Landschaftsversiegelung:Freie Wiesen oder Futtermittel

Landschaftsversiegelung: Das Betriebsgelände von Agrobs liegt auf einer Kuppe in der Moränenlandschaft des Voralpenlands (im Hintergrund der Starnberger See und die ersten Gebirgsketten).

Das Betriebsgelände von Agrobs liegt auf einer Kuppe in der Moränenlandschaft des Voralpenlands (im Hintergrund der Starnberger See und die ersten Gebirgsketten).

(Foto: Harry Wolfsbauer)

In Münsing am Ostufer des Starnberger Sees ist die Moränenlandschaft prägend. Mitten hinein will der Degerndorfer Tiernahrungshersteller Agrobs seinen Standort um zwei neue Hallen erweitern. Es geht um Flächenversiegelung, Marktwirtschaft und den Wert der Heimat.

Von Benjamin Engel, Münsing

Das sanfte Auf und Ab der Moränenlandschaft am Ostufer des Starnberger Sees südlich von Münsing liefert perfekte Bilder, um für eine intakte Natur zu werben. Der Blick fällt auf viele grüne Wiesen, hie und da ein paar Äcker, Wäldchen, kleine Hügel. Den Horizont scheint nur die steil aufragende Alpenkette zu begrenzen. Das weiß auch der Futtermittelhersteller Agrobs in seinen Imagevideos zu nutzen. Von "artenreichen Wiesen", "Gräsern und Kräutern, die bestes Futter für die Tiere liefern" und einer "Landwirtschaft im Einklang mit der Natur" ist aus dem Off zu hören, während die Kamera über das Voralpenland schwenkt.

Doch das so angepriesene Idyll der Region für Mensch und Tier ist für Christine Mair durch das Unternehmen Agrobs selbst bedroht. Der Betrieb ist um den auf eine Moränenkuppe westlich von Degerndorf ausgesiedelten Rauscherhof in den vergangenen drei Jahrzehnten schon enorm gewachsen. Mehr als hundert Mitarbeitende sind für das von Jakob und Traudl Berger angestoßene Familienunternehmen tätig. Inzwischen führen drei Söhne die offensichtlich florierenden Geschäfte, weshalb zwei zusätzliche Lager- und Produktionshallen - fünf existieren bereits - in den Wiesen nördlich des Bestandsgeländes geplant sind. Zudem will die Familie Berger daran anschließend eine Freiflächen-Photovoltaik-Anlage auf fünf Hektar Grund errichten.

"In dieser exponierten Lage ist mir das zu heftig", sagt Grünen-Gemeinderätin Mair

"In dieser exponierten Lage ist mir das zu heftig", sagt Mair, die als Bio-Bäuerin den Münsinger Lothhof führt und für die Grünen im Gemeinderat sitzt. "Wir müssen darauf schauen, dass der Betrieb nicht ins Unendliche wächst." Aus ihrer Sicht lasse sich die Entwicklung kaum davon trennen, dass Agrobs nur etwas weiter unten an der Angerbreite mit einem dort ansässigen Unternehmen ein ein Hektar großes Gewerbegebiet entwickeln wolle. Direkt gegenüber der von Münsing nach Degerndorf führenden Staatsstraße habe zudem das Tiefbauunternehmen Holzer noch zusätzliches Baurecht. "All das müssen wir im Kontext sehen", sagt Mair. "Das macht was mit der Landschaft."

Landschaftsversiegelung: Mit ihrem Mann Nikolaus bewirtschaftet Christine Mair einen ökologischen Bauernhof. Durch die Agrobs-Erweiterung befürchtet die Münsinger Gemeinderätin zu starke Verdichtung.

Mit ihrem Mann Nikolaus bewirtschaftet Christine Mair einen ökologischen Bauernhof. Durch die Agrobs-Erweiterung befürchtet die Münsinger Gemeinderätin zu starke Verdichtung.

(Foto: privat/oh)

Ginge es allein nach ihr, sollte Agrobs seine Erweiterungspläne für die zwei neuen Hallen wohl am besten aufgeben. Eine Grünfläche zwischen dem jetzigen Betrieb und der PV-Freiflächenanlage wäre ihr am liebsten. Das bedeute aber nicht, dass sie dem Unternehmen keine Chance geben wolle, sagt Mair. Nur sei die Erweiterung in dieser Dimension aus ihrer Sicht nicht zu Ende gedacht. Die Kommune schaffe damit zusätzliche Probleme, etwa durch weiter zunehmenden Verkehr, über den sich viele Münsinger schon jetzt beschwerten. Lösungen dafür fehlten, so Mair.

Womöglich könnten die Grünen-Gemeinderätin und Münsings Bürgermeister Michael Grasl (Freie Wähler) in vielem sogar einig sein. Zumindest begründet die Kommune die Veränderungssperre, die der Gemeinderat parallel zum Bebauungsplanverfahren gebilligt hat, mit dem Landschaftsbild. Dessen Vielfalt, Eigenart und Schönheit gelte es zu sichern, Überbeanspruchungen von Natur und Landschaft zu vermeiden, heißt es im Sachvortrag. Öffentlich thematisiert der Rathauschef vornehmlich die rechtlichen Aspekte. Demnach ist das Erweiterungsvorhaben generell nicht zu verhindern. "Die Rechtslage ist klar, nach der müssen wir gehen", so Grasl.

