Konsumverhalten:Das Spiel zum Klimaschutz

Unverpackt Laden

Einkaufen im Unverpackt-Laden ist eine der Möglichkeiten, mit denen sich CO₂ einsparen lässt.

(Foto: Nils P. Jørgensen)

Der Landkreis München initiiert einen Wettbewerb, bei dem die Teilnehmer im Oktober und November möglichst viel CO₂ einsparen sollen. Dazu gibt es per App Tipps für verschiedene Lebensbereiche.

Von Angela Boschert

Ob man es noch hören mag oder schon nicht mehr: Die schwerwiegenden Folgen des Klimawandels zeigen sich aktuell europaweit. Doch was kann jeder Einzelne gegen den Klimawandel tun? Jeder Mensch in Deutschland ist laut Umweltbundesamt für den Ausstoß von derzeit etwa 11,2 Tonnen CO₂ im Jahr verantwortlich. Die Pariser Klimaziele sehen vor, das bis zum Jahr 2030 auf maximal 2,5 Tonnen pro Jahr und Person zu reduzieren.

Das ist auch Ziel von Worldwatchers, einem 2020 gegründeten Start-up, das einem "Klimathon"-Wettbewerb als Initiative zur Verbesserung des Klimaschutzes entwickelt hat. Der Landkreis plant ihn als Aktion seiner Klima-Energie-Initiative 29++ für die Zeit vom 4. Oktober bis 14. November. Das Ganze ähnelt dem Stadtradeln, bei dem auch die Bewohner verschiedener Kommunen gegeneinander antreten und sich so gegenseitig motivieren sollen.

Noch laufen die Vorbereitungen im Landratsamt und den elf teilnehmenden Gemeinden Aschheim, Brunnthal, Gräfelfing, Grasbrunn, Hohenbrunn, Höhenkirchen-Siegertsbrunn, Kirchheim, Pullach, Taufkirchen, Unterhaching und Unterschleißheim. Beim "Klimathon 29++" gilt es, sechs Wochen lang in verschiedenen Bereichen auszuprobieren, wie man sich klimaneutraler verhalten kann. "Jeder kleine Beitrag zählt, und die Frage ist, wie viel würde der Einzelne an CO₂ sparen, wenn er das, was er während der einen Klimathon-Woche erprobt hat, in seinem weiteren Leben verfolgt", ist der Klimathon-Erfinder Christoph Kunz überzeugt.

Beim Testen und späteren Umsetzen hilft die von Kunz mitentwickelte App "Klimakompass von Worldwatchers" mit. Einzelpersonen oder auch Teams müssen sie herunterladen und den Aktionscode der Wohngemeinde oder des Landkreises eingeben, falls man in keiner der teilnehmenden Kommunen wohnt. Ist man drin, öffnen sich die sechs Themenfelder, die der Landkreis aus den insgesamt 42 Bereichen ausgewählt hat. In der App gibt zu jedem Themenbereich Hinweise, wie es sich klimafreundlicher leben lässt.

So geht es in Woche eins um Mobilität, also um öffentlichen Nahverkehr, Fahrrad, Fahrgemeinschaften und Elterntaxi. Woche zwei widmet sich dem Bereich Ernährung mit Fragen zu Fleisch- und Getränkealternativen oder Milchprodukten. In Woche drei ist der Schwerpunkt Wohnen mit Themen wie Heizen, Duschen, Waschen und Stromverbrauch. Beim Thema Urlaub in Woche vier kann man im Herbst schon überlegen, wie Anreise, Naherholung, Kultur und emissionsfreie Freizeitaktivitäten aussehen könnten.

