Kinderbuch:Wie man Worte greifbar macht

Lesezeit: 4 min

Helmut Spanner

Die Buntstifte und Aquarellfarben liegen in seiner Schwabinger Altbauwohnung immer griffbereit: Helmut Spanner am Zeichentisch.

(Foto: Volker Derlath)

Kleine Kinder erfahren die Welt vor allem durchs Anfassen. Vor mehr als 40 Jahren entwarf Helmut Spanner deshalb Pappbilderbücher, die das Verstehen vereinfachen. Besuch bei einem, dessen Werke seit Generationen die frühkindliche Wahrnehmung prägen.

Von Barbara Hordych

Für sehr viele Menschen sind Helmut Spanners Bilderbücher der Einstieg in die Welt der Sprache und der Literatur. Aber die wenigsten von ihnen können sich daran erinnern - bis sie selbst wieder Kinder haben oder sich mit der Erziehung von Kleinkindern beschäftigen. Und aufs Neue erleben, wie Zwei- und Dreijährige Spanners Pappbilderbücher wie "Erste Bilder - Erste Wörter" oder "Ich bin die kleine Katze" in die Hände nehmen. Fasziniert betrachten sie die robusten Seiten mit den farbigen dreidimensionalen Abbildungen von Tasse und Löffel, Semmel und Banane, entdecken die realen Gegenstände in ihrer Umgebung wieder - und stellen die Verbindung zwischen beidem her.

Der in Augsburg geborene Schöpfer dieser Bücher, die mit zwölf Millionen verkauften Exemplaren (und vermutlich noch viel mehr "Lesern") seit 40 Jahren Bestseller in Kinderzimmern sind, wird an diesem Freitag 70 Jahre alt. Der quirlige und sehr kommunikative Jubilar lädt einige Tage zuvor gemeinsam mit seiner Frau Christine zu einem Kaffee auf Abstand in seiner weitläufigen Altbauwohnung in der Türkenstraße.

Die Akademie der Bildenden Künste, an der Spanner in den 1970er-Jahren Kunsterziehung studierte, ist nur einen Steinwurf entfernt. Und die Grundschule nebenan ist zwar nicht diejenige, an der seine Frau Christine unterrichtete. Doch sie halten Spanners lebenslanges Thema präsent: Die Frage von Wahrnehmung und Spracherwerb und wie das eine mit dem anderen zusammenhängt.

Spätestens seit Spanner als junger Akademiestudent zwecks Bilderbuchanalyse in die Kindergärten gegangen ist, wurde ihm klar: "Die Kinder kommen von der Greiferfahrung, sie kommen über die Hände. Das heißt, die taktile Wahrnehmung ist wichtig, denn sie ist eine Vorstufe der abstrakten visuellen Wahrnehmung." Kinder erlernen durch Fühlen und Greifen Wahrnehmung - "sie begreifen im wörtlichen Sinn", erklärt Spanner. Deshalb holen seine Pappbilderbücher die Kinder "dort ab, wo sie mit zwei Jahren stehen." Mit ihnen lerne das Kind die Gegenstände, die es bisher nur aus der Realität kenne, in der Welt des Bildes wiederzuerkennen.

Kinderbuch: Das Bilderbuch "Ich bin die kleine Katze" ist in den letzten Jahrzehnten wohl durch viele Kinderhände gegangen.

Das Bilderbuch "Ich bin die kleine Katze" ist in den letzten Jahrzehnten wohl durch viele Kinderhände gegangen.

(Foto: Ravensburger Verlag)

"Es ist eine platte Welt. Denn was früher eine Tasse war, in die das Kind reingreifen konnte, taucht jetzt im Buch auf. Hier kann es aber nicht mehr reingreifen. Es kann die Tasse auch nicht mehr umfassen. Das Kind muss also das Bildzeichen völlig neu lernen. Deshalb sind die Sachen in meinen Pappbilderbüchern reduziert", sagt Spanner. Besagte Tasse zeichne er ohne irgendwelche Muster. "Weil ein Kind sonst die Muster mit der Tasse mitlernen würde. Das führt dann später im schlimmsten Fall zu Sofas mit Blumenmuster", sagt er und lacht.

Wichtig sei es, das Wesentliche an den Gegenständen in der Dreidimensionalität zu betonen und das wegzulassen, was nicht nötig sei. Umgekehrt müsse das, was funktional zur Tasse gehöre, unbedingt im Bild vorhanden sein. "Die Wandung etwa, man muss sehen, dass es reingeht und man etwas hineintun kann. Und der Henkel, der ist natürlich wichtig von der Funktion her, damit man sich die Finger nicht verbrennt. Das ist geistig das Wichtige an der Tasse. Alles andere ist austauschbar."

