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Anschlag in München:Bundesanwaltschaft stellt Ermittlungen zum Oktoberfestattentat ein

Ort des Gedenkens: das Mahnmal auf der Münchner Theresienwiese zur Erinnerung an das Oktoberfest-Attentat vom 26. September 1980. Der Anschlag kostete 13 Menschen das Leben.

Ort des Gedenkens: das Mahnmal auf der Münchner Theresienwiese zur Erinnerung an das Oktoberfest-Attentat vom 26. September 1980. Der Anschlag kostete 13 Menschen das Leben.

(Foto: Stephan Rumpf)

1008 Zeugen befragt, 888 Hinweise überprüft, 300 000 Seiten Akten durchflöht. Doch trotz aller Akribie wissen die Ermittler nur in einem Punkt wirklich mehr: Es war ein rechtsextremer Terrorakt.

Von Annette Ramelsberger

Alles ging sehr schnell damals, am 26. September 1980. Abends um 22.19 Uhr war die Bombe am Eingang des Oktoberfestes explodiert. 13 Menschen riss sie in den Tod, verletzte mehr als 200 schwer. Es war der folgenreichste Anschlag in der Geschichte der Bundesrepublik. Doch schon am nächsten Morgen versiegelten Arbeiter den Bombenkrater mit Teer, um 11 Uhr wurde wieder Bier ausgeschenkt. Ähnlich schnell ging es bei den Ermittlungen. Bereits vier Monate später wurden wichtige Asservate entsorgt.

Für die Polizei stand nach kurzer Zeit fest: Der Attentäter war der junge, von Liebeskummer und Lebensfrust gebeutelte Student Gundolf Köhler, der gerade durch eine Prüfung gefallen war. Ein Waffennarr, ja. Einer, der bei der rechtsextremen Wehrsportgruppe Hoffmann trainiert hatte, ja. Einer, der ein Hitlerbild überm Bett hängen hatte, ja. Aber all dem maßen die Ermittler keine besondere Bedeutung zu. Die Bundesanwaltschaft kam damals zu dem Schluss: Die Tat war nicht politisch inspiriert. Die Motive für das Attentat seien in erster Linie persönlicher Natur.

Nun, nach fast 40 Jahren, hat sich diese Einschätzung grundlegend geändert. Die Bundesanwaltschaft ist sich sicher: Köhler war nicht von Liebeskummer getrieben, sondern von rechtsradikaler Ideologie. Er war ein Gesinnungstäter. "Der Täter hat aus einer rechtsextremistischen Motivation heraus gehandelt", sagte ein hoher Ermittler der Süddeutschen Zeitung. "Gundolf Köhler wollte die Bundestagswahl 1980 beeinflussen. Er strebte einen Führerstaat nach Vorbild des Nationalsozialismus an." Deswegen habe er die Bombe auf dem Oktoberfest gelegt.

Das ist das Ergebnis, das wichtigste, der fünfeinhalb Jahre dauernden neuen Ermittlungen, die durch die spektakuläre Wiederaufnahme des Falls im Jahr 2014 ermöglicht worden waren. Und diese Erkenntnis ist gleichzeitig auch ihr Schlusspunkt. Nach Informationen der SZ stellt die Bundesanwaltschaft die Ermittlungen zum Oktoberfestattentat nun ein.

Schon 1980 hatte die Polizei Hinweise darauf, dass Köhler und zwei Freunde vor der Tat immer wieder darüber geredet hatten, dass man Bomben in verschiedenen deutschen Großstädten legen müsste, auch auf dem Oktoberfest. Dann müsse man das den Linken in die Schuhe schieben, so habe der CSU-Vorsitzende Franz Josef Strauß, damals Kanzlerkandidat der Union, größere Chancen, tatsächlich gewählt zu werden. Es war die Zeit der RAF, der Rote-Armee-Fraktion und ihrer Mordanschläge gegen Politiker und Wirtschaftsführer, das Szenario war nicht lebensfremd. Nur ein paar Tage nach dem Anschlag auf das Oktoberfest stand die Bundestagswahl an. "Es war kein Amoklauf ohne Sinn und Verstand", sagt ein Ermittler.

Einer der zwei engen Freunde Köhlers hatte damals Ermittlern von der Diskussion mit Köhler berichtet, der andere konnte sich an ein solches Gespräch nach eigener Aussage nicht erinnern. Dieser Mann studierte Jura und hatte sich in seinem Lehrbuch den Passus "Nichtanzeige einer Straftat" angestrichen. Ein Indiz, aber kein Beweis für eine Verstrickung in die Tat.

