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Religiöse Minderheiten in München:"Wie sicher sind wir denn noch?"

Coronavirus - München

Die Unsicherheit ist an der Ohel-Jakob-Synagoge ebenso zu spüren wie in den Münchner Moscheen.

(Foto: dpa)

Hass, Hetze und rassistische Angriffe nehmen zu - das bekommen auch Juden und Muslime in München zu spüren. Was Stadt, Polizei und die Gesellschaft dagegen tun können.

Von Bernd Kastner

Es fehlt etwas in dieser Stadt. Viele Juden und Muslime vermissen das Gefühl der Sicherheit. Und es mangelt ganz offenbar an Kommunikation, allgemein zwischen der Mehrheitsgesellschaft und den religiösen Minderheiten, und insbesondere zwischen der Polizei und den Vertretern muslimischer Einrichtungen. So lässt sich zusammenfassen, was in einem Hearing im Alten Rathaus zu hören ist an Klagen und Forderungen. Eingeladen hat die Fachstelle für Demokratie, um zu reden über "Sicherheit jüdischer und muslimischer Einrichtungen" - oder eben über das Gegenteil.

Der Adressat der meisten Wünsche sitzt auch auf dem Podium: Hubertus Andrä. Der Polizeipräsident beginnt, nach dem obligatorischen Hinweis auf die gute Sicherheitslage in München, mit vielen Zahlen und der Botschaft: Die Hasskriminalität nimmt zu. 40 jüdische und muslimische Einrichtungen müsse die Polizei rund um die Uhr schützen, durch Streifenfahrten oder permanente Anwesenheit. Dies, sagt Andrä, "macht mich nachdenklich und stimmt mich absolut traurig". Kreisverwaltungsreferent Thomas Böhle berichtet, dass sein KVR in einem Risikomanagement die Gefahr für jüdische und muslimische Einrichtungen analysiere und auch potenzielle Anschlagsziele identifiziere.

Die Wirkung rassistischer Angriffe beschreibt Miriam Heigl, Leiterin der Fachstelle für Demokratie, als "kollektive Viktimisierung". Verbrechen wie der rechtsextreme Anschlag vom Olympia-Einkaufszentrum oder die Morde von Hanau träfen nicht nur den direkt Betroffenen. Die Täter hätten es auf ganze Gruppen abgesehen, und so verletze der Hass auch diese ganze Gruppe, seien es Muslime, Juden oder Migranten. "Möglicherweise", sagt Heigl, müsse man sich noch stärker öffnen für die Perspektive der muslimischen und jüdischen Community, müsse Betroffenen von Hass besser zuhören, um dann die richtigen Folgerungen zu treffen.

Was Heigl andeutet, formulieren andere deutlicher, Benjamin Idriz zum Beispiel, Imam in Penzberg und als Vorsitzender des Münchner Forums für Islam (MFI) längst inoffizieller Sprecher der muslimischen Community. Es fehle, sagt er, den Polizeipräsidenten zu seiner Linken sitzend, am kontinuierlichen Kontakt zwischen Muslimen und den Sicherheitsbehörden. Unter Muslimen gebe es oft das Gefühl, die Polizei habe kein Interesse an deren Bedürfnissen und Sorgen. Wenn jetzt der Bundesinnenminister eine Studie zu Rassismus in der Polizei abblase, sei das fatal: "Wenn Rassismus ignoriert und tabuisiert wird, wächst das Misstrauen."

Was tun? Die Sorgen und Ängste ernstnehmen, islamfeindliche Motive erkennen und erfassen, sagt Idriz und gibt seinem Nachbarn ein paar konkrete Ideen mit: Die Polizei könnte für ihre Beamte mehr Schulungen anbieten, zum Thema Diskriminierung oder Islam. Das MFI selbst könnte Seminare anbieten, um die Sensibilität von Beamten für Rassismus zu erhöhen und ihren Blick auf den Islam zu weiten. Nesrin Gül von der Alevitischen Gemeinde fügt weitere Wünsche an: Betroffene müssten stärker eingebunden werden ins Erarbeiten von Sicherheitskonzepten. Bei der Polizei brauche es klare Ansprechpartner, um im Ernstfall gleich eine Person des Vertrauens zu haben. Und: Es brauche mehr Begegnung zwischen Mehrheits- und Minderheitsgesellschaften. Wie sehr das Vertrauen geschädigt ist, auch davon erzählt Gül: Kurz nach dem Anschlag von Hanau sei sie mit einer Gruppe Jugendlicher in einem Lokal gesessen. Sie hätten sich nicht wohl gefühlt, weil alle schwarze Haare hatten und sie sich deshalb als potenzielles Ziel eines Rassisten sahen. Wären doch ein paar Blonde dabei gewesen - als Schutz! Ihr Kollege Ugur Kör von der Alevitischen Gemeinde bringt es mit einer Frage auf den Punkt: "Wie sicher sind wir denn noch?"

Vom Gefühl der Unsicherheit berichtet auch Jan Mühlstein von der Liberalen jüdischen Gemeinde Beth Shalom. Es sei egal, ob nun das Ausmaß des Antisemitismus tatsächlich gewachsen sei oder allein die Sensibilität dafür - Juden fühlten eine erhöhte Bedrohung. So fänden sie in der Gemeinde kaum mehr Mitglieder, die bereit wären, im Gespräch mit Medienvertretern ihren Namen zu nennen - zu riskant. Auch Mühlstein wünscht sich mehr Fortbildung, um Antisemitismus zu bekämpfen, ansetzen müsse man in Jugendeinrichtungen, Schulen und bei Lehrern. Über alles aber stellt er die Solidarität der Mehrheit mit bedrohten Gruppen: Das tue unheimlich gut.

Viele Bälle sind beim Polizeichef gelandet - und Hubertus Andrä spielt so manchen Ball wieder zurück. Feste Ansprechpartner? Die gebe es doch schon auf jeder Polizeiinspektion, wenn er auch einräumt: "Das kann man sicher noch mehr publik machen." Sicherheit sei nicht nur Job der Polizei, "das darf keine Einbahnstraße sein": Es sei "nicht zu viel verlangt", dass Vertreter muslimischer Einrichtungen den Kontakt zum jeweiligen Inspektionschef suchten. Und überhaupt, sagt Andrä, müsse man "fairerweise" ergänzen, dass es nicht nur eine muslimische Organisation in München gebe, sondern ganz viele, was klingt wie: Es ist alles so kompliziert.

Oberbürgermeister Dieter Reiter fasst zusammen, was er mitnehme aus dem Hearing: Die Ansprechpartner in der Verwaltung, die es schon gebe, müsse man "vielleicht deutlicher kommunizieren". Ganz sicher aber brauche es mehr institutionellen und regelmäßigen Dialog mit Vertretern jüdischen und muslimischen Einrichtungen, auch seitens der Stadt.

© SZ vom 10.07.2020/imei
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