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Gedenken an NS-Opfer:"Jeder Mensch hat einen Namen"

Zwei Mädchen in der "Judensiedlung" Milbertshofen, kurz bevor die Nationalsozialisten sie 1941 deportierten. Wie sie heißen ist bis heute nicht zweifelsfrei geklärt. Das Stadtarchiv bemüht sich, die Namen der Kinder herauszufinden.

(Foto: Stadtarchiv München)

Das Stadtarchiv hat die Geschichten von Tausenden Münchner Jüdinnen und Juden während der NS-Zeit gesammelt. Die Schicksale lassen sich nun in einem digitalen Gedenkbuch nachlesen.

Von Bernd Kastner

Wer ein Gesicht berührt, macht zunächst einen Namen sichtbar. Es geht ganz einfach, man bewege den Mauszeiger über eines der Fotos, und es ist zu lesen: Dina Marx. Oder Emanuel Martin Bustin. Oder Karoline Gerstle. Oder Wolf Strauß. Man blickt auf Schwarz-Weiß-Fotos, meist sind es Passbilder, und oft ist ein Stempel zu sehen, der Abdruck eines Adlers und des Hakenkreuzes. Wer dann auf eines der Fotos klickt, dem öffnet sich ein ganzes Leben.

Das von Elisabeth Sommer zum Beispiel, geboren 1893 in Frankfurt, gestorben 1941, ermordet. Weil sie in den letzten Jahren ihres Lebens in München wohnte, erzwungenermaßen, ist die Skizze ihres Lebens in einem Werk nachzulesen, dessen Wert gar nicht hoch genug einzuschätzen ist. Das "Biografische Gedenkbuch der Münchner Juden 1933-1945" erscheint an diesem Donnerstag neu, nicht gedruckt wie vor einigen Jahren, sondern digital.

Die Lebensgeschichten von mehr als 5000 jüdischen Münchnerinnen und Münchnern sind hier beschrieben, von Menschen, die in der NS-Zeit ermordet oder in den Suizid getrieben wurden, und auch von denen, die eines scheinbar natürlichen Todes starben. Allein, was heißt schon "natürlich" in diesem Kontext? Eine "unzulässige Verharmlosung" wäre diese Bezeichnung angesichts der Entrechtung und Verfolgung, schreiben die Autoren des Stadtarchivs. Wie und wo auch immer sie gestorben sind, gemeinsam ist allen Menschen im Gedenkbuch, dass sie verfolgt wurden, weil sie Juden waren.

"Jeder Mensch hat einen Namen." So beginnt ein Gedicht der Lyrikerin Zelda Schneurson Mishkovsky (1914-1984), so beginnt auch der erklärende Text auf der Internetseite. Die Nationalsozialisten haben nicht nur Millionen Juden ermordet, sie haben auch versucht, die Erinnerung an sie auszulöschen. Das Stadtarchiv will diesem Ansinnen ein Nein entgegensetzen. Will den Menschen "ein kleines Stück ihrer menschlichen Würde und Integrität" zurückgeben. Will, dass man auch fast ein Jahrhundert später noch erfährt, wer Samuel Rosenbusch war.

Die Informationen sind aus Archivbeständen und online verfügbarer Quellen zusammengetragen worden

Samuel wohnte in der Maximilian- und in der Herrnstraße. Er war ein Kind, als er am 25. November 1941 in Kaunas ermordet wurde, fünf Tage nach der Deportation. Neun Jahre alt wurde Samuel. Er war das jüngste Kind seiner Eltern Moritz und Hanna Rosenbusch. Seine Geschwister hießen Judith Rahel, Ruth, Bitja Debora und Menni. Nur Judith, der Ältesten, gelang die Emigration nach Jerusalem. Alle anderen Mitglieder der Familie Rosenbusch wurden ermordet. Es sind nur wenige Zeilen, die zu Samuel notiert sind. Man kann sich über die Suchfunktion die Biografien seiner Eltern und Geschwister anzeigen lassen. Und wenn sich irgendwann weitere Informationen zum Leben des Samuel Rosenbusch finden, lässt sich seine Biografie ergänzen. Das ist der Vorteil der digitalen Ausgabe.

Sonderschau erinnert an Orte der NS-Zeit in München

Bedrohung und Verfolgung waren Alltag für die Münchner Juden. Das Foto zeigt das zerstörte Kaufhaus Uhlfelder nach der Pogromnacht 1938.

