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Terror der letzten Tage:Im Zeichen des Werwolfs

Prozess um die Penzberger Mordnacht, 1948

Den Tätern wurde 1948 der Prozess gemacht. Hans Zöberlein (zweiter von links) erhielt die Todesstrafe, was 1949 auf lebenslänglich reduziert wurde. 1954 kam er aus gesundheitlichen Gründen frei. Er starb sechs Jahre später.

(Foto: SZ-Photo)

In München und im Umland gingen die Nazis brutal gegen tatsächliche oder vermeintliche Widerständler vor

Franz Hubers Glück war sein Gewicht: Der Münchner, Mitte 50, war zu schwer für den Galgenstrick. Am 28. April 1945, kurz nachdem der Aufstandsversuch der "Freiheitsaktion Bayern" gescheitert war, zerrten Angehörige des "Volkssturms" Huber aus seiner Wohnung an der Heimeranstraße im Westend und schleppten ihn zu einem Verkehrsschild, das mit einem abgeschnittenen Jalousiengurt in einen provisorischen Galgen verwandelt worden war. Doch als sie ihn nach oben zogen, riss der Gurt, Huber fiel bewusstlos zu Boden. Als er wieder zu sich kam, versuchten es die Täter kein zweites Mal. Sie ließen ihn laufen.

Huber hatte nichts zu tun mit den Widerständlern um Rupprecht Gerngross. Er sollte nur deshalb hängen, weil er, als er deren Aufruf im Radio gehört hatte, eine weiße Fahne gehisst hatte. Dabei war er bei Weitem nicht der einzige; einem Polizeibericht von 1946 zufolge flatterten am Vormittag des 28. April vor neun von zehn Gebäuden im Westend weiße Tücher. Vermutlich deswegen richtete sich der Blick von Gauleiter Paul Giesler auf das Arbeiterviertel im Westen der Stadt. Er sandte eine Einheit des sogenannten Volkssturms aus, um die Einwohner einzuschüchtern. Die Milizionäre, die von dem Nazi-Schriftsteller Hans Zöberlein angeführt wurden, entfernten die Fahnen, misshandelten mehrere Bürger und klebten Zettel mit Wolfsangeln, gaben sich also als "Werwölfe" aus. Jener "Werwolf" war eine ursprünglich als Partisanentruppe konzipierte Organisation, die im vom Feind besetzten Deutschland Anschläge und Sabotageakte verüben sollte, die aber militärisch kaum in Erscheinung trat. Wirkung entfaltete der "Werwolf" eher als Propaganda-Instrument: als Symbol, das Angst verbreiten sollte, das den Deutschen mit Rache drohte, sollten sie nachlassen, und das Verbrechen an Übergabewilligen legitimieren sollte. Der Historiker Sven Keller spricht in seinem Buch "Volksgemeinschaft am Ende" von einem "Markenzeichen nationalsozialistischen Fanatismus, dessen man sich frei bedienen konnte".

Nach dem gescheiterten Aufstand der "Freiheitsaktion Bayern" wüteten die Nazis nicht nur im Westend. In Giesing schossen SS-Leute in offene Fenster, wenn dort weiße Fahnen zu sehen waren. Als einer der Anwohner mit den Soldaten sprechen wollte, wurde er erschossen. In Berg am Laim verschleppte eine Nazi-Schwadron einen 76-Jährigen, der gar nichts getan hatte, dessen Sohn aber gemeinsam mit anderen einen Fahnenmast mit Nazi-Flagge umgesägt hatte. Der Vater wurde in einem Keller erschossen.

Insgesamt brachten die Nationalsozialisten nach dem Scheitern des Aufstands Sven Keller zufolge mindestens 46 Menschen um, keineswegs nur in München. In mehreren Gemeinden im Münchner Umland und im südlichen Bayern eskalierte nach dem Aufruf der "Freiheitsaktion Bayern" die Gewalt. In Dachau etwa besetzten Arbeiter, Angehörige des Volkssturms sowie aus dem Konzentrationslager entflohene Häftlinge das Rathaus und entwaffneten die Hitlerjugend, bevor die im KZ kasernierte SS den Putsch niederschlug und dabei insgesamt sechs der Widerständler umbrachte. In Burghausen bewaffneten sich Arbeiter der Wacker-Werke, setzten Kollegen fest, die sie als überzeugte Nazis kannten, und befestigten den Eingang ins Werk mit Maschinengewehren, bevor sie aufgaben. Drei von ihnen wurden daraufhin von der SS ermordet. In Götting bei Rosenheim erschossen SS-Leute einen Pfarrer und einen Lehrer, die auf dem Kirchturm eine weiß-blaue Fahne gehisst hatten. Die Reihe ließe sich fortsetzen. Am schlimmsten jedoch wütete die Truppe von Hans Zöberlein, die bereits im Westend ihr Unwesen getrieben hatte, in Penzberg

In der Bergarbeiterstadt im Süden Münchens hatte der frühere sozialdemokratische Bürgermeister Johann Rummer kurzerhand den Nazi-Amtsinhaber Josef Vonwerden abgesetzt, um Penzberg kampflos an die Amerikaner zu übergeben und so eine Zerstörung des Bergwerks abzuwenden. Doch der Putsch scheiterte früh: Am Vormittag trafen Teile eines Artillerie-Regiments in Penzberg ein und nahmen die Widerständler fest. Auf Befehl von Gauleiter Giesler hin brachten sie am Nachmittag sieben von ihnen in ein Waldstück, wo die Gefangenen erschossen wurden. Zusätzlich sandte Giesler Zöberlein und seine Miliz nach Penzberg. Wie im Westend verteilten die Männer auch dort Zettel, auf denen der "Werwolf Oberbayern" allen Verrätern mit Rache drohte. Und sie arbeiteten eine Liste mit Regimegegnern ab, die Vonwerden zusammengestellt hatte, aus Furcht, es könnten Unruhen ausbrechen, sobald die Soldaten abgezogen waren. Die auf der Liste verzeichneten ließ Zöberlein nun festnehmen und an Bäumen aufhängen. Insgesamt ermordeten die Nazis in der "Penzberger Mordnacht" 16 Menschen, darunter eine schwangere Frau. In Penzberg erinnern unter anderem ein Denkmal und jährliche Gedenkfeiern an die Toten.

© SZ vom 28.04.2020

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