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Jahresrückblick:Die politischen Momente 2017

Sie alle gehören zum politischen Jahresrückblick: FDP-Chef Christian Lindner; eine Teilnehmerin des Women's March in Washington; die Schaulustigen bei den Hamburger G-20-Protesten und die britische Premierministerin Theresa May.

(Foto: dpa(2); AFP; AP)

Millionen Frauen protestieren gegen Trump, Christian Lindner lässt die Jamaika-Koalition platzen, die CSU inszeniert einen Kleinkrieg. Was in der Politik besonders berührt und was verstört hat.

Von SZ-Autoren

Intensiv und nervenzehrend, so lässt sich das politische Jahr 2017 am besten beschreiben. US-Präsident Donald Trump hielt die Welt in Atem. Wann und wie genau die Brite aus der EU austreten, weiß keiner, und dass es drei Monate nach der Bundestagswahl keine Regierung gibt, sah auch niemand voraus. 2017 festigte Chinas Präsident Xi seine Macht und mit Verzögerung nahm der Westen auch wahr, dass Hunderttausende muslimische Rohingya aus Myanmar vertrieben wurden. Um zu berichten, waren SZ-Reporter nicht nur in Flüchtlingslagern in Bangladesch, sondern auch bei unzähligen Veranstaltungen in Brüssel, Berlin, Washington oder Paris. Einige von ihnen schildern hier, welche Momente ihnen besonders in Erinnerung bleiben werden.

Christian Lindner beendet die Jamaika-Gespräche

Wochenlang haben Union, FDP und Grüne eine Jamaika-Koalition sondiert. Am 19. November, kurz nach 23 Uhr, ist Schluss. Die Vertreter der Liberalen haben die baden-württembergische Landesvertretung verlassen. "Es ist besser, nicht zu regieren als falsch zu regieren", sagt FDP-Chef Christian Lindner vor der Tür.

Drinnen breitet sich Schockstarre aus. Es dauert. Dann kommen die ersten Unterhändler von CDU, CSU und Grünen ins Foyer. "Unverantwortlich", sagt Claudia Roth. Lange hat die Grüne um einen Kompromiss beim Streitthema Migration gerungen. Alles umsonst. "Manchen geht es eben nur um die Person oder die Partei, aber nicht ums Land oder Europa", schimpft sie.

Nach dem Ende der Sondierungsgespräche - FDP

Der FDP-Vorsitzende Christian Lindner, kurz nach dem Ende der Sondierungsgespräche für eine Jamaika-Koalition.

(Foto: picture alliance / Bernd von Jut)

Doch bei den Zurückgelassenen weicht der Zorn bald dem Wunsch nach Verbrüderung. Roth umarmt also Innenminister Thomas de Maizière (CDU), der die Umarmung so herzlich erwidert, als seien Grüne und Schwarze immer beste Freunde gewesen. "Bier oder so?", fragt Schleswig-Holsteins grüner Umweltminister Robert Habeck CDU-Generalsekretär Peter Tauber. "Liebe Frau Roth", ruft Kanzleramtsminister Peter Altmaier: "Sie waren großartig!" Er streckt der Grünen die Hand entgegen und strahlt. Roth nimmt die Hand, aber sie kämpft jetzt. Mit den Tränen.

Von Constanze von Bullion

Ein Dauerhusten rettet die strauchelnde Theresa May

"Lieber einen akuten Malaria-Anfall haben, als nochmal die Rede von Theresa May zu durchleben" - diese brutale Feststellung stammt nicht von mir, sondern von einer Guardian-Kolumnistin. Aber ehrlich gesagt: Recht hat sie. Die Premierministerin Anfang Oktober in Manchester - das war Komödie und Tragödie in einem, und vor allem: quälend. So wie der ganze Brexit.

Theresa May wusste, dass ihr politisches Überleben vom Auftritt auf dem Tory-Parteitag abhing. Sie war dabei, die Verhandlungen mit Brüssel zu vergeigen, wie sie schon die Neuwahl vergeigt hatte. Sie war eine Lachnummer für die Karikaturisten und eine Hassfigur für die Opposition, ein Punchingball für die innerparteilichen Gegner - doch nun sollte alles gut werden. Solche wichtigen Parteitagsreden werden vorher stundenlang geprobt, aber auch der beste Coach konnte nicht vorhersehen, ihre Gegner konnten nicht fassen, was dann geschah: May trat auf, setzte an - und hustete. Und hustete. Und hustete. Sie hörte gar nicht mehr auf. Zwischen den Hustern machte sie Witze, wehrte einen Comedian ab, der sich auf die Bühne stürzte, trank Wasser, schluckte Bonbons. Und hustete.

