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OEZ-Anschlag:"Wir alle haben unser Lachen verloren"

Sie fehlen: die neun Opfer des OEZ-Anschlags (jeweils von links nach rechts) Selçuk Kiliç, 15, Sabine S., 14, Can Leyla, 14, Sevda Dağ, 45, Hüseyin Dayıcık, 17, Roberto Rafael, 15, Guiliano Kollmann, 19, Armela Segashi, 14, und Dijamant Zabërgja, 20. Fotos: Robert Haas/Collage: Stefan Dimitrov

Vor fünf Jahren tötete ein rassistischer Mörder neun Menschen am Münchner Olympia-Einkaufszentrum, unter ihnen der 19-jährige Guiliano Kollmann. Seine Familie fühlt sich vergessen - und will dem Bösen nicht das letzte Wort lassen.

Von Martin Bernstein

Das Böse, sagt Rudolf Kollmann, dürfe nie das letzte Wort haben. Auf den Tag genau vor fünf Jahren ist das Böse in das Leben der Münchner Familie Kollmann getreten. Wieder einmal. Am 22. Juli 2016 um 17.53 Uhr hat ein rassistischer Massenmörder den damals 19 Jahre alten Guiliano Kollmann getötet, fünf Projektile des Kalibers 9 mal 19 Millimeter schlugen von hinten in den Körper des jungen Mannes ein. "Guili", wie ihn sein Vater und seine Fußballkumpel vom FC Aschheim nannten. Zufällig war Guiliano an diesem Abend am Olympia-Einkaufszentrum gewesen. Mit einem Freund saß er gerade im McDonald's, als dort die ersten Schüsse fielen. Die beiden flüchteten ins Freie, auf die Hanauer Straße. Dort wartete der Mörder.

Der Täter wusste nichts über seine Opfer, er kannte sie nicht, sie kannten ihn nicht. Ein Zufallsopfer war Guiliano in der menschenverachtenden Weltsicht des Mörders dennoch nicht - der 19-Jährige mit dem jungenhaften Gesicht sah für den Schützen aus wie einer von denen, die er für "Kanaken", für "Untermenschen", für einen "Virus" hielt, den es auszurotten gelte. "Selber schuld", brüllte der Mörder ein anderes seiner sterbenden Opfer an. Guiliano verblutete in den Armen zweier Helfer. Mit ihm starben binnen weniger Minuten Armela Segashi (14 Jahre alt), Sabine S. (14), Can Leyla (14), Roberto Rafael (15), Selçuk Kılıç (15), Hüseyin Dayıcık (17), Dijamant Zabërgja (20), Sevda Dağ (45).

"So eine Tat ist sinnlos, sie kann nie einen Sinn haben", sagt Rudolf Kollmann, der Vater, fünf Jahre später. Aber wenigstens soll Guiliano nicht umsonst gestorben sein. An ein Projekt für benachteiligte junge Menschen denkt der 50-Jährige, an ein Signal, dass auch das Böse, das in jenen Minuten vor dem Olympia-Einkaufszentrum zu triumphieren glaubte, nicht das letzte Wort hat. Kann man das schaffen als Vater, der seinen Sohn verloren hat? In Rudolf Kollmann arbeitet es sichtlich. Dann erzählt er von der Freien Christengemeinde Jeschua und von seinem Glauben, die ihm immer wieder Kraft und Halt gäben. "Das ist das, was mich aufgefangen hat, auch in tiefen Tälern", sagt Rudolf Kollmann. Der Andachtsraum der Sinti-Gemeinde liegt an der Hanauer Straße, gerade einmal 500 Meter entfernt von der Stelle, an der Guiliano vor fünf Jahren starb.

Eine Ahnung davon, wie es ist, wenn das Böse das letzte Wort beansprucht, hat Rudolf Kollmann schon als Kind bekommen. Neun Jahre alt war der Bub vom Hasenbergl, als seine Freunde Ilona und Ignatz von einem Tag auf den anderen plötzlich nicht mehr da waren. Der Tag war der 26. September 1980, als um 22.19 Uhr eine Bombe zehn Besucher des Münchner Oktoberfests tötete. Darunter zwei Kinder, Ilona, acht, und Ignatz, sechs Jahre alt. "Am Hasenbergl, da sind wir eine große Familie", sagt Kollmann. Rudolf erlebte die Trauer, die Verzweiflung der Familie. Wie furchtbar müsse es sein, so etwas erleiden zu müssen, habe er sich damals gedacht...

