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Uni-Start:Zur Vorlesung in den digitalen Hörsaal

Gabriele Schrag arbeitet seit 25 Jahren an der Technischen Universität München. Jetzt muss sie ihre Vorlesung online halten.

(Foto: Stephan Rumpf)

An diesem Montag beginnt an den Münchner Universitäten das Sommersemester. Es wird stattfinden - auch weil die Hochschulen entdecken, was im Internet alles möglich ist.

Von Kathrin Aldenhoff

Dieses Sommersemester wird anders als alle anderen zuvor. Weil die Wiese vor dem Haupteingang der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) in den nächsten Wochen nicht von Eis löffelnden, Butterbrezen essenden und Kaffee trinkenden Studenten bevölkert sein wird. Weil die ehrwürdigen Vorlesungssäle bis auf Weiteres leer bleiben werden. Weil in den Laboren und Werkstätten der Technischen Universität (TUM) keine Studenten durch Mikroskope gucken oder chemische Versuche nachstellen werden.

Dieses Sommersemester 2020 wird aber stattfinden, trotz Corona. Es wird gestreamt werden, Videos werden aufgenommen, es wird in Online-Lerngruppen zusammengearbeitet werden. Neue Tools werden ausprobiert, neue Kommunikationswege, neue Formen des Lehrens und Lernens. An der Hochschule für Musik und Theater wird nun online komponiert, Flügelklänge werden aus dem Klassenzimmer an die Schreibtische zu Hause gesendet.

Münchens Hochschulen und Universitäten entdecken, welche Möglichkeiten sie online haben. "Wer hätte gedacht, dass wir ein Semester ohne Präsenzlehre überhaupt beginnen können?", fragt Oliver Jahraus, Vizepräsident für Studium und Lehre an der LMU, in einem Beitrag auf der Facebook-Seite der LMU. Und fügt hinzu: "Ich nicht. Aber alle zusammen haben wir es ermöglicht."

An der TUM gab es auch bisher schon Onlineangebote und Webinare, etwa in der Informatik, sagt Sprecher Ulrich Marsch. Die Herausforderung sei gewesen, die Angebote deutlich auszuweiten. Nun werden etwa 90 Prozent der Lehrveranstaltungen online angeboten. Auch an der LMU werden so viele Lehrveranstaltungen wie möglich - von rund 8000 - online angeboten werden. "Am Anfang wird es ein digitales Semester sein", sagt ein Sprecher der LMU. Und sogar die Hochschule für Musik und Theater suchte nach digitalen Lösungen, um ihren Studentinnen und Studenten ein Sommersemester anbieten zu können.

Gabriele Schrag, seit 25 Jahren an der TUM und derzeit kommissarische Inhaberin des Lehrstuhls für Technische Elektrophysik, wird in diesem Sommersemester zum zweiten Mal ihre Vorlesung Elektrizität und Magnetismus halten. Dieses Mal wird die Vorlesung allerdings ganz anders ablaufen. "Normalerweise schaue ich während der Vorlesung in die Gesichter der Studenten und sehe, ob das Tempo okay ist", sagt Gabriele Schrag. "Es meldet sich mal jemand mit einer Frage oder nach der Vorlesung kommen die Studenten zu mir und wollen noch etwas wissen."

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Wie schafft man es, dass dieses wichtige Feedback nicht irgendwo zwischen WG-Zimmer und Dozentenschreibtisch verloren geht? Und wie erstellt man online eine Art Tafelbild? Mit solchen Fragen muss die Professorin sich jetzt auseinandersetzen. Sie muss sich umstellen, überlegen, wie sie das, was sie im Vorlesungssaal auf ihr Tablet schreibt und an die Wand projiziert, online präsentieren kann. So dass es ankommt.

