Ärzteversorgung in München:Wenn der Wohnort über die Gesundheit entscheidet

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Kinderarzt-Versorgung im Münchner Norden. Behandlungssituation mit Kinderarzt Philip Wintermeyer und seinem Sohn Benedikt (gestellt). Abhören.

Kinderarzt-Versorgung im Münchner Norden (Symbolbild)

(Foto: Florian Peljak)

Obwohl München als überversorgt gilt, finden Menschen in Randbezirken oft keinen Kinder- oder Hausarzt. Der Stadtrat spricht von Ungleichheit und will das ändern - nur wie könnte das gehen?

Von Ekaterina Kel

Kein Arzt in der Nähe, der sich um das kranke Kind kümmern kann? Dann fährt man eben 30 Minuten mit dem Auto durch die Stadt. So lautet der offizielle Standpunkt der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns (KVB), wenn es um das Dauerthema Ärztemangel in München geht. Aus Sicht der KVB gibt es keinen Mangel, im Gegenteil. München gilt laut Bedarfsplanung als "überversorgt", mit einem aktuellen Versorgungsgrad von 114,97 Prozent Hausärzten gerechnet nach Einwohnerzahl. Und die Erreichbarkeit von Ärzten sei mit einer halben Stunde Autofahrtzeit ausreichend gegeben.

Das Problem ist nur, dass diese Sicht eine offensichtliche Tatsache außer Acht lässt: Münchner, die in Randbezirken wohnen, und Münchner, die im Zentrum wohnen, erleben vollkommen unterschiedliche Realitäten. Während beispielsweise im Lehel 176 Einwohner auf einen Hausarzt kommen, sind es in Hadern, dem Bezirk mit der ältesten Bevölkerung in der ganzen Stadt, dreizehnmal so viele, nämlich 2370.

Bei den Kinderärzten ist die Ungleichheit genauso scharf ausgeprägt: So kommen in Schwabing-Freimann 898 Patienten auf einen Kinderarzt, in Milbertshofen-Am Hart 11 450. "Die sozioökonomische Lage hat sowohl auf die Bildungs- als auch auf die Gesundheitssituation einen Einfluss", sagt Gesundheitsreferentin Beatrix Zurek (SPD), dies sei "eine traurige Feststellung".

Das Problem ist seit Jahren bekannt, doch es ändert sich nichts

Das Thema sei seit Jahren bekannt "und es brennt", sagte Stadträtin Kathrin Abele (SPD) bei der digitalen Sitzung des Gesundheitsausschusses am Donnerstag. Die ungleiche Verteilung der Ärzte sei ein lang bekannter "Missstand", monierte Alexandra Gaßmann (CSU), es könne nicht sein, dass einzelne Bezirke schlechter aufgestellt seien, einfach nur weil sie am Rand lägen. Als ein "wirklich großes Ärgernis" empfindet die Situation auch der Fraktionsvorsitzende der Linken/Die Partei Stefan Jagel: "Dort, wo es jetzt schon angespannt ist, wird sich die Lage in Zukunft noch einmal zuspitzen."

Stadträtin Sonja Haider (ÖDP) kritisierte außerdem die Auffassung der KVB, dass 30 Minuten Fahrtzeit mit dem Auto zum nächsten Kinderarzt völlig in Ordnung seien. Dies sei in einer Großstadt wie München und im Hinblick auf die Klimawende nicht zeitgemäß. Besonders viele Einwohner der Randbezirke hätten kein eigenes Auto und wohnten in Lagen, in denen es keine ausreichend gute Nahverkehrsanbindung gebe, heißt es außerdem in der Beschlussvorlage vom Gesundheitsreferat. Diese Einschätzung sei also "völlig realitätsfern", sozioökonomische Gegebenheiten seien "nur unzureichend berücksichtigt".

Dass die Isarvorstadt oder die Maxvorstadt bei der Berechnung, wie viele Kinder auf einen Arzt kommen, auch eher schlecht weggekommen, fällt weniger ins Gewicht, da die Familien im Zentrum weiterhin gut an andere Viertel angebunden sind und somit Zugang zu mehr Ärzten haben. Die schnelle Erreichbarkeit der Ärzte sei außerdem für die ältere, nicht sehr mobile Bevölkerung von besonderer Bedeutung, betonte Seniorenbeirätin Ingrid Seyfarth-Metzger.

Viertel, in denen viele sozial Bedürftige leben, sind besonders schlecht versorgt

Besonders betroffen von der Ungleichverteilung seien Stadtbezirke "mit größeren sozialen Herausforderungen" wie Milbertshofen-Am Hart, Feldmoching-Hasenbergl sowie der Stadtteil Messestadt Riem, heißt es vom Gesundheitsreferat. Dort, wo der Anteil an Arbeitslosen- und Sozialgeld-Empfängern oder an Menschen mit Migrationshintergrund vergleichsweise hoch sei. Besonderes Augenmerk gilt auch dem Stadtteil Freiham, wo ein Neubaugebiet mit mehr als 25 000 Bewohnern geplant ist. Dort werde ein hoher Anteil von gefördertem Wohnraum entstehen, deshalb sei zu befürchten, dass das Interesse der Ärzteschaft "eher geringer" sein werde, ihre Praxis dorthin zu verlegen. Denn angesichts hoher Mietkosten sei eine Praxis mit hohem Anteil von gesetzlich versicherten Menschen kaum wirtschaftlich zu führen.

Es muss sich was ändern, darüber sind sich alle Fraktionen im Stadtrat einig. Nur wie? Gespräche mit der KVB hätten seit Jahren nichts gebracht, sagt die Dritte Bürgermeisterin Verena Dietl (SPD): "Wir appellieren, wir fordern, und trotzdem verbessert sich die Situation nicht." Die Stadt gilt als überversorgt, neue Arztsitze bekommt sie also nicht. Ärzte haben grundsätzlich freie Entscheidung bei der Frage, wo in der Stadt sie sich ansiedeln.

Dietl will nun den Druck auf die KVB erhöhen. "Mir ist es ein wichtiges Anliegen, die Planung in Zukunft der Realität einer Großstadt anzupassen", so die Bürgermeisterin. Sie setzt weiterhin auf Gespräche mit der Kassenärztlichen Vereinigung und wirbt für eine Änderung der Bedarfsrichtlinien auf Bundesebene. Die Stadt könne aber auch selbst etwas tun und etwa Medizinische Versorgungszentren unterstützen - bisher sind aber jegliche Vorhaben in diese Richtung gescheitert.

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