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Tarifverhandlungen:Warum Münchens Nahverkehr am Dienstag zum Erliegen kommt

MVG Streik München Juli 2019

Am Dienstag bleiben die U-Bahnhöfe in München leer.

(Foto: Corinna Guthknecht)

Keine U-Bahnen bis 18 Uhr, geschlossene Bahnhöfe: Die Gewerkschaft Verdi ruft zum Streik auf. Sie fordert für die Fahrer unter anderem eine 35-Stunden-Woche und bundesweit gleiche Arbeitsbedingungen.

Von Jakob Wetzel

Münchens U-Bahnen stehen fast einen Tag lang still. Weil die Gewerkschaft Verdi zum Warnstreik aufgerufen hat, soll an diesem Dienstag bis 18 Uhr keine einzige U-Bahn fahren; damit es an den Bahnsteigen kein Gedränge gibt, werden die Bahnhöfe abgesperrt. Das kündigte die Münchner Verkehrsgesellschaft MVG am Montag an. Nach 18 Uhr werde der Betrieb wieder "hochgefahren", sagte MVG-Chef Ingo Wortmann. Das werde aber seine Zeit dauern. Die MVG rechnet zudem mit Einschränkungen bei Bussen und vor allem bei Trambahnen - und empfiehlt, auf andere Verkehrsmittel auszuweichen.

Welche Bus- und Tram-Linien am Dienstag noch fahren werden, hänge davon ab, wie viele Fahrerinnen und Fahrer streiken würden, sagte Wortmann. Die MVG werde kurzfristig über ihre App und ihren Störungsticker informieren. Bei den Trambahnen sollen die nicht streikenden Fahrer gebündelt auf einzelnen Linien eingesetzt werden, damit zumindest diese zuverlässig bedient werden. Welche das sein werden, ist aber noch offen. Busse wiederum würden wohl noch am häufigsten fahren, so Wortmann. Denn die Fahrer der privaten Busunternehmen, die mit der MVG kooperieren, sind nicht zum Streik aufgerufen. Am Dienstag solle es zumindest einen Bus-Notbetrieb mit 20-Minuten-Takt geben. Die S-Bahnen der Deutschen Bahn werden am Dienstag nicht bestreikt.

Verdi hat nicht nur in München dazu aufgerufen, die städtischen Verkehrsbetriebe zu bestreiken, sondern auch in Nürnberg, Augsburg, Regensburg, Bamberg, Fürth, Coburg, Schweinfurt, Aschaffenburg und Landshut. In Coburg, Aschaffenburg und Würzburg werden außerdem private Omnibusfirmen bestreikt. Ziel sei, die Fahrer zu entlasten, erklärte Verdi-Verkehrsexperte Kai Winkler. Von 2000 bis 2017 seien die Fahrgastzahlen in Deutschland um 24 Prozent gestiegen, die Zahl der Beschäftigten dagegen sei um 18 Prozent gesunken. Überstunden seien vielfach die Regel. Der Beruf müsse wieder attraktiver werden, auch um den dringend gebrauchten Nachwuchs anzulocken. In Bayern solle es deshalb etwa anstelle der bisherigen 38,5-Stunden-Woche eine 35-Stunden-Woche geben; außerdem sollten die Zuschläge für Schicht- und Wochenendarbeit steigen.

Darüber hinaus fordert die Gewerkschaft bundesweit gleiche Arbeitsbedingungen, also einen einheitlichen Rahmentarifvertrag. Bisher gibt es in jedem Bundesland einen eigenen "Tarifvertrag Nahverkehr" mit im Einzelnen großen Unterschieden. Künftig solle es aber überall zum Beispiel 30 Tage Urlaub im Jahr geben, so Verdi. Speziell in München will Verdi zudem durchsetzen, dass dieser Tarifvertrag überhaupt wieder für alle gilt, auch bei der MVG. Die Beschäftigten dort sollen nicht länger nach einem laut Verdi schlechter dotierten Haustarifvertrag bezahlt werden.

Werner Albrecht, Personal-Geschäftsführer der Münchner Stadtwerke, äußerte am Montag sein Unverständnis über den Streik. Die Tarifverhandlungen hätten in guter Atmosphäre begonnen. Es sei nicht sinnvoll, parallel bundesweit und in den Ländern über dieselben Fragen zu verhandeln. Vieles, was Verdi bundesweit durchsetzen wolle, sei in Bayern schon umgesetzt, etwa die 30 Tage Urlaub. "Es gibt keinen Grund zu streiken, wo das Gros der Forderungen seit Jahren erfüllt ist." Zusammengerechnet liefen die Forderungen von Verdi auf Gehaltssteigerungen um 15 Prozent hinaus, zusätzlich zu dem in der anderen derzeitigen Tarifrunde geforderten Gehaltsplus in Höhe von 4,8 Prozent. MVG-Chef Wortmann forderte die Gewerkschaften zu Verhandlungen auf. Wegen der Corona-Krise gebe es derzeit "nichts zu verteilen". Und der Streik treffe die Falschen, nämlich "diejenigen, die mit dem ÖPNV zur Arbeit oder in die Schule fahren".

"Wir bestreiken nicht die Fahrgäste, sondern die Arbeitgeber", sagte dagegen Verdi-Experte Winkler. Und man müsse über die Pandemie hinaus denken. "Es geht jetzt um die Grundlagen, wohin sich der Nahverkehr entwickelt. Corona kann kein Argument sein, auf das Streikrecht zu verzichten." Weitere Streiks würden geplant. In dieser Woche werde zwar nur am Dienstag gestreikt. "Aber wir rechnen nicht damit, dass das reicht."

© SZ vom 29.09.2020

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