Die Bundesanwaltschaft hat die beiden Freunde erneut befragt, sie hat auch die Wohnung von Köhlers Bruder vor zwei Jahren durchsucht. Er hatte sich Aufzeichnungen gemacht über ein Gespräch mit Köhlers Juristenfreund. Der hatte ihm berichtet, der spätere Attentäter habe ihm vor der Tat die Granate gezeigt, aus der er die Bombe gebaut hatte. Alles deutet darauf hin, dass die Freunde mehr wussten, als sie zugaben. Doch die Ermittler gehen davon aus, dass die beiden Köhler nicht ernst genommen haben. Zumindest ist ihnen nicht mehr nachzuweisen.

Ähnlich kompliziert verlief die Suche nach möglichen Hintermännern. "Wir haben keine zureichenden, tatsächlichen Anhaltspunkte für die Beteiligung weiterer Personen als Mittäter, Anstifter oder Gehilfen bei der Tat", sagen die Fahnder. "Aber ausschließen kann man es nicht." Trotz der Vernehmung von 1008 Zeugen und Opfern, trotz der Überprüfung von 888 Spuren, trotz der Sichtung von 300 000 Seiten Akten von Verfassungsschutz, BND, Bundeskriminalamt und der Erkenntnisse, die die Staatssicherheit der DDR hatte - es fand sich keine ernsthafte neue Spur. Obwohl die Ermittler tief in die Siebzigerjahre einstiegen und auch in Hunderten Akten zur rechtsradikalen Wehrsportgruppe Hoffmann blätterten, bei der Köhler trainiert hatte, und die vom Verfassungsschutz beobachtet, aber als ungefährlich bezeichnet worden war. Franz Josef Strauß selbst hatte über die Wehrsportgruppe gesagt, man solle Männer, die mit einem "Battle-Dress" und Koppel im Wald spazieren gehen wollen, einfach in Ruhe lassen.

Die Ermittler vernahmen alle Mitglieder, die noch lebten. Die stritten alles ab, auch Karl-Heinz Hoffmann, der Anführer. Zwei Monate nach dem Anschlag hatte ein Mitglied der Wehrsportgruppe einen jüdischen Verleger und dessen Lebensgefährtin in Erlangen erschossen. Mehrere Zeugen hatten auch Köhler in Begleitung junger Männer in Flecktarn gesehen. Einer hatte sich bei einem Barkeeper gebrüstet: "Wir waren das." Er meinte das Attentat. Doch diese Spuren führten nicht weiter.

Die Ermittler der Soko "26. September" haben auch 2600 Fotos überprüft, die Münchner nach einem öffentlichen Aufruf aus ihren Schubladen gekramt haben - in der Hoffnung, dass sich daraus Hinweise auf Hintermänner ergeben. Mit diesen Bildern wurde eine Art Zeitmaschine gefüttert, die im Keller des bayerischen Landeskriminalamts steht. Per Virtual Reality kann man sich zurückbeamen in das Jahr 1980, zum 26. September, zwei Minuten vor dem Attentat. Dieser virtuelle Tatort wurde rekonstruiert mithilfe der Aussagen von Verletzten, Überlebenden, Davongekommenen. Angereichert mit alten Luftbildern und Landkarten. Man sieht darin, wie sich ein Mann mit einer schweren Tüte über einen Metallpapierkorb beugt, Sekunden vor der Tat. Allein.

Auch Werner Dietrich, Anwalt vieler Opfer, nennt die Ermittlungen sehr gründlich und kompetent. Doch der Aufwand konnte die Fehler der Vergangenheit nicht heilen. Schon im Februar 1981 wurden wichtige Spuren zerstört, 48 Zigarettenkippen, die in Köhlers Auto gefunden wurden. Sie hätten Hinweise auf Begleiter geben können. 1997, als es die DNA-Analyse längst gab, folgten die letzten Asservate, darunter das Fragment einer Hand. Aus diesem Leichenteil wurde immer wieder geschlossen, dass es noch einen weiteren Täter gegeben haben muss. Die Bundesanwaltschaft geht seit Langem davon aus, dass diese Hand Köhler bei der Explosion abgerissen wurde. Selbst wenn nicht: Der Mensch, dem die mit mehr als 1000 Grad verbrannte Hand gehörte, hätte die Verletzung nicht überlebt. Hinweise auf einen solchen Schwerverletzten haben sich zerschlagen. Wäre damals nicht alles so schnell vernichtet worden, man hätte heute die Chance, die nie endenden Zweifel zu beseitigen.

© SZ vom 08.07.2020/mmo/cat
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