Sieben Familienmitglieder wurden in Auschwitz ermordet

Das Böse hatte auch schon zuvor die Familie Kollmann heimgesucht. Es kam in Gestalt der deutschen Staatsgewalt. Sieben Familienmitglieder wurden im Vernichtungslager Auschwitz ermordet. Der Vater von Guilianos Großmutter hat nur durch glückliche Zufälle nach siebenjährigem Martyrium das Konzentrationslager Dachau überlebt. "Ohnehin gibt es wohl keine Sinti-Familie in Deutschland, die nicht durch die Vernichtungspolitik der Nazis betroffen ist": Der Anwalt Onur Özata hat das in seinem Plädoyer am 15. Januar 2018 gesagt. Als Nebenklagevertreter forderte er damals im Namen der Kollmanns, dass der rechtsradikale Waffenlieferant des Münchner Todesschützen wegen Beihilfe zum Mord verurteilt werden sollte.

Doch der Mann, der sich im Darknet "Rico" nannte und ankündigte, nach seiner Haftentlassung sich auf dem Mahnmal an der Hanauer Straße mit dem Satz "Rico was here" verewigen zu wollen, kam wegen fahrlässiger Tötung ins Gefängnis. Nicht mehr lange, und er wird wieder frei sein. Anders als die Familie Kollmann. "Die Familie ist alles, ohne Familie ist alles nichts", sagte Guilianos Vater, als er zusammen mit seinem Anwalt das Grab auf dem Münchner Nordfriedhof besuchte. Zwei Tage nach den tödlichen Schüssen schrieb Guilianos Cousin auf Facebook: "Wir alle haben unser Lachen verloren und keine Freude mehr am Leben."

"Ich wünsche niemand, dass er auf so eine Art und Weise ein Kind verliert", sagt Guilianos Großmutter Gisela im Spotify-Podcast "Terror am OEZ", den die Süddeutsche Zeitung produziert hat. Guiliano wuchs bei seinen Großeltern auf, vor allem zu seiner Großmutter hatte er ein besonders inniges Verhältnis. "Es ist traditionell eine sehr enge Beziehung, die Angehörige der Sinti zu ihren Großeltern pflegen", sagte Anwalt Özata in seinem Plädoyer. "Trotz der unbeschreiblichen Erfahrungen des Völkermords an den europäischen Sinti und Roma zur Zeit des Nationalsozialismus sind es diese Großeltern, die die Traditionen, die besondere Kultur der Sinti und deren Sprache bewahren und an die nachfolgenden Generationen transferieren." Guilianos Großmutter hofft "auf ein bisschen mehr Beistand. Dass es ein bisschen mehr geehrt wird, dass es nicht aus dem Kopf fällt von den Menschen". Dass aber gerade die politische Dimension des rassistischen Münchner Anschlags lange Zeit bewusst kleingeredet, gar unterdrückt worden sei, dass lange von einem "Amoklauf" und vom Täter als einem psychisch gestörten Mobbingopfer die Rede war - dahinter vermutet Rudolf Kollmann Methode.

Münchens dunkle Tradition

München hat eine dunkle Tradition als die deutsche Stadt, die nach dem Krieg die meisten Todesopfer bei rechten Terroranschlägen zu beklagen hat, insgesamt 24 Opfer beim Oktoberfestattentat, dem Anschlag der "Gruppe Ludwig" im Jahr 1985, der NSU-Mordserie und beim OEZ-Anschlag. Und immer gab es dasselbe Muster: Versuche, die Opfer zu Mitschuldigen zu machen, Beharren auf Einzeltäter-Thesen, Verleugnung der rechtsextremistischen Bezüge. Der Bombenanschlag in der Schillerstraße ist nahezu vergessen, die Akten zum Oktoberfestattentat sind endgültig geschlossen, die Unterstützer des NSU-Kerntrios sind auf freiem Fuß. Und der angeblich unpolitische "Amoklauf" am OEZ wurde erst nach drei Jahren zähen Ringens offiziell als politisch rechts motivierte Tat eingestuft, die falsche Inschrift auf dem Mahnmal erst ein weiteres Jahr später korrigiert.