Gipfel der EU-Staats- und Regierungschefs

Dass sie zum Jahresende noch britische Premierministerin ist, bezweifelten im Sommer viele Experten. Aber Theresa May beißt sich weiter durch.

(Foto: picture alliance / Thierry Roge/)

Wahrscheinlich wäre sie nicht mehr im Amt, wenn sie nicht gehustet hätte: zu mechanisch, zu roboterhaft, zu wenig glaubwürdig wäre ihre Rede gewesen. So aber tat sie allen leid, die Beißhemmung setzte ein, man schützte sie, vergab ihr. Das rettete sie. Nun macht die 61-Jährige weiter wie bisher: maximales Durchwurschteln bei minimalen Sympathiewerten. Kein Plan, aber glückliche Zufälle. Fehler, Paukenschläge, Versagen, und dann wieder ein Erfolg, der sie raushaut. Gute Besserung, Mrs. May. Gute Besserung, Großbritannien.

Von Cathrin Kahlweit

Schulz und die SPD-Männer scheiterrn

Am Wahlabend sind sie ganz vorne mit dabei, die SPD-Frauen. Neben Wahlverlierer Martin Schulz stehen Familienministerin Katharina Barley, Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig, Arbeitsministerin Andrea Nahles und Umweltministerin Barbara Hendricks. Und die Männer? In der letzten Reihe ragt Thorsten Schäfer-Gümbel hervor, am Rand steht Justizminister Heiko Maas, Sigmar Gabriel verschwindet fast hinter Malu Dreyer aus Rheinland-Pfalz.

Der erste Gedanke ist: alles klar. Im Moment der absoluten Katastrophe dürfen sie also ganz vorne stehen, die Frauen. Kennen wir das nicht aus der CDU, wo Angela Merkel die Scherben des Spendenskandals aufkehren musste? Immerhin, sie wurde danach Kanzlerin. Ist das vielleicht die Botschaft, die die SPD aussendet, dass es nach 20,5 Prozent bei der Bundestagswahl endlich vorbei ist mit der Männerwirtschaft? Denn entgegen der eigenen Ansprüche machen in der SPD die Männer die wichtigsten Spitzenposten noch immer unter sich aus. Noch nie hatte die Partei eine Chefin, nie eine Spitzenkandidatin, Männer dominieren ihr Bild in der Öffentlichkeit. Nur eine Idee: Vielleicht kommt die SPD deswegen bei Frauen nicht gut an?

Nach der Wahlniederlage versprach Schulz Erneuerung. Und immerhin, Andrea Nahles wurde als erste Frau Fraktionschefin der SPD. Doch auf den anderen wichtigen Posten folgten Männer, Männer, Männer. Ach, SPD. Das mit der Erneuerung üben wir nochmal.

Von Hannah Beitzer

Hunderttausende Frauen protestieren gegen Trump

Es sind die Plakate, die vielen Hoffnung geben. "My Body, My Choice" oder "Ohne Einwanderung hätte Trump keine Ehefrauen" steht auf den Plakaten, die beim "Women's March" in Washington zu sehen sind. Die US-Hauptstadt ist lahmgelegt durch all die Frauen und Männer, die dem neuen Präsidenten zeigen wollen: "Wir sind gegen deine Politik, die frauen- und fremdenfeindlich ist." Am Tag zuvor ist Donald Trump vereidigt worden - und ihm jubelten viel weniger Menschen zu, obwohl Trump dies "Fake News" brüllend behauptete.

International Women's Day Marked With Rallies And Protests Across The Country

Frauen protestieren gegen Trump.

