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Keine Regenbogen-Beleuchtung:"Die Entscheidung der Uefa ist beschämend"

Allianz Arena in Regenbogenfarben

Am Christopher Street Day in Regenbogenfarben: die Arena in München

(Foto: dpa)

Münchens Oberbürgermeister Reiter ist mit seiner scharfen Kritik nicht allein: Die Reaktionen auf den Beschluss des europäischen Fußballbunds fallen heftig aus.

Von Joshua Beer, Katja Schnitzler und David Wünschel

Das Verbot der Uefa, die Münchner Arena in Regenbogenfarben beim Spiel gegen Ungarn erstrahlen zu lassen, sei "beschämend", sagte Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD). In einer Pressekonferenz kritisierte er außerdem den Deutschen Fußball-Bund: "Ich finde es auch enttäuschend, dass der DFB sich nicht in der Lage sehen wollte, hier dieses Ergebnis zu beeinflussen." Stattdessen habe der DFB einen "lächerlichen Gegenvorschlag" gemacht, die Arena an einem anderen Tag bunt zu beleuchten. "Dass wir das am Christopher Street Day machen, darauf sind wir schon selbst gekommen", so Reiter.

Die Stadt München hatte ein Zeichen setzen wollen. In Solidarisierung mit der LGBTIQ-Bewegung und gegen ein von Ungarn verabschiedetes Gesetz, das die Rechte von homosexuellen Jugendlichen einschränkt. Dazu hat Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter die Uefa und den DFB gebeten, die Münchner Arena zum Deutschlandspiel am Mittwoch in Regenbogenfarben zu erleuchten. Dem hat die Uefa eine Abfuhr erteilt. Dies sei ein politisches Signal und mit den Statuten des Fußballverbands nicht vereinbar.

München will trotzdem Zeichen für Toleranz setzen

Die Stadt kann die Uefa-Anordnung nicht einfach ignorieren und das Stadion auf bunte Signalwirkung umstellen: Die Arena sei nicht Eigentum der Stadt München, "ich bin damit leider nicht der Dienstvorgesetzte", bedauerte Reiter. Dennoch wird es in München am Mittwoch bunt, wenn auch nicht die Arena selbst: "Wir werden uns nicht von der Uefa abhalten lassen, ein starkes Signal nach Ungarn zu senden", betonte Reiter. So werde der Stadtrat wohl dafür stimmen, das Rathaus mit Regenbogenfahnen zu beflaggen und auch den Olympiaturm sowie das Windrad zu illuminieren - gleich neben der Fußballarena. Die Stadionbetreiber in Köln, Augsburg und Frankfurt am Main haben bereits angekündigt, ihre jeweiligen Fußball-Arenen während des EM-Spiels bunt erstrahlen zu lassen.

Die Reaktionen auf den Beschluss der Uefa fallen heftig aus und stammen aus weiten Teilen der Gesellschaft. Der Lesben- und Schwulenverband in Deutschland (LSVD) findet es "befremdlich", "wie die Uefa mit Werten umgeht, die in der Gesellschaft allgemein akzeptiert werden sollten". Der Fußballbund habe "die Zeichen der Zeit nicht erkannt". Irritation kam ebenso vom Leiter der Antidiskriminierungsstelle des Bundes, Bernhard Franke: "Gleichbehandlung und der Schutz sexueller und geschlechtlicher Vielfalt sind universelle Werte, denen sich die Uefa selbst verpflichtet fühlt", sagte er dem Evangelischen Pressedienst. Das Verbot der Uefa sei daher "unverständlich".

"Uefa noch peinlicher als ich dachte"

Auch aus der Politik hagelt es Kritik von fast allen Parteien. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) bedauert, dass das Münchner Stadion nicht in Regenbogenfarben leuchten darf: "Das wäre ein sehr gutes Zeichen für Toleranz und Freiheit gewesen", schrieb er auf Twitter. Daneben distanzierte sich CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt von der Entscheidung der Uefa. Wäre sie anders ausgefallen, wäre sie auch "ein Signal gegen vollkommen beschämende und unanständige Wortmeldungen von AfD-Vertretern bezüglich der Regenbogenfarben" gewesen, so Dobrindt.

