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Interview am Morgen: Nockherberg:"Die Geschichten vom Scheuer Andi sind mir ein bissl zu kurz gekommen"

Fastenprediger allein auf dem Nockherberg

Maxi Schafroth trat vor zwei Jahren zum ersten Mal als Fastenredner auf dem Nockherberg auf.

(Foto: dpa)

Der Kabarettist Maxi Schafroth hält am Freitag die Fastenrede auf dem Nockherberg - vor einem leeren Saal. Ein Gespräch über fehlende Lacher, lange Haare und die Hauptdarsteller des Jahres.

Interview von Franz Kotteder

In diesem Jahr ist er so etwas wie der Rufer in der Wüste: Fastenprediger Maxi Schafroth, 35, wird seine Rede auf dem Nockherberg heuer vor einem leeren Saal, aber live im Bayerischen Fernsehen halten. Am kommenden Freitag um 20 Uhr wird sie übertragen, ohne Publikum und ohne darauffolgendes Singspiel. Einen vergleichbar spartanischen Salvatoranstich hat es bislang auf dem Nockherberg noch nicht gegeben.

SZ: In diesem Jahr ist auch auf dem Nockherberg vieles anders. Wir sehen alle etwas struppiger aus und haben an Gewicht zugelegt, oder?

Maxi Schafroth: Ja! Dieses Jahr werde ich auf der Bühne auch mit dem Ranzen-Effekt spielen. Und ich habe zu meinen Musikern gesagt: "Wehe, einer von euch rennt zum Friseur oder schneidet sich irgendein Haar im Gesicht ab!" Ich finde, wir müssen so zugewachsen ausschauen wie der Eremit im Simplicissimus von Grimmelshausen. Wir sind alle gefangen in derselben Situation, und es bleiben nur noch der Humor und eine gewisse Hoffnung.

Musiker sind also auch dabei?

Ja, die spielen ja auch sonst in meinen Programmen mit. Wenn man eine Stunde lang nur redet, dann besteht die Gefahr, dass es einfach kopfig wird. Mit der Musik kann man die Leute noch einmal ganz anders berühren. Sonst wird es leicht ein bisschen trocken ...

... "trocken" ist gar nicht gut, beim Salvatoranstich.

Genau. Aber ich baue mir das schon so hin, dass ich mich wohlfühle, und dann fühlt man sich auch daheim im Wohnzimmer wohl.

Wie probt man so etwas eigentlich? Im Saal?

Proben mit Hygienekonzept ist lustig. Das ist, wie wenn man als Erwachsener mit Schwimmflügeln baden geht oder mit einem Kinderschwimmreifen (lacht). Am Freitag haben wir das erste Mal im Saal geprobt, sonst in einem riesigen Konferenzraum, alles quasi mit PCR und Schnellabstrich. Mei, das geht schon. Man hat sich die letzten Monate ja doch auch an eine gewisse körperliche Grunddistanz gewöhnt.

Wie kann eine Fastenpredigt unter solchen Umständen funktionieren?

Es wird anders sein, klar, aber die Sendung ist ja auch ein bisschen das Herstellen von Normalität und Tradition. Und gerade wenn per Verordnung so schön durchregiert wird, ist es umso notwendiger, dass man den Spiegel vorhält. Die Themen sind da, der innere Antrieb ist da und der Grant, und auch der Spaß, Freude zu spenden.

Wie ist das, wenn man eigentlich Lacher erwarten würde, und die kommen nicht, weil niemand im Saal ist?

Da kann ich nur sagen: Man geht damit um! Wir tun nicht so, als ob alles normal wäre, überhaupt nicht. Das ist gerade die Aufgabe, mit der Realität umzugehen. Vielleicht hilft mir da auch, was ich das letzte Jahr bei der NDR-Satiresendung Extra 3 ohne Publikum gemacht habe. Man bleibt da witzigerweise mehr bei sich, man schätzt das Tempo selber ab, das ist, wie wenn man ohne Tacho mit dem Auto fährt.

Interview am Morgen

Diese Interview-Reihe widmet sich aktuellen Themen und erscheint von Montag bis Freitag spätestens um 7.30 Uhr auf SZ.de. Alle Interviews hier.

Kann es sein, dass Sie diesmal frecher sind in Ihrer Rede, weil keines Ihrer Opfer im Saal sitzt?

Kaum. Das war für mich ja eine neue Erfahrung beim Nockherberg: Man wird durch diese diebische Schadenfreude, die das Publikum in den hinteren Reihen hat, total bestärkt. Es fühlt sich an, als hätte man einen Querschnitt der Gesellschaft im Genick, auch wenn auf dem Nockherberg kein Querschnitt der Gesellschaft vor einem sitzt, aber man fühlt die Leute daheim vorm Fernseher. Es ist eine sehr besondere Dynamik, und das werde ich vermissen.

Geht das dann überhaupt ohne Reaktion des Publikums?

Es ist dieses Mal schon schwierig. Wenn man eine klassische Kabarettpointe zehnmal vor sich hinsagt, dann findet man sie nicht mehr lustig. Es kommt gelegentlich vor, dass ich was hinschreibe, weil ich es lustig finde, und wenn ich's zum 20. Mal lese, denke ich mir: "Na ja, das streiche ich raus." Da muss ich mich dann manchmal fast dran erinnern, dass ich's witzig fand. Wenn ich aber auf die Bühne gehe und die Leute lachen, dann ist das die Bestätigung, dass mein Gefühl richtig war. Und das ist dieses Jahr etwas, mit dem ich ganz anders umgehen muss, klar. Aber wenn's mir Spaß macht, überträgt sich das auch auf die Leute daheim.

Im vergangenen Sommer haben Sie Autokabarett auf einer Wiese beim Bauernhof Ihrer Eltern gemacht. Das war sicher nicht weniger absurd, oder?

Ja, das war sehr absurd. Aber ich hatte mir gesagt: Man muss was machen. Natürlich stehe ich gerne im Rampenlicht und empfinde logischerweise ein Wohlgefühl bei diesem Zuspruch. Wenn ich Autokabarett mache und stelle fest, in zwei Wochen sind 2000 Tickets weg, dann denke ich mir: "Super! Der Beruf ist noch da, die Struktur ist noch da, der Spaß ist noch da."

Inhaltlich dürfen Sie nichts verraten. Aber können Sie sagen, wer 2020 Ihr schärfster Konkurrent in Sachen Realsatire war?

Ich musste sehr lachen, als ich mir die letzte Rede noch mal angesehen habe: Da ging's dauernd um den Scheuer Andi (lacht). Das ist unglaublich, wie der von den Titelseiten verschwunden ist. Überhaupt: Welche Leute von der Pandemie auch profitiert haben. Aber man muss aufpassen, dass man sich nicht an denen abarbeitet, wo es zu leicht ist. Interessanter ist es, wenn man etwas hat, wo die Leute sagen: "Aha, da hat er was auf den Punkt gebracht." Das ist die schwieriger zu erarbeitende Pointe. Bei 50 Minuten muss man einen Bogen haben, eine Dramaturgie. Das wird heuer fließender, erzählerischer. Aber die Geschichten vom Scheuer Andi, die bringe ich schon noch mal ein bisschen aufs Tapet, denn das ist mir ein bissl zu kurz gekommen die letzten zwölf Monate.

© SZ vom 02.03.2021/sonn, van
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