Verkehr:So hart treffen Bahn- und Lufthansa-Streik München

Verkehr: An diesem Donnerstag wird die Deutsche Bahn erneut bestreikt.

An diesem Donnerstag wird die Deutsche Bahn erneut bestreikt.

(Foto: Robert Haas)

Sowohl Lokführer als auch das Bodenpersonal am Flughafen legen am Donnerstag die Arbeit nieder. Manche Reisende sind in München gleich von beiden Streiks betroffen. Wie die Lage an Hauptbahnhof und Flughafen ist.

Von Nicolas Friese und Leon Lindenberger

Um halb elf muss Pierre Daen in Belgien sein, für die Beerdigung eines guten Freundes. Um kurz nach acht steht er am Donnerstagmorgen aber noch am Münchner Hauptbahnhof, reisefertig in schwarzer Regenjacke und mit seinem Koffer. Erst heute Nacht kam der 64-Jährige mit dem Flugzeug aus Thailand in München an. Sein Anschlussflug konnte jedoch nicht starten. Denn nicht nur bei der Deutschen Bahn (DB), sondern auch bei der Lufthansa wird von diesem Donnerstag an gestreikt.

Auf eigene Kosten kaufte sich Daen dennoch ein Bahnticket. Ob er das Geld von der Fluggesellschaft zurückbekommt, weiß er nicht. Und auch nicht, ob sein Zug nach Brüssel überhaupt fährt. Die Nachricht vom Tod seines Freundes hat Daen in Bangkok überraschend erreicht. "Ich muss nach Hause", sagt er resigniert, auf Englisch mit belgischem Akzent. Rechtzeitig wird er es nun nicht mehr zur Beerdigung schaffen, das ist inzwischen klar.

Die Eisenbahnergewerkschaft GDL hat von Donnerstagfrüh bis zum frühen Freitagnachmittag, 13 Uhr, zum Streik aufgerufen. Knackpunkt ist weiterhin die Forderung nach einer 35-Stunden-Woche im Schichtdienst.

Verkehr: Pierre Daen aus Belgien wollte eigentlich nach Hause fliegen.

Pierre Daen aus Belgien wollte eigentlich nach Hause fliegen.

(Foto: Robert Haas)
Verkehr: Miroslawa Wasilewski war für einen Kurzurlaub in München.

Miroslawa Wasilewski war für einen Kurzurlaub in München.

(Foto: Robert Haas)

Miroslawa Wasilewski wohnt seit vielen Jahren in der kanadischen Hauptstadt Ottawa. Mit einem großen Koffer kam sie vor ein paar Tagen nach München. Kurzurlaub. "Früher habe ich mal in Deutschland gewohnt, seit ich nach Kanada gezogen bin, bin ich immer nur noch auf Durchreise hier", sagt sie am Hauptbahnhof.

In dicke Jacken gehüllt steht sie am falschen Gleis. Glaubt man dem Papier in ihrer Hand, sollte hier in drei Minuten ihr Zug nach Berlin abfahren. Von dort muss die 68-Jährige weiter nach Polen. In der Nähe von Stettin liegt ihre Mutter im Krankenhaus, die will sie besuchen. Gerade noch rechtzeitig findet sie ihren Zug auf der Anzeigetafel. Der fährt unter einer anderen Nummer, von einem anderen Gleis.

Verkehr: Anna Linsel wartet am Hauptbahnhof auf ihre Mitschüler.

Anna Linsel wartet am Hauptbahnhof auf ihre Mitschüler.

(Foto: Robert Haas)

Am Münchner Hauptbahnhof wird heute noch mehr Englisch gesprochen als sonst. Offenbar wissen die Bewohner der Stadt Bescheid, dass hier heute mit Ausfällen zu rechnen ist. Wer doch gekommen ist, ist auf die Situation eingestellt. Das gilt auch für Anna Linsel. Die 18-Jährige wartet auf ihre Mitschüler. Nach Paris soll es gehen, Schüleraustausch. Der Zug nach Mannheim soll fahren, wie es dann weitergeht, ist noch unklar. Zur Sicherheit hat Linsel die S-Bahn aus Eching eine Stunde früher genommen. "Hoffentlich schaffen es die anderen auch hierher."

Notfahrplan bei der S-Bahn

Auf die S-Bahn sind auch Ole Hansen und Fritz Spaeth angewiesen. Die beiden sitzen am Gleis und warten, ihre Rucksäcke neben sich. Beide wohnen in München und arbeiten am Hirschgarten, sie können jede Bahn auf der Stammstrecke nehmen. Heute müssen sie zwar ein paar Minuten länger warten, ankommen werden sie aber bestimmt. "In den Medien höre ich ständig von diesen Streiks, wirklich betroffen war ich bisher aber zum Glück nicht", sagt Hansen. Spaeth ergänzt: "Nervig ist das aber schon sehr." Im Vergleich zu vielen anderen Berufsgruppen hätten die Lokführer doch ganz gute Konditionen.

Mit ersten Einschränkungen war bei der Münchner S-Bahn bereits in der Nacht auf Donnerstag zu rechnen. Diese werden bis Freitagnachmittag andauern. Von 14 Uhr an plant die Bahn dann, nach und nach wieder mehr S-Bahnen einsetzen zu können. Bis zum späten Freitagnachmittag sollen die Linien wieder im 20-Minuten-Takt fahren. Die Linie 20 und die Züge des Zehn-Minuten-Takts sollen aber den gesamten Freitag über entfallen.

