bedeckt München
vgwortpixel

Spekulation um WM-Vergabe:Empfänger-Kürzel "E16"

Ausgenommen waren nur die im Kern Beschuldigten: der Weltverband als solcher, Sepp Blatters Amtsvorgänger João Havelange sowie dessen Schwiegersohn Ricardo Teixeira, ebenfalls ein langjähriges Vorstandsmitglied der Fifa. Diese drei Parteien waren auch von der Justiz mit Wiedergutmachungszahlungen von insgesamt 5,5 Millionen Franken belegt worden.

Zwanziger zeigte in Bild nun einen einfachen Ausdruck dieser anonymisierten ISL-Sünderliste. Hinter einer Zeile mit dem Empfänger-Kürzel "E16" hat er ein Kreuzchen und die Buchstaben "Dempsey!" gekritzelt - und das schon vor drei Jahren, wie er versichert. Er habe die Liste damals erhalten, "und an den mir interessant erscheinenden Punkten Anmerkungen angebracht, die zu dieser Zeit nur Vermutungscharakter haben konnten", sagte Zwanziger am Dienstag der SZ.

Wer verbirgt sich hinter dem Kürzel E16? In den Dokumenten aus dem Schweizer Abschlussverfahren gegen den einstigen Fifa-Rechtevermarkter ISL wurden die Namen der Zahlungsempfänger anonymisiert. Am 5. Juli 2000, am Tag vor der WM-Vergabe an Deutschland, sollen 250 000 Dollar an Empfänger E16 ausgereicht worden sein. Wofür?

(Foto: oh)

Diese hätten ihn allerdings so alarmiert, dass er die Erkenntnisse mit den anderen Mitgliedern des früheren WM-Organisationskomitees (Beckenbauer, Radmann, Horst R. Schmidt, Wolfgang Niersbach) erörtern wollte. Bei einem Gespräch am Frankfurter Flughafen habe er darauf "keine Antworten" erhalten. Angeblich habe sich die Runde darauf verständigt, erst einmal die damals angestoßenen Untersuchungen der Fifa-Ethikkommission zu dieser Causa abzuwarten.

Wartete ein Koffer mit 250 000 Dollar auf Dempsey?

Eine anonymisierte ISL-Sünderliste mit einer drei Jahre alten handschriftlichen Notiz ist nun alles andere als ein Beleg, eher eine recht dünne Lage. Zwanziger selbst sagt, er hätte durch die Präsentation dieses Dokumentes nur seine Wortwahl "Flickenteppich an Schmiergeldzahlungen" erläutern wollen. Aber in der Tat fällt rund um diese Überweisung an "E16" einiges auf.

Die in der betreffenden Zeile beschriebene Transaktion betrug 250 000 Dollar und wurde am 5. Juli 2000 getätigt: also am Tag vor der WM-Vergabe, als Dempsey mit Funktionärsfreunden zusammensaß und sogar wiederholt mit Anwälten telefonierte. Er sei sehr aufgewühlt gewesen, beschreiben damalige Zeugen die Situation. Auch fällt auf, dass "E16" in den zwölf Jahren, für die das Schmiergeldgebaren der Agentur dokumentiert ist, nur einmal Geld erhielt. Viele andere Empfänger sind mehrfach bedacht worden.

Süddeutsche Zeitung Sport Netzer wirft Zwanziger Verleumdung vor
Analyse
Affäre um WM 2006

Netzer wirft Zwanziger Verleumdung vor

Günter Netzer will sein angebliches Zitat, die WM 2006 sei gekauft, aus der Welt schaffen - und notfalls gegen Ex-DFB-Präsident Zwanziger vor Gericht ziehen. Er stellt ein Ultimatum.   Von Hans Leyendecker und Klaus Ott

Vor Wochen griff der britische Fifa-Kenner Andrew Jennings das Gerücht auf, dass im Dolder Grand Hotel ein Koffer mit 250 000 Dollar auf Dempsey gewartet habe: "Was war die Quelle für die an Dempsey gezahlten 250 000 Dollar? Es sieht so aus, als hätten Jean-Marie Weber (langjähriger Chef der ISL, die Red.) und die ISL diese Rechnung beglichen."

Allerdings hätte Zwanziger auch auf einfacherem Wege erfahren können, wer sich hinter "E16" verbirgt. Denn die drei betroffenen Parteien, die bei der Einstellung des ISL-Verfahrens durch die Zuger Justiz Wiedergutmachung leisten mussten, erhielten statt der anonymisierten Liste von 2012 bereits 2010 das Originaldokument: Das mit den Klarnamen.

Dieses Papier besaßen also die beiden Brasilianer Havelange und Teixeira sowie die Fifa, sprich: Sepp Blatter, mit dem Zwanziger lange gut stand. Und schon damals hatte der Schweizer deutschen Funktionären, die ihn wegen seiner im ISL-Papier enthüllten Rolle als Mitwisser von Schmiergeldzahlungen zum Rücktritt aufforderten, gedroht: Er erinnere sich gut an die WM-Vergabe 2006 - als ein Funktionär plötzlich den Raum verließ.