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Jahresrückblick:Söder gewinnt den CSU-Kleinkrieg gegen Seehofer

Fortsetzung der Landesversammlung der Jungen Union

Am 5. November stellte sich Markus Söder während der JU-Landesversammlung in Erlangen neben eine Gruppe mit Schildern mit der Aufschrift "MP Söder". Heute weiß man: Söder wird Anfang 2018 bayerischer Minsterpräsident werden.

(Foto: dpa)

Ein Sonntag im November, der Machtkampf tobt in der CSU, Horst Seehofer gegen Markus Söder. Im Erlanger Kongresszentrum spricht Söder zur Landesversammlung der Jungen Union und wird bejubelt. Söder hat sich all die Jahre nie offen dazu bekannt, dass er Ministerpräsident werden will. Auch vor dem Parteinachwuchs hat er das penibel vermieden. Nun marschiert er aus dem Saal, gefolgt von einem Strom begeisterter Fans und dienstlich verpflichteter Reporter. Im Radsport würde man jetzt sagen: Man muss Söders Hinterrad erwischen. Dran bleiben.

Aus nächster Nähe erkennt man, dass Söder nach ein paar Metern plötzlich stutzt. Im Foyer warten etwa hundert Leute von der JU, aufgestellt zum Gruppenfoto. Söder weiß, dass Unterstützer aus seiner fränkischen Heimat Schilder vorbereitet haben. Er weiß wohl wirklich nicht, dass sie hier zum Einsatz kommen sollen. Die JU-Rebellen wollten die Schilder eigentlich Seehofer entgegen recken, aber der hat seinen Auftritt abgesagt. Söder, der sonst immer rennt, bremst den Schritt. Die Schilder sind blau, DIN A3, darauf steht: "Erneuerung jetzt", "Die Zeit ist reif" und "MP Söder". "MP", das ist die Abkürzung für Ministerpräsident.

Söder hat beim Bayerischen Fernsehen volontiert, er denkt in Bildern. Er ahnt, das hier wären Bilder, die reden: "Ich will Ministerpräsident werden." Es wäre ein Affront gegen Seehofer, ein Bruch der Friedenspflicht. Es wäre aber auch eine Ansage an seine Leute. Der Reporter schaut Söder ins Gesicht und fragt sich: Macht er das? Macht er das wirklich? Ein paar Meter vor den Jubelfranken bleibt Söder stehen, er fährt sich mit der Hand übers Kinn. Nochmal. Und nochmal. Man glaubt zu sehen, dass Gefühl und Verstand jetzt in ihm ringen.

Die jungen Anhänger winken ihn in die Mitte, er kommt ihnen einen Schritt entgegen. Wieder stoppt er ab. Söder fragt: "Könnt ihr das nicht ohne mich machen?" Langsam tappt er an den Rand der Gruppe. Dann gewinnt das Gefühl. "Das gibt Ärger", sagt er, stellt sich an die Seite der Schilderträger und setzt für die Fotografen ein Lächeln auf.

Von Roman Deininger

Der IS verliert sein Kalifat - aber überlebt als Terror-Organisation

Durch den Schlitz einer Metallplatte ist das schwarze Banner der Terrormiliz Islamischer Staat zu sehen. Es flattert am berühmten schiefen Minarett der Großen Nuri-Moschee in der Altstadt von Mossul. Es ist Ende März; die irakischen Truppen dringen in die Altstadt vor. Die härteste Schlacht in der zweitgrößten Metropole in Irak hat begonnen; ein paar Tage zuvor sind Dutzende Menschen bei Luftangriffen und Gefechten getötet worden. Wir sind mit einem Soldaten in die oberen Stockwerke eines ehemaligen Hotels neben dem zerstörten Museum geklettert, etwa 1200 Meter Luftlinie zur Moschee und weniger als 600 Meter zur Front.

Alle wissen: Wenn die irakischen Soldaten die Flagge von der Moschee reißen, in der sich Abu Bakr al-Baghdadi zum Kalifen ausgerufen hat, wird sein Schreckensreich dem Ende nahe sein. Hubschrauber schießen Raketen, der Soldat drängt zum Aufbruch. Noch immer nehmen Scharfschützen das Gebäude unter Feuer, neben dem sich eine Einheit verschanzt hat. Wir vereinbaren, dass ich zurückkomme, wenn die Befreiung der Altstadt absehbar ist.

