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Panne im Forschungsreaktor:"Das ist bei einem Atommeiler nicht hinnehmbar"

Forschungs-Neutronenquelle FRM II der TU München in Garching, 2019

Der Forschungsreaktor München II ist immer wieder in der Kritik. Im Bild: das Reaktorbecken (links) sowie das Abklingbecken (rechts).

(Foto: Robert Haas)

Nach einer Panne mit radioaktivem C-14 fordern Grüne und Bund Naturschutz die Stilllegung des Forschungsreaktors München II. Der Betreiber misst dem Vorfall nur eine "sehr geringe sicherheitstechnische Bedeutung" bei.

Nach einem unkontrollierten Austritt von radioaktivem C-14 am Forschungsreaktor München II (FRM II) fordern die Grünen und Umweltschützer einen Betriebsstopp und weitergehende Konsequenzen. Die neue Panne zeige, dass die Betreiber den Reaktor nicht im Griff hätten, sagte Ludwig Hartmann, Sprecher der Grünen-Landtagsfraktion. "Das ist bei einem Atommeiler nicht hinnehmbar", erklärte er. Auch die SPD fordert Konsequenzen: Die Bürger müssten erfahren, wie es zu dem Vorfall gekommen sei, erklärt Umweltexperte Florian von Brunn.

Für Menschen und die Umwelt habe zu keiner Zeit eine Gefahr bestanden, erklärte die Technische Universität München (TUM) als Betreiberin. Es habe sich um ein meldepflichtiges Ereignis gehandelt, das nach der internationalen Bewertungsskala auf der Stufe 0 rangiere, was für eine sehr geringe sicherheitstechnische Bedeutung steht. Die Emissionen fanden vom 20. bis 26. März sowie vom 2. bis 7. April statt. Der genehmigte Jahreswert für den C-14-Ausstoß sei dabei um 15 Prozent überschritten worden, sagte Sprecherin Andrea Voit.

Grüne und SPD lassen sich davon nicht beruhigen. Der Reaktor dürfe in diesem Jahr nicht mehr angefahren werden, forderte Hartmann. "Wir müssen jetzt eine grundlegende Debatte über den Forschungsreaktor führen", sagte er der dpa. Auch der Vorsitzende des Bundes Naturschutz in Bayern, Richard Mergner, äußerte sich "sehr besorgt" und forderte erneut eine Stilllegung. Schon 2012 war in geringerer Menge radioaktives C-14 ausgetreten. "Konsequenzen müssen folgen, denn jeder Austritt von radioaktiven Materialien ist einer zu viel", erklärte von Brunn.

Der Zwischenfall ereignete sich bei Wartungsarbeiten beim Reinigen des schweren Wassers im Reaktorbecken. Das Nuklid wird in Ionenaustauscherharzen gebunden und dann getrocknet, um das Volumen zu vermindern. Die Abscheideeinheit, in der das C-14 hängen bleiben soll, sei jedoch wegen eines "individuellen" Bedienungsfehlers nicht richtig angeschlossen gewesen, so Sprecherin Voit. Dadurch konnte durch den Kamin mehr radioaktives C-14 entweichen als erlaubt. Hätte sich ein Mensch zu dieser Zeit auf dem Gelände Forschungsreaktors aufgehalten, wäre er einer Belastung von weniger als drei Mikrosievert ausgesetzt gewesen. Beim Röntgen in der Zahnarztpraxis fielen fünf Mikrosievert an, erklärt Voit.

Der Vorfall wurde erst zwei Wochen nach der Ableitung bemerkt. Routinemäßig werden die Werte vierteljährlich vom Reaktor und vom Bundesamt für Strahlenschutz gemessen. Als die Resultate vorgelegen hätten, sei der Trocknungsvorgang sofort eingestellt worden. In Zukunft würde monatlich gemessen, sagte die Sprecherin.

Bereits im vergangenen Jahr hatten die Grünen und andere Gegner des Forschungsreaktors ein Gutachten präsentiert, wonach der Betrieb des FRM II illegal sei, weil er immer noch mit hochangereichertem Uran arbeite, in der Genehmigung aber eine Umrüstung auf niedriger angereichertes Uran festgeschrieben sei. Claudia Köhler und Markus Büchler, Grünen-Landtagsabgeordnete aus dem Landkreis München, sprechen von "Pfusch und Schlamperei". Der Vorfall bestätige "unsere Zweifel an der Zuverlässigkeit der Technischen Universität München als Betreiberin des Atomreaktors", schreibt Büchler in einer Stellungnahme.

Der Forschungsreaktor steht bereits seit dem 17. März still. Die Arbeit wurde wegen der Corona-Pandemie zunächst eingestellt, weil viele ausländische Wissenschaftler, die am Reaktor ihre Versuche machen, nicht mehr reisen durften. Wann das Institut den Betrieb wieder aufnimmt, hängt jetzt nicht mehr nur vom Virus ab. Entscheiden muss darüber die atomrechtliche Aufsichtsbehörde, das bayerische Umweltministerium.

© SZ vom 18.05.2020/sim/odg
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