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SZ-Serie: Meter für Meter:Wo das jüdische Herz schlug

Möhlstraße, Straßenserie

Möhlstraße, Straßenserie Straßenschild

(Foto: Florian Peljak)

Nach dem Krieg eröffneten Holocaust-Überlebende Hunderte kleine Geschäfte an der Möhlstraße. Der "Palästina-Express" fuhr an einen Ort, wo es Freiheit und Schokolade gab, Schwarzmarkt und Schmuggel, Polizeigewalt - und Liebe.

Von Ekaterina Kel

Straßen sind die Lebensadern der Stadt. Viele sind bekannt, manche sind berühmt, andere erzählen einfach nur gute Geschichten. Ein Streifzug.

Wie hieß das Restaurant noch gleich? Die Erinnerung spielt einem manchmal ungefragte Scherze. David Stopnitzer kennt das Problem. Aber was die Möhlstraße angeht, versichert der 74-Jährige, könne man sich auf seine Erinnerung verlassen. Schließlich sei das sein Revier gewesen, damals, in den frühen Fünfzigern. Vom kleinen Hügel, wo sich die Weberstraße abzweigt, bis zum Friedensengel, da habe er seine Kindheit "auf der Straße" verbracht, erzählt er. Und an diesem grauen Nachmittag, viele Jahrzehnte später, steht er vor dem Haus mit der Nummer 39 und sagt: "Das Lokal hat Amoria geheißen, und nicht etwa, wie manche behaupten, Astoria."

Abgesehen von der Namensunsicherheit ist heute von dem Restaurant aus der frühen Nachkriegszeit nichts mehr übrig. Stattdessen steht eine restaurierte Villa am Straßenrand. Dass es hier so viel Tanz und Trubel gab und sich Anwohner beschwerten, dass alle Welt sich um das einzige Telefon weit und breit in diesem Lokal versammelte, um den Kurs des Dollars an der Börse zu verfolgen, und dass hier das Herz eines der größten Schwarzmärkte der Nachkriegszeit schlug - davon ist nichts mehr zu spüren.

Die Möhlstraße, benannt nach dem königlichen Hofgartendirektor Jakob Möhl, markiert nicht nur ein Stück Münchner Nachkriegsgeschichte, sondern auch ein bedeutendes Stück jüdischer Geschichte. In der Blütezeit Ende der Vierziger, Anfang der Fünfziger, gab es hier Hunderte Geschäfte, meist in kleinen, kastenähnlichen Behelfsläden aus Holz in den Vorgärten der Nobelhäuser. Nach vielen Jahren der Entsagung und Angst gab es hier endlich wieder Freiheit. Es gab Schokolade, Zigaretten, Seife, Kaffeebohnen oder Nylonstrümpfe. Und erstmals wieder ein freies, jüdisches Leben. Eine koschere Metzgerei, Restaurants, Cafés, eine Apotheke, ein Krankenhaus, eine Synagoge, einen jüdischen Kindergarten, eine jüdische Schule.

Die meisten Händler waren DPs, also Displaced Persons - Überlebende des Holocaust, entweder aus den befreiten und aufgelösten Konzentrations- und Arbeitslagern der Nazis oder Flüchtlinge aus Polen, Ukraine, Russland, Litauen. Die dominierende Sprache auf dem Markt: Jiddisch. Die Straßenbahn, die dorthin fuhr, so erzählt es Michael Brenner, Professor für jüdische Geschichte und Kultur an der LMU, kannte man unter dem Namen "Palästina-Express". Das Viertel sei für kurze Zeit sogar das Zentrum des jüdischen Lebens nach 1945 in ganz Deutschland gewesen, sagt Brenner.

Der überwiegende Teil der jüdischen DPs sei damals bloß auf der Durchreise nach München gekommen. Die meisten wollten emigrieren, ins damalige Palästina, noch vor Gründung des Staates Israel, nach Australien oder in die USA. Die größten Chancen für eine Weiterreise boten ihnen amerikanisch-jüdische Hilfsorganisationen wie das "Joint". Und diese richteten sich in den Villen an der Möhlstraße ein, weil dort viele Häuser intakt geblieben waren. Sie übernahmen die Gebäude von den Nazis, die wiederum viele jüdische Bewohner aus ihren Villen vertrieben hatten. Die DPs erhielten von den Hilfsorganisationen Care-Pakete. Einige fingen an, die damals heiß begehrte Ware daraus zu verkaufen - und innerhalb von ein paar Jahren entwickelte sich ein Handelsplatz. In gewisser Weise beanspruchten die überlebenden Juden den Ort wieder für sich, sagt Historiker Brenner.

So kamen auch David Stopnitzers Eltern nach München, nach einer Odyssee durch verschiedene Arbeitslager in Polen und Ostdeutschland. Der Vater hatte einen Feinkostladen an der Möhlstraße eröffnet und handelte mit allerlei Lebensmitteln. Mit einer Flasche Wein oder einer Salami ließ sich das eine oder andere Mal auch mal ein Beamter bestechen, erinnert sich Stopnitzer. Er sei zwar noch klein gewesen damals, ein Junge unter zehn Jahren, aber hier, in diesem Milieu, habe er diese spezielle "kriminelle Energie" mitbekommen, so erzählt er es halb augenzwinkernd. Auch davon ist nichts mehr übrig, nur noch Anekdoten, Gerüche und Polizeiprotokolle aus jener Zeit.

