Desinformation:Post von Corona-Leugnern

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Flyer, Dachau, Karl Reiling

„Da werden haarsträubende Dinge unter dem Deckmäntelchen der Wissenschaft verbreitet“, sagt Karl Reiling über die Broschüre von „Auf 1TV“.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Eine pseudowissenschaftliche Broschüre von österreichischen Impfgegnern landet in mehreren Dachauer Briefkästen. Ärzte und Zivilgesellschaft sind empört über die Desinformationskampagne.

Von Jessica Schober, Dachau

Was Karl Reiling neulich aus seinem Briefkasten angelte, verärgerte den Maschinenbauprofessor für Luft- und Raumfahrttechnik: Eine pseudowissenschaftliche Broschüre von einer Gruppe österreichischer Impfgegner lag da, in Gelb- und Blautönen gestaltet und - oberflächlich betrachtet - professionell produziert. Unter der Überschrift "Mediziner und Medien klären auf" heißt es darin unter anderem: "Wir hatten nie eine pandemische Bedrohung nationaler Tragweite." Außerdem wird von "unbegründeter Corona-Panik" fabuliert und zum Protest gegen die Schutzimpfung aufgerufen. Karl Reiling, der sich eben nicht nur mit Raketenwissenschaft auskennt, sah sofort, dass das Heftchen auf keinerlei klinische Studien verweisen kann und die Zitate lediglich der Stimmungsmache dienen sollen. Er fragte herum. Auch bei einigen seiner Nachbarn landete die Broschüre im Briefkasten. Ausgerechnet in unmittelbarer Nähe des Krankenhauses, wo derzeit neun Covid-19-Patienten auf der Intensivstation um ihr Leben kämpfen.

"Da werden haarsträubende Dinge unter dem Deckmäntelchen der Wissenschaft verbreitet", sagt Reiling. "Da platzt mir die Hutschnur." Sein Sohn - ein Arzt im Praktikum - wollte das Heft schon vor Wut wegschmeißen, doch Reiling studierte die Herkunft genauer. Im Impressum der Broschüre wird der österreichische Werbeagenturinhaber Stefan Magnet als Verantwortlicher genannt, über den die österreichische Tageszeitung Der Standard schrieb: "Magnet hat eine lange Geschichte in der Rechts-außen-Szene, er war Mitglied des Neonazi-Bund freier Jugend, trat gemeinsam mit dem Neonazi Gottfried Küssel auf und predigt auf dem Sender Auf 1TV." Magnet beschreibe laut Standard die "Corona-Panik" als "geplanten Verzweiflungsakt der Hochfinanz" und benutze damit antisemitische Codes. Studiert man den Hintergrund der pseudowissenschaftlichen Broschüre, finden sich Bezüge ins rechtsextreme Spektrum.

Auch Bernhard Weidinger vom Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstands sagt auf Nachfrage der SZ: "Magnet ist ein relevanter Kopf der österreichischen extremen Rechten, zumal er an der Schnittstelle mehrerer Spektren sitzt: vom organisierten Neonazismus, mit dem ihn zumindest seine Biografie verbindet, über die sogenannten 'Alternativmedien', die er regelmäßig bespielt, bis hin zur FPÖ, deren Geschäftspartner er jedenfalls noch bis vor Kurzem war."

Medizinisch haltlos sind die Zitate in der Broschüre allemal. Der Dachauer Versorgungsarzt und Leiter des Impfzentrums, Christian Günzel, sagt mit Blick auf die Wurfsendung: "Teilweise sind die Tatsachenbehauptungen völlig aus der Luft gegriffen, einige medizinische Fakten sind einfach aus dem Zusammenhang gerissen." Günzel erlebt in seinen zahlreichen Impfberatungen, dass solche Broschüren Menschen verunsichern können. "Es ist spekulativ und unwissenschaftlich, wenn man behauptet, die Corona-Impfung sei eine 'programmierte Selbstzerstörung des Körpers', wie es in der Broschüre steht." Natürlich könne es bei einer Impfung Nebenwirkungen geben, sagt der Mediziner, doch diese stünden in keinem Verhältnis zum Nutzen der Immunisierung bei einer Infektion. Günzel rät verunsicherten Patienten, sich auf die Informationen des Robert-Koch-Instituts zu stützen. "Prinzipiell hat jeder das Recht auf freie Meinungsäußerung", sagt er, "Aber ich hoffe, dass sich noch viele Menschen zur Solidarität und zu einer Impfung durchringen können - schon allein für die, die gerade auf den Intensivstationen in dieser katastrophalen Situation schuften."

Auch Peter Heller, der Sprecher des Runden Tisches gegen Rassismus, sagt, ihn erinnere das Prospekt "an die Pamphlete der Partei die Basis, die in pseudowissenschaftlicher und nicht ungeschickter Form versuchen, den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu zersetzen." Er sorgt sich um den Grundtenor der Debatte: "Wenn darin die Politik als organisiertes Verbrechen beschrieben wird, dann diskreditiert das die Demokratie." Es sei gefährlich, wenn "massenhaft solcher Unfug" verbreitet würde, weil die Inhalte bei manchen Menschen verfangen könnten. "Es wird kein Wort darüber verloren, dass in Deutschland schon über 100 000 Menschen mit und an einer Coronainfektion gestorben sind." Die Broschüre komme in einem vermeintlich seriösen Mantel daher, dabei werde gezielt desinformiert. "Der Neuen Rechten geht es darum, durch gezielte und gestreute Halb- und Unwahrheiten das Gift der Gesellschaftsentzweiung in die Hirne zu streuen."

Landrat Stefan Löwl (CSU) wurde der Flyer von Bürgern übergeben. Er hat ihn direkt an Polizei, Staatsschutz und das Gesundheitsministerium weitergeleitet. Er habe nur kurz die ersten drei Zeilen quergelesen und das Blättchen sogleich weitergereicht, sagt er. "Solche Desinformationen erreichen uns häufig, auch zu anderen Themen wie Asylpolitik oder Infrastrukturprojekten. Man wird solche Kampagnen nicht einfangen können". Sofern keine strafrechtlich relevanten Inhalte verbreitet würden, beschäftige er sich nicht weiter mit solchen Wurfsendungen. "Ich hoffe auf den mündigen und verantwortungsvollen Bürger, der die Inhalte kritisch hinterfragen und einen Faktencheck betreiben kann", sagt Löwl.

Um selbst die Impfbereitschaft im Landkreis zu steigern, postet der Landrat lieber auf seiner Facebook-Seite ein Tagesschau-Video über das Impfen und setzt auf Informationskampagnen in mehreren Sprachen. Auch die Kampagne des Dachauer Einzelhandel-Verbandes "Dachau handelt" unter dem Titel "Danke für deinen Pieks" betrachtet er als sinnvollere Maßnahme gegen Desinformations-Kampagnen als die direkte Konfrontation.

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