(Foto: AFP)

Seit seinem Einzug ins Weiße Haus hat sich Trump nicht verändert: Der 45. US-Präsident twittert sich um Kopf und Kragen, er verbreitet Lügen und hat keinen Respekt vor unabhängigen Gerichten. Erst im Dezember gelang ihm mit der Steuerreform ein erster gesetzgeberischer Erfolg, doch zuvor hat er mit Dekreten viele Erfolge Obamas wieder abgeschafft. Im Moment ist der Protest in den Medien nicht mehr so präsent, aber in allen Bundesstaaten arbeiten Aktivisten dafür, die Auswirkungen der Trump-Politik für Arme, Latinos und Schwarze zu begrenzen. Und überall sind Frauen besonders aktiv: 2018 bewerben sich in den USA so viele Frauen für Sitze im Kongress und in den Landesparlamenten wie nie zuvor.

Ein Gespräch ist mir noch heute in Erinnerung: Liz Smulian war aus Wisconsin nach Washington gereist, um Gleichgesinnte zu treffen. Smulian ist Anfang 30, und auch sie hat vor, bald für ein politisches Amt zu kandidieren. Auch sie hielt ein Protestplakat hoch: Darauf war der Satz "Ich habe so viele Gründe, dass die gar nicht alle auf dieses Schild passen" umrahmt von Themen wie Klimawandel, Bürgerrechte, Einwanderung, Vertrauen in Wissenschaft oder Abtreibung. Bis heute liefert Trump den Kritikern unzählige Gründe, seine Politik zu bekämpfen. Wer sich durchsetzt, zeigt sich bei der Kongresswahl im November.

Von Matthias Kolb

Söder gewinnt den CSU-Kleinkrieg gegen Seehofer

Fortsetzung der Landesversammlung der Jungen Union

Am 5. November stellte sich Markus Söder während der JU-Landesversammlung in Erlangen neben eine Gruppe mit Schildern mit der Aufschrift "MP Söder". Heute weiß man: Söder wird Anfang 2018 bayerischer Minsterpräsident werden.

(Foto: dpa)

Ein Sonntag im November, der Machtkampf tobt in der CSU, Horst Seehofer gegen Markus Söder. Im Erlanger Kongresszentrum spricht Söder zur Landesversammlung der Jungen Union und wird bejubelt. Söder hat sich all die Jahre nie offen dazu bekannt, dass er Ministerpräsident werden will. Auch vor dem Parteinachwuchs hat er das penibel vermieden. Nun marschiert er aus dem Saal, gefolgt von einem Strom begeisterter Fans und dienstlich verpflichteter Reporter. Im Radsport würde man jetzt sagen: Man muss Söders Hinterrad erwischen. Dran bleiben.

Aus nächster Nähe erkennt man, dass Söder nach ein paar Metern plötzlich stutzt. Im Foyer warten etwa hundert Leute von der JU, aufgestellt zum Gruppenfoto. Söder weiß, dass Unterstützer aus seiner fränkischen Heimat Schilder vorbereitet haben. Er weiß wohl wirklich nicht, dass sie hier zum Einsatz kommen sollen. Die JU-Rebellen wollten die Schilder eigentlich Seehofer entgegen recken, aber der hat seinen Auftritt abgesagt. Söder, der sonst immer rennt, bremst den Schritt. Die Schilder sind blau, DIN A3, darauf steht: "Erneuerung jetzt", "Die Zeit ist reif" und "MP Söder". "MP", das ist die Abkürzung für Ministerpräsident.

Söder hat beim Bayerischen Fernsehen volontiert, er denkt in Bildern. Er ahnt, das hier wären Bilder, die reden: "Ich will Ministerpräsident werden." Es wäre ein Affront gegen Seehofer, ein Bruch der Friedenspflicht. Es wäre aber auch eine Ansage an seine Leute. Der Reporter schaut Söder ins Gesicht und fragt sich: Macht er das? Macht er das wirklich? Ein paar Meter vor den Jubelfranken bleibt Söder stehen, er fährt sich mit der Hand übers Kinn. Nochmal. Und nochmal. Man glaubt zu sehen, dass Gefühl und Verstand jetzt in ihm ringen.

Die jungen Anhänger winken ihn in die Mitte, er kommt ihnen einen Schritt entgegen. Wieder stoppt er ab. Söder fragt: "Könnt ihr das nicht ohne mich machen?" Langsam tappt er an den Rand der Gruppe. Dann gewinnt das Gefühl. "Das gibt Ärger", sagt er, stellt sich an die Seite der Schilderträger und setzt für die Fotografen ein Lächeln auf.