Die Historikerin Lilly Maier hat sie vor ein paar Jahren systematisch ausgewertet. Es scheint, dass das jüdische Markttreiben rund um die Möhlstraße der deutschen Polizei nicht nur wegen der unversteuerten Lebensmittel ein Dorn im Auge war. Auch die Münchner Geschäftsleute machten wohl Druck: Die billigen Preise und vor allem die Sonntagsöffnung der jüdischen Händler (dafür war am Samstag Schabbat-Ruhe) empfanden sie als Konkurrenz. Im Juni 1949 gab es nahezu täglich Festnahmen wegen des Schwarzhandels. Am 1. Juli kam es zu einer Großrazzia, die einen "traurigen Höhepunkt" in der Geschichte des Marktes bildet, wie Maier schreibt.

An einem Freitag um 10 Uhr umzingeln Hundertschaften der Münchner Polizei das Areal rund um die Möhlstraße. Die Einsatzkräfte wollen möglichst viele Händler überführen, die sie in ihren Berichten als "Parasiten" und "lichtscheues Gesindel" brandmarken. Es kommt zu einem Gerangel, auf Schwarz-Weiß-Fotografien festgehalten: Beamte hoch zu Ross jagen davonlaufenden jungen Männern in dunklen Mänteln hinterher, Polizisten laden kistenweise Ware in Transportwagen. Irgendwann wirft irgendjemand mit Gegenständen, es kommt zu einer Straßenschlacht. Am Ende des Tages gibt es 31 Festnahmen wegen Schwarzhandels, zwei wegen Landfriedensbruch und drei wegen fehlender Ausweispapiere und Urkundenfälschung. Das und eine breite Mediendebatte über die Gewalt der Polizei bei dem Einsatz ist der Ertrag der "Aktion Möhlstraße". Die Kriminalpolizei behält den Markt viele weitere Jahre im Blick. Auch Stopnitzer erinnert sich noch an Polizisten mit Schäferhunden an der Leine.

Aber die Straße birgt nicht nur Erinnerungen an Schmuggel, windige Geschäfte, Gewalt und uniformierte Polizisten mit antisemitischen Motiven. Es gibt auch ganz andere, schöne Dinge, an die sich Zeitzeugen erinnern - zum Beispiel an die große Liebe.

Die wohl bekannteste jüdische Bürgerin dieser Stadt, Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde, verdankt der Möhlstraße ihren Ehemann. Die Erinnerung bringt sie zum Lächeln, als sie im Büro des Gemeindehauses auf dem Sankt-Jakobs-Platz ihre Geschichte erzählt: Sie hieß damals noch Neuland und war 15 Jahre alt, auf einem privaten Purimfest bemerkte sie einen attraktiven jungen Juden aus Krakau, Samuel Knobloch. Er war, wie so viele vor und nach ihm, als DP nach München gekommen. Sie himmelte ihn an - doch der zehn Jahre ältere Mann habe zunächst kein Interesse an ihr gehabt, erzählt Knobloch. Einige Wochen später klingelte jedoch ihr Telefon. Sie verabredeten sich. Ihr erstes Date verbrachten sie an der Möhlstraße, erzählt Knobloch.

Vielleicht im Lokal Amoria? Oder im Astoria? Es gab sie nämlich beide. So ist das mit der Erinnerung.

Und heute? Repräsentativ und zugleich verschlafen verstecken sich die imposanten Villen, die alle etwa zwischen 1892 und 1908 erbaut wurden, hinter geräumigen Baumkronen. Der Historiker Willibald Karl hat sich mit der Geschichte jedes einzelnen Hauses in dieser Straße beschäftigt und kann die Namen der früheren Besitzer auswendig. Die "opulente historische Bauweise" und das "großbürgerliche, noble Publikum" habe ihn einfach fasziniert, sagt er. In einem längst vergriffenen Buch erstellt er eine Art sozio-architektonische Topografie. Vier dieser Bauten von früher sind mittlerweile Konsulate - Russland, Italien, Griechenland und Großbritannien werden hier vertreten. Das städtische Planungsreferat zählt 19 Häuser unter Denkmalschutz in dieser Straße. Ansonsten schlummert sie recht unspektakulär vor sich hin. Auch der einzige kleine Skandal der vergangenen Jahre, die schlagende Burschenschaft Danubia, ist 2016 aus dem Haus Nummer 21 ausgezogen.

Wieso es hier weit und breit kein Schild gibt, das an die Zeit des DP-Markts erinnert, kann sich Stopnitzer nicht erklären. So eine Erinnerungsstele, wie sie die Stadt München manchmal aufstellt, könne er sich hier auch gut vorstellen, sagt er. Und dann am besten an dieser Stelle, wo es das Restaurant Amoria gab, wo sich alle versammelten. David Stopnitzer schaut die Villa an und sagt: "Am besten direkt im Herzen."

© SZ vom 03.09.2020/aner

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