Als ich Ende Juni in Kairo die Reise plane, taucht das Video auf Twitter auf: Der IS hat die Moschee in die Luft gejagt. Ihre Überreste bekomme ich erst im September bei einer Fahrt durch die zerstörte Altstadt zu Gesicht, da steht gerade Raqqa vor dem Fall, die Hauptstadt des IS in Syrien. Das Kalifat existiert am Ende 2017 nicht mehr. Mit den Verwüstungen aber, die es angerichtet hat, wird die Region lange zu kämpfen haben. Und als Terror-Organisation existiert der IS fort. Es ist wie Ende 2007, als al-Qaida im Irak als militärisch besiegt galt - die Vorläufer-Organisation des Islamischen Staates.

Von Paul-Anton Krüger

Petry verlässt die AfD - deren Erfolg bleibt groß

Drei Minuten und 53 Sekunden, so lange dauert der letzte Auftritt von Frauke Petry als Chefin der AfD. Dann ist sie weg. Es ist der Tag nach der Bundestagswahl, ihre Partei hat gerade die politische Landschaft in Deutschland verändert. 12,6 Prozent der Wähler haben sich für sie entschieden, trotz der seit Monaten fortdauernden internen Konflikte und der unübersehbaren Zerstrittenheit ihrer Parteiführer. Dass die beiden Vorsitzenden sich seit Monaten aus dem Weg gingen, es war egal. Die extremen Zuspitzungen der AfD im Wahlkampf, auch die bewussten Grenzverletzungen gerade im Internet, sie hatten der Partei wohl noch genutzt.

Frauke Petry hat in Sachsen sogar eines von drei AfD-Direktmandaten gewonnen. Nun nutzt sie die Bundespressekonferenz für einen spektakulären Abgang. Ein paar Worte nur, dann steht sie auf und geht. Ihre Ankündigung, die AfD zu verlassen, überrascht auch die einstigen Weggefährten. Sie brauchen aber nicht einmal drei Minuten und 53 Sekunden. Schnell weicht ihre Überraschung und Genugtuung kommt durch. Alexander Gauland, inzwischen der mächtigste Mann der Partei, schaut amüsiert drein.

In diesem Moment hat sich vollzogen, was sich über Monate ankündigte. Die vormals wichtigste Frau der AfD, die noch 2015 den Mitgründer der Partei Bernd Lucke ausbootete, hat ihre Basis verloren. Dieser Moment offenbart auch den besonderen Charakter der rechtsnationalen Partei, wie man ihn auf fast jedem Parteitag erleben kann: Ihre führenden Persönlichkeiten entzweien sich auf offener Bühne, der Riss kann nicht tief genug sein. Aber es schadet ihnen nicht, in diesem Herbst. Es erschüttert die AFD-Wähler nicht, und es erschüttert sie nicht. Sie machen einfach weiter, so wie an diesem Montagmorgen in der Bundespressekonferenz.

Von Jens Schneider

Macron wird Präsident und gibt Europa Hoffnung

Die Stimme des TV-Moderators hallt im Innenhof des Louvre, als er die Sekunden herunter zählt. Ich bin aufgeregt. Lagen die Umfragen wieder falsch und wird Marine Le Pen, die rechtsextreme Giftmischerin, Frankreichs nächste Präsidentin? Dann reißen hunderte Menschen um mich herum die Arme hoch und jubeln: Emmanuel Macron hat deutlich gewonnen. Nach der Brexit-Entscheidung und der Wahl von Donald Trump endlich mal eine gute Nachricht.

Die Stimmung im Hof der ehemaligen Königsresidenz ist gut, aber nicht ausgelassen. Beim Wahlsieg des Sozialisten François Hollande fünf Jahre zuvor war das Gedränge so groß, dass die Straßen um die Bastille gesperrt werden mussten. Bei Macron ist genügend Platz. Nur direkt vor der Bühne stehen die Menschen dicht an dicht.

Als der erst 39 Jahre alte Wahlsieger spätabends zu den Klängen von Beethovens Ode an die Freude ganz alleine feierlich den riesigen Hof durchquert, bekomme ich eine Gänsehaut. Gleichzeitig finde ich diese Inszenierung, die auf Präsident Mitterand anspielt, zu pathetisch. Der Weg ist lang, Macron geht langsam, die Europahymne muss noch einmal von vorne gespielt werden. Als ich gegen Mitternacht in die Metro steige, bekomme ich eine zweite gute Nachricht: Meine Schwester hat an diesem Abend ein Kind bekommen.

Von Lilith Volkert

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