Die in Uefa-Kampagnen hochgehaltenen Werte wie "pro Vielfalt" und "pro Toleranz" bestünden "letztlich doch nur auf dem Papier", kommentierte die Vorsitzende des Sportausschusses des Deutschen Bundestages, Dagmar Freitag (SPD), im WDR - schon vor dem Öffentlichwerden der Entscheidung. Sie habe damit gerechnet, dass der Fußballbund keinen Affront gegen Regierungschef Viktor Orbán riskieren werde. SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil findet auf Twitter deutliche Worte: "Liebe Uefa, es ist nicht so, dass ich von euch viel erwartet habe. Aber ihr seid noch peinlicher als ich dachte. Schämt euch!"

Annalena Baerbock, Kanzlerkandidatin der Grünen, rief ebenfalls auf Twitter dazu auf, "ein starkes Zeichen der Vielfalt" zu setzen und "den Regenbogen durchs Land" zu tragen. Die Linke schrieb auf dem Kurznachrichtendienst: "Wer bei Menschenrechten von Neutralität spricht, hat nichts verstanden." Auch der Erste Parlamentarische Geschäftsführer der FDP im Bundestag, Marco Buschmann, bedauerte die Entscheidung.

Aus Protest gegen das Verbot der Uefa tauchen auch große Wirtschaftsunternehmen ihre Firmenlogos auf Social-Media-Plattformen wie Twitter und Facebook in Regenbogenfarben. Darunter etwa BMW, VW, die Telekom, Siemens, die Sparkasse und die Hypovereinsbank. Die Münchner Polizei und Feuerwehr sowie die Messe München zeigen sich am Dienstag auf Social Media ebenfalls bunt.

Die Dragqueen Olivia Jones fordert über eine Petition, statt den Regenbogenfarben am Mittwoch doch die deutsche Nationalhymne von dem Dragkünstler Tom Neuwirth (wurde bekannt als Conchita Wurst) singen zu lassen. "Wenn man ein wichtiges Zeichen der Solidarität, für Toleranz und gegen Ausgrenzung setzt, ist das keine Politik, sondern eigentlich eine Selbstverständlichkeit im 21. Jahrhundert", schrieb sie auf Facebook.

Vereine wollen Regenbogen-Artikel an Fans verteilen

Auch andere werden kreativ: Henryk Hoefener, Vorstand beim CSD Deutschland, berichtet, der Verein habe vor etwa einer Woche den DFB über Facebook dazu aufgefordert, die Arena in Regenbogenfarben leuchten zu lassen und so ein "sichtbares Zeichen für Diversität und Gleichberechtigung zu setzen". Als die Uefa jedoch gegen Manuel Neuer wegen dessen Regenbogen-Kapitänsbinde ermittelte, sei klar gewesen, dass es eine alternative Aktion brauche.

Das Verbot der Uefa bezeichnet Hoefener als bedenklich: "Zu sagen, Sport hat nichts mit Politik zu tun, ist absolut blauäugig." Der Verein hat nun zusammen mit Amnesty International und Queer BW, einer Interessenvertretung der Bundeswehr, mehr als 20 000 Regenbogen-Artikel organisiert. Einige Dutzend Helfer wollen sich am Mittwochabend um das Stadion verteilen, um den Fans bis zu 11 000 Fähnchen, 5000 Klapp-Pappen und 4500 Aufkleber mit der Aufschrift "Don't Kick LGBTIQ Rights" in die Hände zu drücken.

Orbán sagt Besuch in München ab

Wenn das Stadion schon nicht von außen in Regenbogenfarben leuchten darf, dann soll es zumindest im Innenraum möglichst bunt sein. Falls die Uefa auch das verbietet, wollen sie sich am Marienplatz aufstellen. Hoefener hofft, dass mindestens ein Drittel der Zuschauerinnen und Zuschauer das Angebot wahrnimmt, darunter vielleicht sogar einige ungarische Fans. Man wolle zeigen, dass man die Gesetzgebung der ungarischen Regierung nicht unterstütze.

Die Nachricht hätte direkt beim Adressaten ankommen könnten: Viktor Orbán wollte das Spiel live in München ansehen, berichtete die Bild. Doch nun hat er die Reise abgesagt, meldet die dpa. In München wäre es ihm wohl zu bunt geworden.

Mit Material der Nachrichtenagenturen dpa, SID und KIR

© SZ/dpa/kir/sid/kaeb
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