Von Roman Deininger

Der IS verliert sein Kalifat - aber überlebt als Terror-Organisation

Durch den Schlitz einer Metallplatte ist das schwarze Banner der Terrormiliz Islamischer Staat zu sehen. Es flattert am berühmten schiefen Minarett der Großen Nuri-Moschee in der Altstadt von Mossul. Es ist Ende März; die irakischen Truppen dringen in die Altstadt vor. Die härteste Schlacht in der zweitgrößten Metropole in Irak hat begonnen; ein paar Tage zuvor sind Dutzende Menschen bei Luftangriffen und Gefechten getötet worden. Wir sind mit einem Soldaten in die oberen Stockwerke eines ehemaligen Hotels neben dem zerstörten Museum geklettert, etwa 1200 Meter Luftlinie zur Moschee und weniger als 600 Meter zur Front.

Alle wissen: Wenn die irakischen Soldaten die Flagge von der Moschee reißen, in der sich Abu Bakr al-Baghdadi zum Kalifen ausgerufen hat, wird sein Schreckensreich dem Ende nahe sein. Hubschrauber schießen Raketen, der Soldat drängt zum Aufbruch. Noch immer nehmen Scharfschützen das Gebäude unter Feuer, neben dem sich eine Einheit verschanzt hat. Wir vereinbaren, dass ich zurückkomme, wenn die Befreiung der Altstadt absehbar ist.

Als ich Ende Juni in Kairo die Reise plane, taucht das Video auf Twitter auf: Der IS hat die Moschee in die Luft gejagt. Ihre Überreste bekomme ich erst im September bei einer Fahrt durch die zerstörte Altstadt zu Gesicht, da steht gerade Raqqa vor dem Fall, die Hauptstadt des IS in Syrien. Das Kalifat existiert am Ende 2017 nicht mehr. Mit den Verwüstungen aber, die es angerichtet hat, wird die Region lange zu kämpfen haben. Und als Terror-Organisation existiert der IS fort. Es ist wie Ende 2007, als al-Qaida im Irak als militärisch besiegt galt - die Vorläufer-Organisation des Islamischen Staates.

Von Paul-Anton Krüger

Petry verlässt die AfD - deren Erfolg bleibt groß

Drei Minuten und 53 Sekunden, so lange dauert der letzte Auftritt von Frauke Petry als Chefin der AfD. Dann ist sie weg. Es ist der Tag nach der Bundestagswahl, ihre Partei hat gerade die politische Landschaft in Deutschland verändert. 12,6 Prozent der Wähler haben sich für sie entschieden, trotz der seit Monaten fortdauernden internen Konflikte und der unübersehbaren Zerstrittenheit ihrer Parteiführer. Dass die beiden Vorsitzenden sich seit Monaten aus dem Weg gingen, es war egal. Die extremen Zuspitzungen der AfD im Wahlkampf, auch die bewussten Grenzverletzungen gerade im Internet, sie hatten der Partei wohl noch genutzt.

Frauke Petry hat in Sachsen sogar eines von drei AfD-Direktmandaten gewonnen. Nun nutzt sie die Bundespressekonferenz für einen spektakulären Abgang. Ein paar Worte nur, dann steht sie auf und geht. Ihre Ankündigung, die AfD zu verlassen, überrascht auch die einstigen Weggefährten. Sie brauchen aber nicht einmal drei Minuten und 53 Sekunden. Schnell weicht ihre Überraschung und Genugtuung kommt durch. Alexander Gauland, inzwischen der mächtigste Mann der Partei, schaut amüsiert drein.

In diesem Moment hat sich vollzogen, was sich über Monate ankündigte. Die vormals wichtigste Frau der AfD, die noch 2015 den Mitgründer der Partei Bernd Lucke ausbootete, hat ihre Basis verloren. Dieser Moment offenbart auch den besonderen Charakter der rechtsnationalen Partei, wie man ihn auf fast jedem Parteitag erleben kann: Ihre führenden Persönlichkeiten entzweien sich auf offener Bühne, der Riss kann nicht tief genug sein. Aber es schadet ihnen nicht, in diesem Herbst. Es erschüttert die AFD-Wähler nicht, und es erschüttert sie nicht. Sie machen einfach weiter, so wie an diesem Montagmorgen in der Bundespressekonferenz.