Worldwatchers

Das Start-up Worldwatchers hat der Groß- und Außenhandelskaufmann Christoph Kunz zusammen mit Andreas Rennet und Michael Kochs 2020 gegründet, "damit diese Welt auch in Zukunft als Ort des menschlichen Lebens erhalten bleibt". Kunz übertrug das bewährte und leichtverständliche Weight-Watchers-Konzept auf den Klimaschutz und entwickelte den Klimakompass, eine App, mit der jeder Bürger seinen persönlichen CO₂-Fußabdruck in allen privaten Lebensbereichen berechnen kann und motivierende Hinweise erhält: Bei der Erzeugung von einem Kilogramm Butter werden 23,8 Kilogramm CO₂ frei, bei Margarine sind es hingegen nur 1,35 Kilogramm CO₂ im Jahr. Hat man während des Klimathons eine Woche lang Margarine statt Butter aufs Brot gestrichen, kann man sich freuen, 94 Prozent an CO₂-Ausstoß eingespart zu haben. Auch wer einfach mal Leitungswasser statt Mineralwasser trinkt, leiste einen Beitrag, weil keine Kisten mehr transportiert werden müssen, heißt es. Die App bezieht sich immer auf Durchschnittswerte, die aus statistischen Ermittlungen anerkannter Quellen wie etwa Bundesinstitute oder dem Naturschutzbund Nabu stammen. Aktuell laufe die Validierung der Datenbank durch ein unabhängiges Prüfinstitut, betont Kunz, der eine App plant, die zugleich "CO₂-Haushaltsbuch", automatisch erfassender Fitness-Tracker und "Diät-App" ist, "um von unserem CO₂-Übergewicht herunterzukommen". abo

Aus dem heutigen Alltag nicht mehr wegzudenken ist die Digitalisierung, aus deren Bereich in Woche fünf auf E-Mails, Streamingdienste und Cloudnutzung geachtet wird. Man kann zum Beispiel auf datenintensive Downloads verzichten oder sich als "digitalen Frühjahrsputz" aus allen Newslettern austragen. Denn, so Kunz, jedes Daten-Bit löst einen Stromverbrauch aus, der letztlich zum CO₂-Ausstoß beiträgt.

Zum Abschluss geht es in Woche sechs unter dem Schlagwort Shopping um Konsumbewusstsein bei allem, was jenseits von Ernährung gekauft wird. Man kann hinterfragen, ob jeder Kauf notwendig war und in Zukunft durch Second-Hand-Artikel oder recycelte Materialien ersetzt werden könnte. Einfacher ist, beim Einkauf den eigenen Beutel für Gemüse und Obst mitzubringen oder gleich in einen Unverpackt-Laden, etwa in Neubiberg und Unterföhring, zu gehen.

Während des sechswöchigen Wettbewerbs erhält man vielfältige Anregungen zum Ändern seines Verhaltens und testet, ob man das auf Dauer machen möchte. Die Gemeinden bieten Zusatzveranstaltungen zu einzelnen Themen. Hohenbrunn widmet sich gemeinsam mit Höhenkirchen-Siegertsbrunn und voraussichtlich auch Pullach der Mobilität. Hier soll man bei einer Veranstaltung Alternativen wie Pedelecs und E-Bikes testen können.

Aschheim und die Stadt Unterschleißheim beleuchten das Thema Ernährung mit einem Gesundheitstag am 16. Oktober und dem Vortrag "Klimaschutz mit Messer und Gabel" am Abend. Um Wohnen geht es in Unterhaching und Taufkirchen zum Beispiel bei den Vorträgen "Entrümpeln" und "Putzmittel ökologisch herstellen" in Zusammenarbeit mit der örtlichen Volkshochschule. Die Themen Urlaub und Freizeit hat sich Grasbrunn gesichert, die Auseinandersetzung mit Shopping und Konsum vertiefen einzelne Fair-Trade-Steuerungsgruppen des Landkreises.

Nach den Sommerferien werden die Planungen nach Angaben des Landratsamtes konkreter und die Veranstaltungspläne sich füllen. Die Behörde stellt den Gemeinden Flyer und Plakate zur Verfügung und übernimmt mit 309,60 Euro mit Hälfte der Kosten, die jede teilnehmende Gemeinde für die auf ihr Gemeindegebiet angepasste App-Version an Worldwatchers zahlen muss.

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Ottobrunn, Radfahrer am Haidgraben beim Bleamemo, bei dem man Blumen kaufen und auch selbst pflücken kann,

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:Kräftig in die Pedale treten

Am 27. Juni startet das Stadtradeln. Zum ersten Mal nehmen in diesem Jahr alle 29 Städte und Gemeinden im Landkreis München teil. Bis zum 16. Juli sollen möglichst viele Kilometer erstrampelt werden.

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