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Warnstreik im Öffentlichen Dienst:"Klatschen alleine reicht noch nicht für die Miete"

Streik im Öffentlichen Dienst. Am Odeonsplatz

Etwa 400 Erzieherinnen und Erzieher gingen am Montag statt in ihre Kitas auf den Marienplatz.

(Foto: Florian Peljak)

In den Münchner Kitas und Kliniken legen Hunderte Beschäftigte die Arbeit nieder. In den ersten Corona-Monaten gab es für sie viel Zuspruch, doch finanziell hat sich das bei den Tarifverhandlungen noch nicht bemerkbar gemacht.

Von Andreas Schubert und Jakob Wetzel

"Die Situation ist doof", sagt Lisa Schwab. Sie ist stellvertretende Leiterin eines Tagesheims der Stadt München; und eigentlich, sagt sie, sei sie nicht dafür, jetzt auf diese Weise zu streiken, nach einem halben Jahr Corona-Krise, "wenn alle erst einmal froh sind, dass sie wieder relativ normal arbeiten können". Doch wenn gestreikt werde, dann beteilige sie sich auch. "Sonst darf ich mich nicht beschweren, wenn sich nichts ändert."

Lisa Schwab ist eine von laut Gewerkschaft Verdi etwa 400 Erzieherinnen und Erziehern, die am Montag statt in ihre Kitas auf den Marienplatz gegangen sind, um für mehr Gehalt zu streiken. Die Bildungsgewerkschaft GEW spricht von weiteren etwa 400 Kita-Beschäftigten, die zur GEW-Versammlung vor der Feldherrnhalle gekommen seien. Dutzende Kitas waren deshalb am Montag geschlossen. Beim Bildungsreferat hatten sich bis zum Nachmittag 258 von insgesamt 495 städtischen Einrichtungen gemeldet; von diesen waren 217 geöffnet, elf konnten Kinder nur eingeschränkt betreuen. 30 hatten geschlossen.

Im Streik waren nicht nur Erzieherinnen. Die Gewerkschaft Verdi fordert im gesamten öffentlichen Dienst 4,8 Prozent mehr Gehalt, Laufzeit ein Jahr. Bestreikt wurden auch die Stadtwerke, wo laut Verdi etwa 600 Beschäftigte teilnahmen, viele aus dem Home-Office. In den Streik traten auch Arbeiter des Baureferats, Beschäftige der Sozialbürgerhäuser und etwa Mitarbeiter der Stadtteilbibliotheken. Insgesamt hätten sich in München etwa 1500 Verdi-Mitglieder beteiligt, sagt Heinrich Birner, Geschäftsführer von Verdi München.

Streik im Öffentlichen Dienst: Die Erzieherin Lisa Schwab setzt sich für mehr Gehalt ein.

Die Gewerkschaften hätten den Streik nicht gewollt, "und jetzt sind wir die Sündenböcke", sagt Lisa Schwab.

(Foto: Florian Peljak)

Speziell der Streik in Kitas war im Vorhinein jedoch nicht zuletzt bei Elternverbänden auf scharfe Kritik gestoßen. Dabei hatte Verdi eigentlich selbst weniger Streik geplant: Pro Einrichtung sollte sich nur eine Person beteiligen, damit alle Kinder versorgt wären. Doch Verdi unterschätzte den Unmut der Beschäftigten, die sich ärgern, weil in den Kitas zuletzt trotz vieler neuer Corona-Infektionen unverändert Betrieb war. Die Gründe dafür seien wohl nicht ausreichend kommuniziert worden, sagt Heinrich Birner. Und am Freitag rief dann auch die Gewerkschaft GEW zum Streik auf, ohne Einschränkung. Am Ende beteiligten sich mehr Erzieherinnen und Erzieher als von den Gewerkschaften gedacht.

Den Vorwurf, trotzig oder unsolidarisch zu sein, weist die GEW aber zurück. Die Gewerkschaften hätten den Arbeitgebern angeboten, sich wegen der Pandemie erst einmal für ein Jahr auf eine moderate Lohnsteigerung zu einigen und erst im kommenden Jahr intensiver zu verhandeln - ohne Erfolg, sagt Elke Hahn, Geschäftsführerin der GEW Bayern: "Die Arbeitgeber wollen die Corona-Pandemie ausnutzen, um Geld zu sparen." Den Ärger der Eltern könne sie nachvollziehen, sie appelliere aber an sie, die Gewerkschaften zu unterstützen. "Es kann ja nicht sein, dass man seit März hört: Das sind Heldinnen des Alltags. Und dann kommt die Tarifrunde, und es heißt: Es gibt nichts."