Von Jens Schneider

Macron wird Präsident und gibt Europa Hoffnung

Die Stimme des TV-Moderators hallt im Innenhof des Louvre, als er die Sekunden herunter zählt. Ich bin aufgeregt. Lagen die Umfragen wieder falsch und wird Marine Le Pen, die rechtsextreme Giftmischerin, Frankreichs nächste Präsidentin? Dann reißen hunderte Menschen um mich herum die Arme hoch und jubeln: Emmanuel Macron hat deutlich gewonnen. Nach der Brexit-Entscheidung und der Wahl von Donald Trump endlich mal eine gute Nachricht.

Die Stimmung im Hof der ehemaligen Königsresidenz ist gut, aber nicht ausgelassen. Beim Wahlsieg des Sozialisten François Hollande fünf Jahre zuvor war das Gedränge so groß, dass die Straßen um die Bastille gesperrt werden mussten. Bei Macron ist genügend Platz. Nur direkt vor der Bühne stehen die Menschen dicht an dicht.

Als der erst 39 Jahre alte Wahlsieger spätabends zu den Klängen von Beethovens Ode an die Freude ganz alleine feierlich den riesigen Hof durchquert, bekomme ich eine Gänsehaut. Gleichzeitig finde ich diese Inszenierung, die auf Präsident Mitterand anspielt, zu pathetisch. Der Weg ist lang, Macron geht langsam, die Europahymne muss noch einmal von vorne gespielt werden. Als ich gegen Mitternacht in die Metro steige, bekomme ich eine zweite gute Nachricht: Meine Schwester hat an diesem Abend ein Kind bekommen.

Von Lilith Volkert

Der G-20-Gipfel legt Hamburg lahm

Die Schanze brennt. Mein Kollege und ich stehen staunend an der Kreuzung Neuer Kamp/Neuer Pferdemarkt im Hamburger Szeneviertel. Wir sind in die Stadt gekommen, um über den G-20-Gipfel zu berichten, das Treffen der Mächtigen, zu dem auch US-Präsident Trump und Russlands Staatschef Wladimir Putin einfliegen. Jetzt aber sind wir Augenzeugen einer Straßenschlacht, zusammen mit tausend Schaulustigen, die lachen, Bier trinken, Selfies schießen. Eine Kette aus Polizistenhünen in schwarzen Uniformen und weißen Helmen blockt jeden ab, der vorbei möchte ins Schulterblatt, wo Steine, Flaschen und angeblich Molotow-Cocktails fliegen. Es ist Mitternacht, und wir dürfen nicht in unsere Wohnung.

Germany G20 Protests

Eine Momentaufnahme aus Hamburg während des G-20-Gipfels.

(Foto: picture alliance/AP Photo)

Krawalltouristen aus ganz Europa spielen zwei Tage lang Bürgerkrieg. Die Polizei tut ihnen den Gefallen und hält mit aller Härte dagegen - nachdem sie einige Stunden keine Beamten zum Schulterblatt schickten. Zu groß sei die Gefahr gewesen. Nun brennt die Schanze: Aus lodernden Sperrmüllhaufen steigen dicke, schwarze Rauchschwaden auf. Es ist ein Glück und ein kleines Wunder, dass niemand ums Leben kommt. Für mich als Journalisten sind die G-20-Tage aufregend. Für Hamburgs Bürger sind sie verheerend. Sie sind die großen Verlierer des Gipfels, der niemals in dieser Stadt hätte stattfinden dürfen. Bis heute sind sie nur auf mickrige Weise entschädigt worden.

Von Dominik Fürst

Flüchtlingslager der Rohingya

Beam mich rauf, Scotty! 14. September, drei Uhr nachmittags. Fühlt sich an, als wäre man auf einem unwirtlichen Planeten gelandet. Aber es ist dann doch die Erde. Ich bin in Balukhali, Bangladesch. Ein Flüchtlingslager für die Rohingya, staatenlose Muslime, die zu Hunderttausenden vor der Armee im Nachbarland Myanmar fliegen. Nur dass längst nicht alle Platz finden. Tausende lagern am schlammigen Straßenrand, der Regen durchnässt sie bis auf die Haut. Plötzlich stürmen alle auf einen Truck zu, von dem aus Essen verteilt werden soll.