Nach Einschätzung von Landratsamt und Regierung von Oberbayern dürfte Agrobs mit dem Betrieb nicht in ein Gewerbegebiet

Im vergangenen Sommer hatte das Unternehmen Agrobs ein Verfahren zum Immissionsschutz angestrengt. Das ist notwendig, weil der Betrieb Staub ausstößt, wenn produziert wird. Gleichzeitig könne sich Agrobs damit nach Einschätzung der Regierung von Oberbayern und des Landratsamts Bad Tölz-Wolfratshausen nicht in einem Gewerbegebiet ansiedeln. Das Projekt sei also privilegiert, weswegen am Standort zu den fünf existierenden zusätzlich zwei neue Hallen gebaut werden können.

Statt die dafür eingereichten Bauanträge zu genehmigen, hat der Gemeinderat im August jedoch entschieden, ein Bebauungsplanverfahren einzuleiten. So wolle die Kommune eine prinzipiell nicht absehbare Erweiterungsentwicklung steuern, sagt Grasl. Inwiefern die Gemeinde da Grenzen setzen könne, gelte es im Verfahren zu prüfen. Dies sei dann mit den berechtigten Interessen eines existierenden Betriebs mit vielen Arbeitsplätzen abzuwägen. "Dessen Belange gilt es auch zu würdigen." Dafür brauche es ein sauberes Verfahren.

Dass die Landwirtschaft im Außenbereich privilegiert bauen, ein privater Eigentümer aber seine Wohnbauwünsche nicht erfüllen könne, sei ein Grundsatzkonflikt, so Grasl. Das sei aber bundesgesetzlich so geregelt. Die kommunale Ebene müsse das akzeptieren.

Daher zeigt sich Gemeinderat Thomas Schurz (CSU) konsterniert, der die Erweiterungspläne von Agrobs am Standort kritisiert. "Es ist an der falschen Stelle", sagt er. "Da haben der Gemeinderat und der Bürgermeister aber keine Macht." Daran werde das Bebauungsplanverfahren aus seiner Sicht nichts ändern. Er fürchtet, dass mit der Entwicklung des Gewerbegebiets an der Angerbreite und den existierenden Baurechten für den Degerndorfer Tiefbaubetrieb Holzer eine Art Industriegebiet entstehen könnte. Dies werde zusätzlichen Schwerlastverkehr nach sich ziehen. Um die Belastung abzufedern, fehlten Lösungen.

Auch der Ostuferschutzverband (OSV) begleitet die Erweiterungspläne kritisch. Er problematisiert mögliche Zersiedlungstendenzen in der Moränenlandschaft. Der OSV-Vorstand verlangt, die Bürger zu beteiligen, um etwa Fragen zur Staubentwicklung oder Verkehrsbelastung zu klären.

Landschaftsversiegelung: Das Unternehmen Agrobs verarbeitet das getrocknete Gras von Landwirten aus dem bayerischen Alpenvorland zu Wiesencobs als Tierfutter.

Das Unternehmen Agrobs verarbeitet das getrocknete Gras von Landwirten aus dem bayerischen Alpenvorland zu Wiesencobs als Tierfutter.

(Foto: Agrobs)

Unabhängig davon prüft im immissionsschutzrechtlichen Genehmigungsverfahren die zuständige Fachkraft für Naturschutz der Kreisbehörde die Auswirkungen auf Landschaft und Natur. "Den Antragsunterlagen liegt deshalb ein landschaftspflegerischer Begleitplan (LBP) und eine spezielle artenschutzrechtliche Prüfung (saP) bei", so die Pressestelle des Landratsamtes. Dort bestätigt man, dass das Unternehmen Agrobs wegen seiner diffusen Staubemissionen in einem üblichen Gewerbegebiet mit Betriebsleiterwohnungen und angrenzenden Mischgebieten mit Wohnnutzung nicht genehmigungsfähig sei. "Bei uns im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen gibt es keine Industriegebiete."

Der Antragssteller muss ein Gutachten zur Luftreinhaltung vorlegen

Im Verfahren muss der Antragsteller ein Gutachten zur Luftreinhaltung vorlegen. Darin würden alle notwendigen technischen Maßnahmen, etwa Abgasreinigung und organisatorische Maßnahmen wie Geschwindigkeitsbegrenzungen, erläutert, um Staubemissionen zu reduzieren, so die Kreisbehörde. Der Genehmigungsbescheid lege fest, wie das umzusetzen sei. Das werde turnusgemäß überwacht. "Das Gutachten ist vom Antragsteller zu bezahlen." Akteneinsicht könnten Verfahrensbeteiligte und Personen nehmen, die ein berechtigtes Interesse vorweisen könnten. "Ferner kommen gegebenenfalls Ansprüche nach dem Umweltinformationsgesetz (UIG) in Betracht."

