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Zwillings-Türme an Paketposthalle:"Die sehen Sie von überall"

Zwei Hochhäuser sollen nach den Vorstellungen des Architekturbüros Herzog/de Meuron den Münchner Westen in Zukunft prägen.

(Foto: Simulation: Herzog/de Meuron)

Denkmalschützer wehren sich vehement gegen den geplanten Bau der 155 Meter hohen Türme neben der ehemaligen Paketposthalle. Die Stadt will nun die Bürger einbinden.

Von Sebastian Krass

Die Pläne für zwei 155 Meter hohe Türme auf dem Grundstück der Paketposthalle an der S-Bahn-Station Hirschgarten stoßen bei Bayerns Denkmalschützern auf scharfe Ablehnung - die Stadt überlegt, sie im nächsten Jahr einer speziell ausgewählten Gruppe von Bürgerinnen und Bürgern zur Begutachtung vorzulegen. "Das ist Investoren-Architektur, für die es an dieser Stelle, nur 1,9 Kilometer von Schloss Nymphenburg entfernt, keine Begründung gibt", sagt Mathias Pfeil, Chef des Landesamtes für Denkmalpflege, über die Hochhauspläne.

Die in einem Masterplan des Architekturbüros Herzog/de Meuron vorgesehenen Zwillings-Türme, die das 146 Meter hohe "Uptown" am Georg-Brauchle-Ring als höchstes Gebäude der Stadt ablösen würden, "verändern die Stadtsilhouette wie kein anderes Gebäude, wenn sie gebaut werden", sagt Pfeil, "die sehen Sie von überall". Eine entsprechende ablehnende Stellungnahme habe sein Amt abgegeben, und zwar im Zuge des laufenden Bebauungsplanverfahrens, in dem die Stadt das Ausmaß der neuen Bebauung auf dem zehn Hektar großen Areal der Paketposthalle festlegt.

Die Büschl Unternehmensgruppe aus München hat das Grundstück vor zwei Jahren der Deutschen Post abgekauft. Ziel der Entwickler ist es, neben 1100 Wohnungen und Büros mit 3000 Arbeitsplätzen auch die architektonisch spektakuläre Paketposthalle mit ihrer Spannweite von 148 Metern und einer Höhe von 27 Metern, die derzeit noch von der Post genutzt wird, für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen, etwa durch kulturelle Nutzung.

Auch der Landesdenkmalrat, ein Beratungsgremium mit Vertretern aus Landtag und Kommunen, aus Kirchen und der Akademie der Schönen Künste, hat sich in Briefen an OB Reiter und Stadtbaurätin Elisabeth Merk gegen die Hochhaus-Pläne ausgesprochen. Der Rat fordert, das Bebauungsplanverfahren auszusetzen, bis die von der Stadt in Auftrag gegebene Hochhaus-Studie hinreichend öffentlich diskutiert sei. Unabhängig davon fordert der Landesdenkmalrat, dem aus München etwa der CSU-Landtagsabgeordnete Robert Brannekämper und der Architekturhistoriker Winfried Nerdinger angehören, eine Höhenbeschränkung: "Schon jetzt steht fest, dass durch Hochhäuser von über 60 Metern neben der Paketposthalle im Stadtbild drastische Auswirkungen, u.a. auf die Sichtbeziehung zu Schloss Nymphenburg entstehen, die nicht hinnehmbar sind", heißt es im Brief an OB Reiter. Der "Sündenfall" der sogenannten Highlight Towers, die leicht versetzt am Ende der Sichtachse Ludwigstraße-Leopoldstraße stehen, dürfe sich "nicht wiederholen".

Stadtbaurätin Merk muss eine komplizierte Gemengelage moderieren: Denn die Pläne für die Paketposthalle entstehen zeitlich parallel mit jener vom Stadtrat in Auftrag gegebenen Hochhaus-Studie, die in Hochhaus-Rahmenpläne münden soll. Es geht in der Studie weniger um konkrete Standorte und Höhen als um mögliche Areale und Qualitätskriterien für einen Hochhausbau, der zur Stadt passt. Das allein ist schon heikel, weil die Pläne an der Paketposthalle die bisherigen Münchner Dimensionen übertreffen würden, der Investor aber nicht im Ungewissen bleiben möchte, bis ein Rahmenplan verabschiedet ist. Das ist nicht vor 2022 zu erwarten. Hinzu kommt, dass sich die Prozesse ziehen, weil eigentlich vorgesehene öffentliche Diskussionen wegen der Corona-Pandemie nicht stattfinden konnten. Nun aber startet Merk zur Paketposthalle eine neue Initiative: "Ich möchte noch dieses Jahr dem Stadtrat eine Beschlussvorlage für ein Bürgergutachten zur Paketposthalle vorlegen", sagt sie.