Ein Zupfen am Ärmel. Ein kleiner Junge, nackt. An der Hand hält er seine Großmutter, die kaum noch voran kommt. "Ich bin bald blind", sagt die Oma. Der Kleine sagt nichts. Starrt nur auf den Truck. Essen. Mach schnell, mein Junge, hol Dir was! Aber er will die Oma jetzt nicht loslassen. Also los, komm, wir nehmen die Oma mit. Jetzt drängeln sich Hunderte um den Lastwagen, sie schreien, schubsen, jeder will ein Paket ergattern. Und schon ist es zu spät, nichts mehr zu holen. Beam mich rauf, Scotty! Und den Jungen mit der Oma gleich mit.

Von Arne Perras

Für Merkel und Seehofer ist Politik göttliche Fügung

Der politisch bemerkenswerteste Moment 2017 war nicht die Bundestagswahl. Und auch nicht die Pressekonferenz der Kanzlerin am Tag danach, obwohl die schon recht bemerkenswert war. Am meisten über Politik gewundert habe ich mich in diesem Jahr, als Angela Merkel und Horst Seehofer in einer Pressekonferenz ihren Kompromiss zur Obergrenze in der Flüchtlingspolitik verkündeten.

22 Monate und 19 Tage waren vergangen, seitdem Seehofer auf einem CSU-Parteitag in einem legendär unverschämten Auftritt Merkel die Obergrenze als Forderung hinknallte. Eine Forderung, die Merkel ablehnte. In all dieser Zeit waren sie und er nicht in der Lage gewesen, den Konflikt zu lösen. Mehr als 600 Tage verstrichen ohne Klärung, mehr als 16 000 Stunden blieben ungenutzt. Dann gewann die Union zwar die Wahl, aber mit traumatischen Verlusten für CDU und CSU. Und plötzlich ging es.

Angela Merkel hat in der Pressekonferenz auf meine Frage, warum ein Kompromiss so lange dauern musste, geantwortet: "Alles hat seine Zeit." Die Pastorentochter bediente sich eines Bibelwortes. Politik als göttliche Fügung. Wenn alles seine Zeit hat, kommt irgendwann auch eine neue Regierung zustande. Trotzdem sollten sich Merkel und Seehofer nach 2017 einmal intensiv befragen, ob es wirklich nur in Gottes Namen geschieht, dass mittlerweile alles so lange dauert, was sie unternehmen.

Von Nico Fried

Im Wirtshaus mit FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache

9, 10, 11 Minuten. Es ist der Moment, auf den wir monatelang hingearbeitet haben - und er beginnt mit Verspätung. Fast ein Jahr ist die Idee alt, Heinz-Christian Strache zu porträtieren. Oliver Das Gupta und ich haben dafür seine Feinde interviewt, Freunde, Experten. Nur einer fehlte noch auf der Liste: der FPÖ-Chef selbst. Nach vielen Anfragen bekommen wir eine Stunde Gesprächszeit in Innsbruck, dreieinhalb Wochen vor der Nationalratswahl.

Und nun wieder warten. Als Strache, der heutige Vizekanzler Österreichs, im holzvertäfelten Gasthausstüberl ankommt, grinsend und in flaschengrüner Trachtenjacke, folgt ihm eine ganze Entourage: Sprecher, Ehefrau, Parteifreunde. "Entschuldigung, der HC hat so viele Hände schütteln müssen." Strache ist gelöst und charmant. Es lässt sich nachvollziehen, wie er seine Wähler überzeugt. Nach den Recherchen zu seiner vaterlosen Kindheit, den Verbindungen ins rechtsextreme Milieu, seinen hetzerischen Wahlkämpfen, ist die Begegnung mit ihm unerwartet angenehm. Bis sie es nicht mehr ist. Mit jeder kritischen Frage verhärten sich seine Gesichtszüge ein bisschen mehr.

Austria To Hold Legislative Elections

Niemand polarisiert in Österreich mehr als Heinz-Christian Strache von der FPÖ, dessen Biografie die SZ in der "Akte Strache" beleuchtete. Kurz vor der Wahl wurde in Wien gegen die radikal rechte Partei demonstriert. Es nutzte wenig: Seit Mitte Dezember ist die FPÖ Regierungspartei.