(Foto: Stadtarchiv München)

Die Informationen zu den Münchner Juden in der NS-Zeit wurden aus den Beständen des Stadtarchivs und zahlreicher anderer Archive sowie online verfügbarer Quellen zusammengetragen, erzählt Andreas Heusler, der Leiter des Sachgebiets Zeitgeschichte. Seit den Neunzigerjahren arbeiten sie im Archiv an diesem Projekt, suchen und sammeln laufend neues Wissen zu den jüdischen Münchnern in der NS-Zeit. Zu den wichtigsten Quellen gehörten die Deportationslisten, in denen die Nationalsozialisten festhielten, wer von München nach Kaunas, Piaski, Theresienstadt und Auschwitz verschleppt wurde.

2003 und 2007 erschienen zwei gedruckte Bände mit Biografien, 2012 wurden die Lebensgeschichten erstmals online gestellt. Seither wurde das Gedenkbuch nicht nur inhaltlich ergänzt, sondern auch technisch weiterentwickelt. Sobald eine neue Information bekannt werde, lasse sich diese sofort einpflegen, sagt Heusler. "Es ist uns sehr wichtig, dieses Gedenkbuch immer wieder neu fortzuschreiben." Der Historiker bittet die Nutzer ausdrücklich, das Archiv über notwendige Korrekturen zu informieren. Und wer weitere Informationen zu einem der Tausenden Menschen hat, möge sich bitte auch melden, es gibt den Button "Rückmeldung".

Zwei Ziele verfolge das Projekt Gedenkbuch, sagt Heusler. Es sei zum einen Teil der kommunalen Erinnerungskultur, ein "virtuelles Denkmal". Und zugleich auch "Grabmal". Viele der Münchner Juden, die in der Zeit des NS-Regimes starben, haben kein echtes Grab. Das zweite Ziel, sagt Heusler, sei ein wissenschaftliches. Historiker und andere Interessierte könnten über Suchfunktionen zu Personen, Straßen oder den Todesorten recherchieren.

Die Biografien sollen die "ausgelöschten, vergessenen" Namen wieder sichtbar machen

Die 5000 sichtbaren Biografien sind der kleinere Teil dessen, was das Stadtarchiv in seiner Datenbank habe, sagt Heusler. Es gebe mehr als 14 000 Biografien von jüdischen Münchnerinnen und Münchnern. Ziel sei es, irgendwann alles zu veröffentlichen, auch von jenen Juden, die emigriert sind oder in Deutschland überlebt haben. Derzeit sei das aus datenschutzrechtlichen Gründen noch nicht möglich. Die online abrufbaren Lebensläufe sind der Versuch, "die ausgelöschten, vergessenen und verdrängten Namen und Biografien in das kollektive Gedächtnis der Stadt München zurückzuholen", heißt es im Begleittext des Gedenkbuchs. Es habe "den Anspruch, die jüdischen Münchnerinnen und Münchner als individuelle Persönlichkeiten wieder sichtbar zu machen".

Über Elisabeth Sommer ist vergleichsweise viel bekannt. Sie wuchs in einer "hochgebildeten großbürgerlichen deutsch-jüdischen Familie auf". Ihr Vater war am königlichen Friedrichsgymnasium in Kassel die letzten Jahre vor dem Abitur Klassenkamerad des späteren Kaiser Wilhelm II. Dessen Fürsprache war es zu verdanken, dass Elisabeth Sommers Vater trotz seiner Treue zum Judentum, die seinen beruflichen Aufstieg verhinderte, Oberlandesgerichtsrat wurde. Elisabeth Sommer spielte Geige und Bratsche, sprach mehrere Sprachen. Sie lehnte es ab, wie ihre Schwester Eva zu emigrieren; sie konnte sich nicht von ihrer Freundin und ihrer Heimat trennen. In den letzten Monaten ihres Lebens unterrichtete Elisabeth Sommer im Israelitischen Kinderheim in der Antonienstraße 7. Sie wurde nach Kaunas in Litauen deportiert, zusammen mit einer Kindergruppe.

Das "Biografische Gedenkbuch der Münchner Juden 1933-1945" findet sich von diesem Donnerstag an online unter: gedenkbuch.muenchen.de

© SZ vom 04.11.2020/van, wean
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