibt es mittlerweile zahlreiche Portale für gebrauchte Kleidung. Selbst wenn die Klamotten aus einem anderen Teil Deutschlands per Post verschickt werden, ist die CO₂-Bilanz noch besser, als in der Fußgängerzone ein Teil aus Neufasern zu kaufen. Wenn es doch Neuware sein muss, dann bietet sich Kleidung von fairen Labels an - vermeintlich "nachhaltige" Linien der großen Fast-Fashion-Labels sind kritisch zu prüfen. Da die Lieferketten in kaum einer anderen Industrie so schwer nachvollziehbar sind wie in der Modebranche, können bei der Orientierung Siegel helfen, beispielsweise das extrem strenge Siegel IVN oder die etwas weniger akribischen, aber immer noch sehr verlässlichen Siegel GOTS oder Bluesign.

Bei Stoffen sind Naturfasern oder Kunstfasern aus nachwachsenden Rohstoffen den klassischen Kunstfasern wie Nylon und Acryl klar vorzuziehen - ihre Basis ist Erdöl. Auch der Baumwoll-Anbau ist sehr wasserintensiv. Ein Stoff, der von Teilen der Industrie als Zukunftsfaser bezeichnet wird, nennt sich Lyocell oder auch Tencel: Die Kunstfaser besteht aus Holz und die Herstellung gilt gegenüber anderen Cellulosefasern wie Viskose als kaum umweltbelastend.

Vivien Timmler

Lohnt es sich, seinen Müll zu trennen?

Beginnen wir mit der schlechten Nachricht: Wenn Sie Ihren Müll nicht trennen, macht es leider auch kein anderer für Sie. Der Müll, den Sie in die schwarze Tonne werfen, kommt in ein Heizkraftwerk und wird verbrannt. Zwar können mit einem großen Magneten immerhin noch Metalle herausgezogen werden, doch im Heizkraftwerk Nord in München zum Beispiel verbrennt vor allem Biomüll, der zu neuer Erde hätte werden können - oder auch Plastik. Wenn Sie das stattdessen in die gelbe Tonne, den gelben Sack oder in eine Wertstofftonne werfen, hat das Plastik zumindest eine Chance, recycelt zu werden.

Der Müll kommt zu einer Sortieranlage, von dort zu einer Recyclinganlage, und am Ende wird aus altem Plastik neues Granulat. Im besten Fall. Denn auch wenn Sie die Kunststoffe in die richtige Tonne werfen, können noch lange nicht alle recycelt werden. Das liegt unter anderem daran, dass die Scanner in den Sortieranlagen nicht immer erkennen, welchen Kunststoff sie vor sich haben. Es gibt Hunderte und manchmal sind verschiedene Kunststoffe zudem so eng miteinander verbunden sind, dass sie niemand mehr voneinander trennen kann.

Es lohnt sich deshalb darauf zu achten, dass Verpackungen nur aus einem einzigen Material hergestellt sind. Dann sind sie am besten recycelbar. Noch besser ist: überhaupt keine Verpackung.

Pia Ratzesberger

Werkstatt Demokratie Ideen im Kampf gegen die Klimakrise
Erderwärmung

Ideen im Kampf gegen die Klimakrise

Solarauto, Wasserstoff-Zug, Laborfleisch, Schwammstadt - einige Entwicklungen stehen kurz vor dem Durchbruch. Sieben Technologien für die klimafreundliche Zukunft.   Von Camilla Kohrs und Thomas Hummel

Photovoltaik? Print oder Digital?

Ist eine Photovoltaik-Anlage auf dem eigenen Dach sinnvoll?

Aus vielerlei Gründen: ein klares Ja. Nimmt man etwa den CO₂-Ausstoß, steht die Photovoltaik-Technik im Vergleich zu anderen Energieträgern sehr gut da. Auch wenn man die Herstellung und die Entsorgung einberechnet. Nach einer Studie des Fraunhofer-Instituts entstehen hier pro erzeugter Kilowattstunde Strom 50 Gramm CO₂-Äquivalent, bei Braunkohle 1075 Gramm, bei Erdgas 499 Gramm, selbst bei Biomasse sind es noch 70 Gramm. (Die Einheit CO₂-Äquivalent bezeichnet die Effekte aller Emissionen auf die Erderwärmung). Dabei steht die Entsorgung unbrauchbarer PV-Zellen erst am Anfang. Die Branche glaubt, dass bei unbeschädigten Modulen etwa 90 Prozent aller Stoffe wiederverwendet werden können.

Finanziell lohnt sich eine PV-Anlage ohnehin. Die Investition rechnet sich durch den gesparten Strompreis nach etwa zehn bis 13 Jahren, je nachdem wie viel Sonneneinstrahlung die Module erhalten. Wie lange die PV-Module halten, ist generell noch schwer zu beurteilen. Pessimisten sprechen von 20 Jahren, Optimisten von 40 Jahren. Der Leistungsabfall währenddessen ist mit 0,1 Prozent des Wirkungsgrades pro Jahr minimal.

Thomas Hummel

Photovoltaik oder Solarthermie?

Hausbesitzer haben meist nur ein Dach, einige rätseln nun: lieber eine solarthermische Anlage, um warmes Wasser zum Duschen, Waschen oder Heizen herzustellen? Oder eine Photovoltaik-Anlage für die Stromproduktion? Die Antwort darauf ist sowohl in finanzieller wie ökologischer Hinsicht nicht eindeutig und hängt von individuellen Begebenheiten ab. Im Idealfall teilt man das Dach für beide Techniken auf, es gibt auch Kombimodule, die sich allerdings bislang kaum durchgesetzt haben.

Da das Heizen mit Strom durch Wärmepumpen immer attraktiver wird, könnte die Photovoltaik-Technik absehbar einen Vorteil genießen. Die Kombination PV-Anlage, Stromspeicher und Wärmepumpe erfordert zwar Investitionen, spart Hausbesitzern aber schon jetzt viel Geld für Strom und Heizung. Fallende Preise bei der Anschaffung machen das Modell immer lohnenswerter. Ökologisch wertvoll ist es im Vergleich mit anderen Techniken ohnehin.

Thomas Hummel

Zeitung als Printprodukt lesen oder digital?

Hier läuft es auf den Konflikt nachwachsender Rohstoff versus Stromverbrauch hinaus. Denn klar, für die gedruckte Zeitung werden Bäume gefällt, darüber hinaus sind große Mengen Wasser und Chemikalien für die Papierherstellung notwendig. Wer online liest, verbraucht keine haptischen Ressourcen, aber sowohl die Datenübertragung als auch das Gerät, auf dem gelesen wird, benötigen Energie.

Entscheidend ist daher das Verhalten der Nutzer: Wer nur zehn bis zwanzig Minuten am Tag Nachrichten liest, sollte das digital tun. Ab einer halben Stunde ist die gedruckte Zeitung im Vorteil, zeigt eine Studie des Stockholmer Royal Institute of Technology. Wer die Ökobilanz der Zeitung verbessern will, sollte sie mit anderen teilen: einmal gedruckt, kann sie schließlich beliebig oft gelesen werden.

Vivien Timmler

© SZ/hum
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