Während des Streiks sollen laut DB alle S-Bahn-Linien mindestens im Stundentakt verkehren: Die Linie S1 fährt zwischen Ostbahnhof und Freising im 60-Minuten-Takt und fährt nicht zum Flughafen. Die Linie S2 verkehrt zwischen Markt Schwaben und Dachau alle 20 bis 40 Minuten, auf den übrigen Abschnitten im Stundentakt. Die Linien S3, S4, S6 und S7 verkehren im Stundentakt. Die Linie S8 fährt zwischen Pasing und Flughafen alle 20 Minuten, zwischen Pasing und Germering alle 20 bis 40 Minuten sowie zwischen Germering und Herrsching alle 60 Minuten. Die Linie S 20 entfällt.

In der Nacht von Donnerstag auf Freitag gebe es zudem Bauarbeiten auf der Stammstrecke, warnte die Bahn und riet, nicht notwendige Reisen auf einen anderen Zeitpunkt zu verschieben. Für Fernreisende entfällt die Zugbindung. Fahrgäste können sich auf www.s-bahn-muenchen.de oder in der App München Navigator über ihre Verbindung und auf www.s-bahn-muenchen.de/aktuell über die aktuelle Betriebslage informieren.

Verkehr: Die S-Bahnen fahren während des Streiks nach einem Notfahrplan.

Die S-Bahnen fahren während des Streiks nach einem Notfahrplan.

(Foto: Robert Haas)

Am Flughafen fallen viele Flüge aus

Auf der Anzeigetafel am Münchner Flughafen steht es am Donnerstagmorgen bereits: "Aufgrund des Streiks findet kein regulärer Flugverkehr statt." Die geplanten Verbindungen werden zwar angezeigt, daneben steht jedoch bei allen "Check-In".

Rael Siim mustert die Anzeigetafel. "Check-In" stehe dort schon seit Stunden, sagt sie. Die Estländerin ist in München gestrandet - vorerst zumindest. "Ich bin auf dem Heimweg nach Tallinn", sagt sie. Von Bali sei sie über Singapur nach München geflogen. "In Singapur habe ich vom Streik erfahren." Nun muss die 29-Jährige ein paar Stunden am Münchner Flughafen verbringen, bis am frühen Nachmittag ihr Flug nach Tallinn geht. Sie sagt, sie habe von der Lufthansa zwei Möglichkeiten bekommen: Bis Samstag in München bleiben oder mit einer finnischen Fluggesellschaft am gleichen Tag nach Tallinn fliegen. "Ich habe mich sofort für den Flug am selben Tag entschieden."

Die Gewerkschaft Verdi hat das Bodenpersonal der Lufthansa bis Samstagmorgen zum Streik aufgerufen. Laut einem Sprecher des Flughafens entfallen allein am Donnerstag etwa 500 der 800 für den Tag geplanten Flüge. Für Freitag sei mit einer ähnlichen Quote zu rechnen. Der Warnstreik betrifft in München hauptsächlich das Terminal 2, das von der Lufthansa mitbetrieben wird. Am Terminal 1 ist die Lufthansa nicht beteiligt, sodass dort der Flugbetrieb weniger beeinträchtigt ist.

Verkehr: Am Donnerstag fallen am Münchner Airport etwa 500 der 800 für den Tag geplanten Flüge aus.

Am Donnerstag fallen am Münchner Airport etwa 500 der 800 für den Tag geplanten Flüge aus.

(Foto: Sven Hoppe/dpa)
Verkehr: Der Warnstreik bei der Lufthansa soll noch bis Samstagmorgen andauern.

Der Warnstreik bei der Lufthansa soll noch bis Samstagmorgen andauern.

(Foto: Sven Hoppe/dpa)

Die Lufthansa rechnet während des Streiks auch an ihrem Drehkreuz Frankfurt mit massiven Beeinträchtigungen. Davon ist etwa Thomas Wilke betroffen. Er sitzt am Münchner Flughafen auf einer Bank. Heute hätte er von Frankfurt über Singapur in die neuseeländische Stadt Christchurch fliegen sollen. Als er erfahren habe, "dass am Frankfurter Flughafen alles dicht ist", habe er den Flug umgebucht. Frühmorgens sei er dann mit dem Auto nach München gefahren, "die Bahn streikt ja heute leider auch". Jetzt scheint aber alles zu funktionieren: "Es schaut so aus, als ob man fliegen kann", sagt der Mann aus Hannover. Das Ausmaß des Streiks merke man schon, vor allem an der geringen Anzahl des Personals.

Auch für Belana Horsch hätte es am Donnerstagvormittag von Frankfurt nach Singapur gehen sollen. Als die 21-Jährige von dem Streik erfuhr, buchte sie ihren Flug ebenfalls um. "Von Singapur soll es weiter nach Vietnam gehen", sagt sie. "Ich hatte das Glück, dass mich jemand mit dem Auto zum Münchner Flughafen fahren konnte." Verständnis für den Streik habe sie schon, ärgerlich sei nur, dass er genau auf ihren Reisetag gefallen sei, fügt sie hinzu.

Verdi fordert für die etwa 25 000 Beschäftigten der Lufthansa AG, Lufthansa Technik und Lufthansa Cargo 12,5 Prozent mehr Gehalt und mindestens 500 Euro monatlich, bei zwölf Monaten Laufzeit. Der Warnstreik des Lufthansa-Bodenpersonals begann in den Technikbereichen schon am Mittwochabend und soll bis Samstagmorgen um 7.10 Uhr fortgesetzt werden. Passagierflüge sind vor allem am Donnerstag und Freitag betroffen. In den Flugplänen seien die Streichungen bereits berücksichtigt.

Betroffene Passagiere erhalten per Mail oder in der Lufthansa-App Informationen über Streichungen und Umbuchungsmöglichkeiten. Umbuchungen sind kostenlos, alternativ können sich die Kunden ihre Tickets erstatten lassen.

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