Kinderbuch: Das Buch "Erste Bilder - Erste Worte" ist in den vergangenen 40 Jahren zum Klassiker geworden.

Das Buch "Erste Bilder - Erste Worte" ist in den vergangenen 40 Jahren zum Klassiker geworden.

(Foto: Ravensburger Verlag)

Was so einleuchtend klingt und farblich noch schöner leuchtet in Rot und Gelb, Grün und Orange in den von ihm gezeichneten Pappbilderbüchern, begann 1977 mit der Veröffentlichung von "Meine ersten Sachen" im Ravensburger Verlag. Noch als Student war er nach Ravensburg gefahren, um dem Verlagsgründer Otto Maier rundheraus zu erklären: "Wissen Sie eigentlich, dass Sie Bilderbücher rausbringen, die die Kinder gar nicht erkennen?".

Zu diesem Schluss war er durch seine Recherchen in der Kindergarten-Praxis gekommen - viele Pappbilderbücher waren so gehalten, dass es den Kindern schwer fiel, mit den abgebildeten Gegenstände etwas anzufangen. Seine Äußerung damals sei schon "recht frech" gewesen, sagt Spanner im Rückblick. Doch Maier ließ ihn machen - und das Ergebnis sprach für sich.

Freilich war damals das Verlagsprogramm Bilderbuch noch ganz schmal, heute umfasse es dagegen ein Vielfaches, gibt Spanner zu bedenken. Sein Bilderbuchkollege Ali Mitgutsch, der in derselben Straße wohnt, habe einmal zu ihm gesagt: "Helmut, ich habe das goldene Zeitalter erlebt, du das silberne, und jetzt kommt das blecherne", zitiert Spanner. Dem Wimmelbuch-Autor Mitgutsch hätten er und die nachfolgenden Autoren übrigens viel zu verdanken, sagt Spanner. "Denn er war es, der damals bei dem Verlag durchsetzte, als Autor am Verkauf der Auflage prozentual beteiligt zu werden. Bis dahin war es üblich gewesen, sich das Werk mit einem Vertrag komplett abkaufen zu lassen."

Gemeinsam mit Dominik Graf komponierte er auch zahlreiche Filmmusiken

Der Erfolg des Buchs ermutigte ihn dazu, sein kurzes Intermezzo als Kunsterzieher am Gymnasium aufzugeben. Während des Studiums waren er und einige Kommilitonen noch beseelt von dem Wunsch gewesen, "einmal bessere Lehrer" sein zu wollen, hatten sogar gemeinsam die "Gruppe Bilderbuch" gegründet. Doch die Praxis an der Schule enttäuschte ihn. Ebenso wie ihn die Reaktion seines Vaters enttäuschte, der ihn sofort enterbte, als er ihm seinen Entschluss mitteilte. Seine Frau Christine allerdings, mit der er seit 45 Jahren - kinderlos - verheiratet ist, unterstützte ihn.

"Mein Vater spielte selber Geige und zeichnete hervorragend. Doch so, wie er nach dem Krieg gezwungen war, ein Fuhrunternehmen zu übernehmen, verlangte er auch von seinem Sohn, auf eine Ausübung seiner Talente als freier Künstler zu verzichten." Die Väter dieser Kriegsgeneration hätten nie gelernt, über ihre Erlebnisse zu sprechen, meint Spanner. "Sie hatten einfach keine Worte dafür." Eine Erfahrung, über die er sich häufiger mit dem Regisseur Dominik Graf austauschte, mit dem er früher gemeinsam das musische Gymnasium in Marktoberdorf besuchte.

"Dominik flog zwar bald von der Schule und wechselte auf ein Privatgymnasium. Aber Jahre später trafen wir uns zufällig wieder, und er fragte mich, ob ich mit ihm zusammen die Musik für seine Filme komponieren wollte", sagt Spanner. Im Verlauf von zehn Jahren entstanden die Filmmusiken für zahlreiche "Fahnder"-Folgen, für den Jubiläums-Tatort "Frau Bu lacht" und für das große Kinoprojekt "Die Sieger".

Während er sich in musikalischer Hinsicht immer weiterentwickelt habe, sei er seiner künstlerischen Auffassung in puncto Bilderbuch immer treu geblieben. "Warum sollte ich etwas ändern?" Schließlich beginne auch nach vierzig Jahren jedes Kind immer noch mit denselben Schritten.

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