Streik im Öffentlichen Dienst

Hunderte im Öffentlichen Tarif Beschäftigte streiken für eine bessere Bezahlung.

(Foto: Florian Peljak)

Die Kritik am Streik treibt am Montag auch die Erzieherinnen um. Lisa Schwab etwa fühlt sich zu Unrecht angegriffen: "Die Gewerkschaft wollte das nicht, und jetzt sind wir die Sündenböcke. Das finde ich nicht in Ordnung", sagt sie. In ihrem Tagesheim gehe der Betrieb trotz Streik normal weiter. Wenige Schritte entfernt steht Axel Lebbrand, ebenfalls Erzieher in einem Tagesheim. Der Beruf müsse endlich aufgewertet werden, auch um mehr Nachwuchs ausbilden zu können, sagt er - und er sei der Einzige aus seiner Einrichtung, der streike, also tatsächlich "so etwas wie ein Abgesandter". Erzieherin Anette Marschler hat sich derweil bei der GEW vor der Feldherrnhalle in eine Streikliste eingetragen. An ihrer Einrichtung gebe es gerade nur Notbetreuung, sagt sie. "Ich habe lange überlegt, ob ich streiken soll. Aber ich denke, die Eltern haben Verständnis. Auch wenn es erst einmal schwer fällt."

Streik im Öffentlichen Dienst. Am Odeonsplatz

"Ich habe lange überlegt, ob ich streiken soll. Aber ich denke, die Eltern haben Verständnis. Auch wenn es erst einmal schwer fällt", sagt Anette Marschler.

(Foto: Florian Peljak)

Gestreikt wurde am Montag, trotz Corona-Pandemie, auch in den städtischen Kliniken. Dort legte Personal aus verschiedenen Berufen die Arbeit nieder - unter anderem Pflegepersonal, Labormitarbeiter, Therapeuten, Mitarbeiter aus dem Fahrdienst, Küchenpersonal. In den Standorten Schwabing, Bogenhausen, Harlaching, Neuperlach und Thalkirchner Straße haben sich laut Verdi 180 Beschäftigte und 25 Auszubildende beteiligt und vor dem Klinikum in Schwabing versammelt. In jedem Haus sei eine Station komplett geschlossen worden. In Bogenhausen seien nur fünf von 13 OP-Sälen in Betrieb gewesen, in Schwabing zwei von sechs. Die Notfallversorgung war aber laut München Klinik und Verdi sichergestellt. Dazu hatten Gewerkschaft und Klinikleitung eine Notdienstvereinbarung verhandelt. Sofern möglich, wurden Operationen verschoben, nach Absprache mit den Patienten.

Verdi fordert für das Gesundheitswesen zusätzlich zur generellen Gehaltssteigerung im öffentlichen Dienst eine Pflegezulage in Höhe von 300 Euro. "Die brauchen das Geld", sagt der Gewerkschaftssekretär Win Windisch. "Klatschen alleine reicht noch nicht für die Miete." In einer teuren Stadt wie München lasse sich kaum noch Personal finden, und das wirke sich auf die Arbeitsbedingungen der Mitarbeiter aus. Leute würden an ihren freien Tagen einbestellt, könnten Überstunden schlecht abbauen. Der Stress führe dazu, dass die Mitarbeiter krank würden, so Windisch.

Der Streik trifft die Kliniken in einem Jahr, in dem sie ohnehin mit Geldproblemen zu kämpfen haben. Die Pandemie könnte die München Klinik gGmbH mehrere Millionen Euro kosten, wenn es keinen finanziellen Ausgleich vom Bund gibt. Auch höhere Löhne müssten aus dem Gesundheitssystem finanziert werden. Axel Fischer, Geschäftsführer der München Klinik gGmbH, sagt, er habe Verständnis für die Streikenden. Auch er sei für eine Aufwertung der Pflege mit einer anderen Aufgabenverteilung und einer entsprechend angepassten Vergütung, sagt er. Doch in der aktuellen Situation hätte man nun einfach gerne weitergearbeitet.

© SZ vom 29.09.2020/kafe
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