Zwischen 400 und 500 Studenten müssen ihre Vorlesung im zweiten Bachelor-Semester hören und anschließend eine Prüfung schreiben. Wenn sie die spätestens beim zweiten Versuch nicht bestehen, bedeutet das das Ende für ihr Elektrotechnik-Studium. Ein Livestream wird für so eine große Lehrveranstaltung nicht empfohlen, deshalb sitzt Gabriele Schrag schon seit Tagen vor ihrem Rechner zu Hause und dreht Videos, die Webcam steht auf einem Stativ. Vier Videos sollen bis zum Semesterstart fertig sein, das hat sie sich vorgenommen. "Mein erstes Video habe ich zehn Mal begonnen, bis ich zufrieden war. Aber man darf nicht den Anspruch haben, das wie eine Nachrichtensprecherin zu machen."

Gabriele Schrag arbeitet sich in neue Tools ein, im Moment bedeutet die digitale Lehre für sie mehr Arbeit. Und auch die Studenten müssten sich umstellen, dessen ist sie sich bewusst. "Ich könnte mir vorstellen, dass es für manche Studenten schwierig ist, sich zu Hause zum Lernen zu motivieren", sagt Gabriele Schrag. "Es gibt Studenten, die dafür einen Stundenplan brauchen. Insbesondere, wenn sie noch relativ jung sind."

Die Studienanfänger - für die ist es ein anderer Start ins Studentenleben, als sie ihn sich vorgestellt haben. Allerdings beginnen deutlich weniger Studentinnen und Studenten ihr Studium im Sommersemester als im Wintersemester. An der TUM sind es ein paar Dutzend im Sommersemester, zwischen 13 000 und 14 000 im Wintersemester. Eine Begrüßungsveranstaltung im April war ohnehin nicht geplant, sagt TUM-Sprecher Ulrich Marsch - die kann also auch nicht coronabedingt ausfallen. An der LMU sieht es ähnlich aus. Dort merken sie allerdings, dass zu diesem Sommersemester deutlich weniger internationale Studenten ihr Masterstudium beginnen - vermutlich, weil sie nicht einreisen können.

"Wir werden nicht für alle Präsenzveranstaltungen eine digitale Alternative finden können, aber wir sind bestrebt, möglichst vielen Studierenden die Möglichkeit zu geben, ein reguläres Semester zu absolvieren und ihre Leistungen zu erbringen", erklärt Oliver Jahraus, Vizepräsident für Studium und Lehre an der LMU. Wo das nicht gelinge, wo Präsenzlehre unabdingbar sei, wie etwa in der Human-, in der Zahn- oder in der Tiermedizin, werde man nach großzügigen Lösungen für die betroffenen Studierenden suchen - und man werde sie finden, verspricht Jahraus. Er sei überzeugt, dass die jetzige Krise auch eine große Chance berge, das Portfolio des digitalen Angebots der Lehre an der LMU noch breiter und besser zu gestalten.

"Wir stellen sicher, dass keinem Studenten wegen der aktuellen Situation ein Semester verloren geht", sagt der Sprecher der TUM. Wem am Ende des Semesters Leistungspunkte aus einem Laborpraktikum fehlten, das nicht stattfinden konnte, der falle deswegen nicht durch. Doktorarbeiten können online verteidigt, Prüfungen online abgenommen werden - die Studenten werden von den Dozenten über die Webcam beobachtet. Natürlich nur mit Zustimmung des Studenten und nur bis die Prüfung vorbei sei, sagt Sprecher Marsch.

Schwierig wird das Semester sicherlich für die Studenten an der Hochschule für Musik und Theater. "Die intensive Arbeit an Ausdruck, Klangfarben, Feinheiten der Technik und so weiter kann digital nur sehr eingeschränkt stattfinden", sagt Präsident Bernd Redmann. "In den meisten künstlerischen Fächern können Online-Angebote die Präsenzlehre nicht ersetzen, sondern deren Ausfall lediglich überbrücken."

An LMU und TUM ist das Semester um zwei Wochen verlängert worden, es endet daher erst am 7. August. Eventuell seien Laborpraktika ja dann bereits wieder möglich, sagt der Sprecher der LMU. Das hoffen die Verantwortlichen bei der TUM auch - selbst wenn Studenten und Dozenten vielleicht mit Masken vor ihren Mikroskopen sitzen.

© SZ vom 20.04.2020/amm
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