Unter Umweltinformationen sind Daten zum Zustand der Luft, der Atmosphäre, von Wasser, Boden, Landschaft und natürlichen Lebensräumen zu zählen. Darunter fallen ebenso Fakten zu Lärm, Energie, Stoffen oder Strahlung. Prinzipiell ist jede Person berechtigt, das einzusehen, sofern Erhebungen vorliegen.

Landschaftsversiegelung: Die Geschäftsführer Simon (li.) und sein Bruder Thomas Berger fühlen sich zu unrecht an den Pranger gestellt.

Die Geschäftsführer Simon (li.) und sein Bruder Thomas Berger fühlen sich zu unrecht an den Pranger gestellt.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Wie all das direkt im familiengeführten Unternehmen Agrobs ankommt? Ende November sitzt Thomas Berger gemeinsam mit seinem Bruder Simon Berger (Geschäftsführer und Gemeinderat für Einigkeit Degerndorf) im Büro, als er ans Telefon geht. Beide versichern, dass sie zu einem konstruktiven Dialog jederzeit bereit seien. Gleichzeitig wird aber auch deutlich, dass sich die Brüder von den Kritikern ungerechtfertigterweise an den Pranger gestellt fühlen. Weder Mair noch Schurz hätten ein echtes Gespräch mit ihnen gesucht. "Man muss sich vor Augen führen, dass es erst einen landwirtschaftlichen Betrieb gab und dann die Firma dazukam", betonen beide.

"Wir können ja nicht unsere Geschäftstätigkeit einstellen", sagen die Brüder Berger

Das führt direkt zur Standortfrage. Diese Debatte stelle sich nicht, sagen Thomas und Simon Berger. Woanders als an Ort und Stelle zu erweitern, gehe nicht. Vor zehn Jahren hätten sie sich mit dem Unternehmen Agrobs praktisch schon im Gewerbegebiet Gelting bei Geretsried einkaufen wollen. "Der Impuls war, den Betrieb woanders aufzubauen", sagt Thomas Berger. "Da hieß es vom Landratsamt: Ihr dürft da nicht." Der damalige Grund: die auch aktuell angeführten Staubemissionen. Alles sei "zigfach"

Landschaftsversiegelung: Das zu Pellets oder fein gemahlenen Cobs verarbeitete Futter ist unter Tierhaltern gefragt.

Das zu Pellets oder fein gemahlenen Cobs verarbeitete Futter ist unter Tierhaltern gefragt.

(Foto: Hartmut Pöstges)

besprochen und geprüft worden. "Wir können ja nicht unsere Geschäftstätigkeit einstellen." Gewachsen ist das Unternehmen Agrobs in den vergangenen drei Jahrzehnten seit der Gründung enorm - baulich wie personell. Schon im Jahr 2014 hatte der Gemeinderat den Bau zweier neuer Lagerhallen genehmigt. Von aktuell 120 Mitarbeitenden spricht Thomas Berger. Noch einmal um die 20 mehr als im Sommer, als der Gemeinderat über das eingeleitete Bebauungsplanverfahren entschieden hat. Dass sich ein Betrieb, dessen Produkte so großen positiven Zuspruch erhielten, weiter entwickle, sei ein normaler Vorgang in einer sozialen Marktwirtschaft. Damit gehe natürlich Lieferverkehr einher. Allein Agrobs für ein erhöhtes Verkehrsaufkommen verantwortlich zu machen, sei aber unverhältnismäßig, so die Brüder. Wenn der Milchlaster frühmorgens bei den Münsinger Bauern halte oder Holztransporter Nachschub für florierende Handwerksbetriebe lieferten, stelle auch niemand die direkte Schuldfrage.

Bei alledem wird deutlich, dass sich bei den Brüdern wohl einiger Ärger angestaut haben muss. Redebedarf besteht jedenfalls. Kritiker sollten sich die Frage stellen, welche Art von Gewerbe eigentlich gewünscht sei, meint Thomas Berger. Agrobs kaufe den Landwirten jährlich ihr Gras ab und trage dazu bei, dass Familienbetriebe erhalten bleiben können. "Über 70 Prozent unserer Produktbestandteile stammen aus der Region", sagt er.

Bei Agrobs wird das von Bauern eingekaufte und zu Pellets getrocknete Wiesengras veredelt

Ein kurzer Exkurs auf die Erzeugnispalette von Agrobs: Das frisch gemähte Gras der Vertragslandwirte wird in Futtertrocknungsgenossenschaften wie der an der nahen Garmischer Autobahn A 95 zu Pellets verarbeitet. Die werden durch das Unternehmen veredelt, etwa Gemüse wie Karotten oder Rote Beete, Obst, Sonnenblumenkerne oder Leinsamen untergemischt.

Zurück zu den beiden Berger-Brüdern. Sie sagen, dass vor allem auch ihre Familie mit der Erweiterung leben müsse. Es sei auch ihr geschätzter Grund und Boden, den sie bebauten. Dass das möglichst landschaftsverträglich geschehe, sei auch ihnen wichtig. "Es ist auch unsere Heimat", sagt Simon Berger.

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