Kann auf dieser Basis kollektive Erinnerung entstehen? Für Donnerstag hat Bayerns Ministerpräsident Markus Söder im Gedenken an die Opfer des Anschlags die Beflaggung öffentlicher Gebäude angeordnet. Für Rudolf Kollmann eine richtige, wohl auch eine wichtige Geste. Aber: "Das hätte eher passieren müssen."

Die Stadt München nimmt Rudolf Kollmann von seiner Kritik aus. Oberbürgermeister Dieter Reiter habe die Familie sehr unterstützt. "Ihm geht das nahe, das merkt man einem Menschen an", sagt Rudolf Kollmann. Die Stadt trug zudem schließlich entscheidend dazu bei, dass die Tat nach drei Jahren endlich neu bewertet wurde. Bereits im Jahr 2018 hatten die Opferfamilien nach einer Entscheidung des Bundesamts für Justiz Anspruch auf staatliche Härteleistungen bekommen, die es für Betroffene extremistischer Übergriffe gibt: "Wir haben ja so rund 141 Euro Rente gehabt", erzählt Guilianos Großmutter im SZ-Podcast. "Die haben sie jetzt auch gestrichen, weil angeblich wäre ja unser Schmerz besser geworden... Nach fünf Jahren ist man vergessen."

Im Flur der Wohnung von Rudolf Kollmann hängt Guilianos Bild gerahmt gleich gegenüber der Eingangstür. Daneben steht der letzte Satz, den der 19-Jährige auf Whatsapp postete - wenige Stunden, bevor der rassistische Mörder ihn erschoss: "Wir sind nicht alle reich, aber bluten tun wir alle gleich." Der Satz steht auch auf Guilianos Grab. Rudolf Kollmann bleibt noch einmal stehen, zeigt dem Besucher das Foto. Nein, sagt er mit einer Stimme, die fest klingen soll und doch hörbar zittert, das Böse dürfe nie das letzte Wort haben.

Schweigeminute und Gedenkakte

Am Abend des 22. Juli 2016 tötete ein 18-Jähriger am Olympia-Einkaufszentrum aus rassistischen Motiven neun Menschen, fünf weitere verletzte er schwer. Später erschoss er sich selbst. An diesem Donnerstag, dem fünften Jahrestag, wird ab 13 Uhr in mehreren Gedenkakten am Denkmal an der Hanauer Straße an die Opfer erinnert. Ab 13 Uhr sprechen Bayerns Ministerpräsident Markus Söder, Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter sowie Angehörige der Opfer. Nach einer Pause werden ab 17 Uhr, also zum Tatzeitpunkt, der Bezirksausschuss Moosach sowie die Initiative "Wir alle sind Moosach" an die Ermordeten erinnern. Dabei werden der Vorsitzende des Bezirksausschusses Wolfgang Kuhn sowie Alt-Oberbürgermeister Christian Ude sprechen, zudem Angehörige der Opfer. Um 18.04 wird die Veranstaltung von einer Schweigeminute unterbrochen; zu diesem Zeitpunkt endeten vor fünf Jahren die Morde des Attentäters. Ab 19 Uhr schließlich sprechen weitere Angehörige.

Vor Ort ist die Zahl der Sitzplätze coronabedingt begrenzt. Der erste Gedenkakt wird ab 12.45 Uhr im Bayerischen Fernsehen live übertragen. Sämtliche Veranstaltungen werden live im Internet auf BR24 zu sehen sein. Die Fahnen wehen am Donnerstag in ganz Bayern auf Halbmast. wet

Hinweis der Redaktion: In einer früheren Fassung war als Tag des Münchner Oktoberfest-Attentates versehentlich der 29. September 1980 angegeben - der rechtsextreme Terroranschlag war am 26. September 1980 verübt worden.

© SZ vom 22.07.2021/berk
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Andreas Müller-Cyran ist Psychologe und hat in den chaotischen Stunden des OEZ-Attentats vor fünf Jahren Krisenintervention geleistet. Ein Gespräch darüber, was Menschen in Extremsituationen brauchen.

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