Ein solches Gutachten ist ein aufwendiges, bisher in München erst einmal zum Einsatz gekommenes Instrument: Dabei kommen etwa 100 repräsentativ ausgewählte Bürgerinnen und Bürger zu einer moderierten mehrtägigen Tagung zusammen und erarbeiten gemeinsam ein Entwicklungskonzept. 2013 wurde ein solches Bürgergutachten zum Kunstareal erstellt. Diese Vorschläge wurden allerdings bisher so gut wie nicht umgesetzt, was auch daran liegt, dass Stadt und Freistaat sich dort immer wieder gegenseitig blockieren. Bei der Paketposthalle wäre die Lage insofern einfacher, als man es mit einem Eigentümer zu tun hätte, der ein hohes wirtschaftliches Interesse daran hat, dass die Sache schnell vorangeht. "Ich erhoffe mir von dem Bürgergutachten qualifizierte Aussagen zu den Hochhäusern, aber auch dazu, wie die Stadtgesellschaft die denkmalgeschützte Paketposthalle nutzen will, welches kulturelle Programm sie haben will", sagt Stadtbaurätin Merk. "Damit möchte ich dann in die demokratischen Gremien gehen."

Auch die politische Meinungsbildung zu den vorliegenden Hochhausplänen ist noch im Fluss, insbesondere in der CSU. Zwar hat die Stadtratsfraktion die Pläne begrüßt. Im Bezirksverband München gibt es aber auch eine große Strömung, die die Pläne ablehnt. Ein Wortführer ist der Landtagsabgeordnete Brannekämper. Auch der noch amtierende Bezirkschef Ludwig Spaenle zählt zu den Skeptikern, er unterstützte im Jahr 2004 das erfolgreiche Bürgerbegehren für eine Hochhaus-Obergrenze von 99 Metern. Inzwischen habe sich das Meinungsbild in der Partei weiterentwickelt, sagt Spaenle. Er persönlich halte "eine Weiterentwicklung der Stadt auch in die Höhe für sinnvoll, wenn sie vernünftig in die Sichtachsen passt". Zur Paketposthalle äußert er sich nicht explizit. Spaenle verweist stattdessen auf seinen designierten Nachfolger Georg Eisenreich, der sich aber vor seiner Wahl nicht zu dem heiklen Thema äußern möchte.

Auch die Rolle der Grünen ist noch diffus. Einerseits befürworte "ein großer Teil der Stadtratsfraktion" die bisherigen Pläne, sagt Fraktionschefin Anna Hanusch. Andererseits wollen die Grünen "die Bevölkerung mitnehmen, und da wurde noch nicht das richtige Mittel gefunden". Ein Ratsbegehren, also ein vom Stadtrat initiierter Bürgerentscheid, wie ihn die Grünen-Fraktionsspitze vor der Kommunalwahl angekündigt hatte, sei "eine Option, die noch auf dem Tisch liegt", so Hanusch. Es sei aber nicht ganz einfach, dafür eine passende Fragestellung zu finden.

Ein Problem bei der ganzen Diskussion ist, dass es schwer ist sich vorzustellen, wie die Hochhäuser an der Paketposthalle letztlich wirken würden. Das liegt zwar ganz wesentlich an ihrer konkreten Gestaltung, die noch offen ist. Aber um zumindest einen Eindruck von der Höhe an der Stelle zu bekommen, regte die ÖDP, die generell die Pläne ablehnt, kürzlich an, zwei sogenannte Höhenballons zu installieren, "durch die die Fernwirkung der geplanten Hochhäuser visualisiert wird und eine realitätsnahe Sichtachsen-Betrachtung durchgeführt werden kann". Eine Antwort der Stadtverwaltung steht noch aus.

© SZ vom 13.11.2020/van/mmo

MeinungHochhaus-Streit am Hirschgarten
:Ein zu simpler Effekt

Hochhäuser prägen die Silhouette und den Charakter einer Stadt. Zwei Türme einfach irgendwohin zu bauen, ist keine gute Idee.

Kommentar von Sebastian Krass

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