SZ-Pflegekolumne: Auf Station, Folge 132:Wenn Sucht lebensgefährlich wird

SZ-Pflegekolumne: Auf Station, Folge 132: Alkoholsucht kann mit dem Tod enden, zum Beispiel durch die Folgen einer Leberzirrhose.

Alkoholsucht kann mit dem Tod enden, zum Beispiel durch die Folgen einer Leberzirrhose.

(Foto: Klaus-Dietmar Gabbert/dpa)

Ein Patient von Pola Gülberg erbricht plötzlich Blut - eine Menge Blut. Der Verdacht: Die Leber ist als Folge seiner Alkoholkrankheit kaputt, das hat zu Krampfadern in der Speiseröhre geführt - und die sind nun geplatzt. Jetzt muss alles schnell gehen.

Protokoll: Johanna Feckl, Ebersberg

Wir waren gerade dabei, das Bett mit unserem neuen Patienten in seinem Zimmer zu parken, als sich der Mann plötzlich übergab. Explosionsartig kam ein riesiger Schwall daher, alles ging unglaublich schnell. Soweit kann das schon mal vorkommen, aber in diesem Fall war das Besondere: Der Mann erbrach Blut. Der Verdacht: Eine fortgeschrittene Leberzirrhose mit geplatzten Krampfadern in der Speiseröhre.

Ösophagusvarizen, so der Fachbegriff, sind eine fiese Begleiterscheinung, die hauptsächlich bei einer Leberzirrhose entstehen, die wiederum durch Hepatitis oder Alkoholabhängigkeit verursacht werden kann. Bei unserem Patienten war es der Alkohol. Eine Leberzirrhose führt zu einer kaputten Leber: Eigentlich reinigt sie das Blut im Körper, indem sie Giftstoffe wie Alkohol filtert. Auch beim Fettstoffwechsel, bei der Gerinnung und vielem mehr spielt die Leber eine Rolle. Nun aber sind ihre Funktionen reduziert.

Man kann sich das so vorstellen: Das Blut fließt durch den Körper, gelangt vom Magen zur Leber. Dort kann es aber nicht im gleichen Druck weiterfließen, weil die Leber vernarbt ist - und so staut sich das Blut vor der Leber und es kommt zu einem erhöhten Druck in den Gefäßen. Dadurch staut sich das Blut bis hin zum Magen, manchmal sogar bis zur Speiseröhre. Wenn der Druck zu hoch wird, entstehen in den Venen der Speiseröhre Ausstülpungen, die man sich wie Krampfadern vorstellen kann. Bleiben diese unentdeckt und somit unbehandelt, können sie platzen. Dann wird es richtig gefährlich: Betroffene bluten innerlich, im schlimmsten Fall kann das bis zum Tod führen.

Im Grunde lassen sich die Krampfadern verhältnismäßig leicht bei einer Magenspiegelung beim Gastroenterologen entdecken - aber wer geht da schon regelmäßig hin? Auch gesteht nicht jeder Alkoholiker seine Krankheit sich oder einem Arzt gegenüber ein, andernfalls würde bestimmt eine Überweisung zum Gastroenterologen empfohlen. Und nicht jeder weiß um seine oder ihre Hepatitis-Erkrankung, das sind häufig Zufallsbefunde.

SZ-Pflegekolumne: Auf Station, Folge 132: Intensivfachpflegerin Pola Gülberg von der Ebersberger Kreisklinik.

Intensivfachpflegerin Pola Gülberg von der Ebersberger Kreisklinik.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Das bedeutet, dass die Krampfadern immer wieder erst dann entdeckt werden, wenn sie schon geplatzt sind. Das Blut gelangt in den Magen, auch das bleibt zunächst meist unbemerkt - bis einem schwindlig wird, denn man verliert ja eine Menge Blut. Spätestens wenn man Blut erbricht, ist allerhöchste Eile geboten.

In einem Notfalleingriff können Ärzte bei einer Gastroskopie die geplatzten Krampfadern wieder zusammenklippen. Das restliche Blut im Magen wird abgesaugt. Anschließend kommen die Patienten zur Beobachtung zu uns. In der Regel erholen sie sich innerhalb weniger Tage und können wieder entlassen werden - so war es auch dieses Mal. Wenn er seine regelmäßigen Kontrolltermine alle wahrgenommen hat, um zu sehen, ob alles noch richtig zusammengehalten wird oder ob sich neue Krampfadern gebildet haben, dann dürften unserem Patienten die Ösophagusvarizen recht sicher keine weiteren Probleme mehr bereitet haben. Nichtsdestotrotz war es durchaus knapp bei ihm.

Pola Gülberg ist Intensivfachpflegerin. In dieser Kolumne erzählt die 39-Jährige jede Woche von ihrer Arbeit an der Kreisklinik in Ebersberg. Die gesammelten Texte sind unter sueddeutsche.de/thema/Auf Station zu finden.

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