(Foto: Getty Images)

Vieles ist anschließend noch widersprüchlicher. Freundlich? Aber auch gereizt. Ein Neonazi? Zumindest war er fester Bestandteil der Szene. Es bleibt das Gefühl, dass dieser Mensch viele Seiten hat - und zwei Monate Recherche und ein Gespräch nur ansatzweise reichen, um alle zu verstehen.

Von Leila Al-Serori

Wieso Christian Lindner seinen Erfolg nicht genießen konnte

Er hat vier lange, manchmal sehr einsame Jahre auf diesen Moment gewartet. Alles darauf ausgerichtet. Nichts anderes mehr im Blick gehabt. Und als die Tür aufgeht und Christian Lindner die Stufen zur improvisierten Bühne raufsteigt, kennt der Jubel keine Grenzen. Hunderte schreien, pfeifen, grölen in der Parteizentrale. Aus dem tiefsten Loch hervorgekrochen - es ist kaum zu beschreiben, was das nach dem Fast-Tod der FDP bedeutet. Alle strahlen; alle berauschen sich am neuen Glück. Nur Christian Lindner nicht.

Es ist der Sonntagabend des Wahltags. Lindners Strategie ist perfekt aufgegangen. Gut zehn Prozent haben die Liberalen bei der Bundestagswahl eingefahren. Es ist eine triumphale Rückkehr an diesem 24. September 2017. Und was macht Lindner? Er steht oben, schaut sehr gebremst und schafft es nicht, glücklich in dieser Menge zu baden. Stattdessen dämpft er den Elan der Leute, will, dass sie leise werden. Reißt sie fast raus aus der Glückseligkeit des Augenblicks. Als ob ihm das alles nicht ganz geheuer wäre. Also ruft er alle auf, einen "kühlen Kopf" zu bewahren. Und kündigt an, ab morgen werde gearbeitet. Keine falschen Sätze, alles klug und kühl. Und trotzdem könnte er für alle, die die letzten vier Jahre nicht mit erlebt haben, wie ein Fremdkörper erscheinen.

Dabei hat Lindner in den letzten Stunden eine furchtbar scharfe Kurve nehmen müssen. Von riesiger Freude zu radikaler Nüchternheit. Das Ergebnis wird ihn zu Verhandlungen zwingen - mit der ungeliebten Angela Merkel, mit den hochkomplizierten Grünen. Lindner, der die Sondierungsgespräche gut zwei Monate später platzen lassen wird, hat sofort verstanden, dass das kein Spaß wird. Es ist der verrückteste Augenblick in seinem Politikerleben. Damit gut umgehen? Das schafft er nur mit totaler Selbstbeherrschung. Schade eigentlich, wie viel Selbstbeherrschung inzwischen im Spiel ist.

Von Stefan Braun

Auf dem Parteitag festigt Chinas Präsident Xi seine Macht

Eine "neue Ära" hat er ausgerufen, der Partei- und Staatschef, beim Parteitag der Kommunistischen Partei im Oktober. Es gibt so Momente, da sagt selbst die Propaganda die Wahrheit. In China passiert gerade etwas. Zuhause erfindet sich die Diktatur neu, digital. Und draußen möchte das Land nun "ins Zentrum" der Welt marschieren, das hatte er ein paar Tage zuvor verkündet, Xi Jinping. Zurück zu alter Größe.

Wir Journalisten haben uns nun versammelt in der Großen Halle des Volkes in Peking, im östlichen Saal. Für ein Schauspiel, wie wir es nur einmal alle fünf Jahre erleben dürfen. Gleich wird hier die Türe aufgehen und es werden in den Raum marschieren die zuvor neu auserkorenen sieben mächtigsten Männer Chinas, in der Reihenfolge ihrer Macht. Wir warten, wir scherzen, dann gibt der Hofstaat ein Zeichen. Wir halten den Atem an, die Türe öffnet sich, und da kommen sie. Voran der große Führer, sichtlich in sich ruhend. So mächtig wie keiner mehr seit Mao.

Für den Economist ist Xi Jinping gar der "mächtigste Mann der Welt". Eine Botschaft für die Journalisten der Welt hat er auch: "Ich brauche niemanden, der mich schön redet, mir genügt es, dass meine Integrität das Universum erfüllt." So spricht der neue Kaiser.

Von Kai Strittmatter

© SZ.de/mati/liv/stein
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