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"Anne Will" in der ARD:Merz im Gegenwind 

CDU-Politiker Friedrich Merz zu Gast bei "Anne Will"

Schätzt es nicht, auf seine Tätigkeit beim Finanzdienstleister Blackrock angesprochen zu werden: CDU-Mann Friedrich Merz.

(Foto: NDR/Wolfgang Borrs)

"Anne Will" gerät zum vorgezogenen TV-Duell um die Kanzlerschaft. CDU-Mann Merz gibt nicht nur beim Thema Gendern den Vintage-Politiker - und bekommt dafür von SPD und Grünen so viel Kontra, dass man sich fragt, mit wem er koalieren sollte.

TV-Kritik von Thomas Hummel

Am Ende verstand Friedrich Merz die Talkshow-Welt überhaupt nicht mehr. An einem Tag, an dem China und 14 andere asiatisch-pazifische Staaten das größte Freihandelsabkommen der Welt abschließen, muss er im Fernsehen darüber reden, ob man in einem Gesetzestext von Gläubigern oder Gläubigerinnen spricht. "Wir haben im Augenblick ein paar andere Probleme, die wir lösen müssen", sagt der Mann von der CDU fast entrüstet.

Das Gendern ist ein ideales Thema für eine Talksendung, fast verwunderlich, dass es nicht häufiger vorkommt. Da ist eine Auseinandersetzung programmiert und Friedrich Merz ist hierfür ein dankbarer Gast. Seine Ablehnung, darüber überhaupt reden zu wollen, ist die perfekte Vorlage für Annalena Baerbock von den Grünen. Sie hält ihm anschließend einen Vortrag, wie "strukturelle Diskriminierung" in Deutschland konkret aussieht, etwa wenn Frau keinen Kredit bekomme, Mann aber schon. Oder wenn im Infektionsschutzgesetz Kinder nicht vorkommen, weil es kein Kinderschutzgesetz gebe. Merz reagiert lächelnd, ihm fehlt das detaillierte Wissen zum Thema.

Und Merz macht den Eindruck, dass es ihm eigentlich auch wurscht ist. Nach dem Motto: Wenn Baerbock und der links neben ihm sitzende Olaf Scholz von der SPD das so wichtig nehmen, sollen sie es halt im Bundestag umsetzen. Er möchte in Ruhe gelassen werden mit dem Gedöns. Gibt schließlich Wichtigeres.

Eine zu große Frage für diese Sendung

Die Reaktion von Friedrich Merz ist deshalb so passend, weil sie zum Kern der Gender-Debatte führt. Für die einen sind Rechte von Frauen ein äußerst wichtiges Thema, genauso wie die von Kindern, Migranten, Transsexuellen und anderen Minderheiten. Für die anderen ist es eine aufgebauschte Wohlstandsdiskussion. Der Streit wird teilweise erbittert geführt und insofern hat Merz in einem Punkt unrecht: Das Thema passt gut in die Überschrift der Sendung, Anne Will fragt nämlich: "Wie wollen wir leben?"

"Das ist eine große Frage, zugegeben", sagt die Moderatorin zu Beginn. Sie hätte auch sagen können: eine zu große Frage für diese Sendung. Eine Antwort darauf gibt es nur sehr selten. Visionen werden nur hier und da ausgetauscht, die Zuschauer hätten gerne mehr davon gehört. Können die Gäste im Studio doch an entscheidender Stelle mitwirken, wie Deutschland durch die bevorstehenden Jahre kommt. Olaf Scholz ist bereits Kanzlerkandidat für die SPD bei der Bundestagswahl im kommenden Herbst. Annalena Baerbock ist eine von zwei möglichen Personen, die voraussichtlich für die Grünen antreten werden (die andere ist ihr Co-Vorsitzender Robert Habeck). Und Friedrich Merz versucht demnächst, Vorsitzender der CDU zu werden, und wäre dann erste Wahl für eine Kandidatur der Union. Anne Will lädt also zu einer Art Vor-TV-Duell um die Kanzlerschaft 2021.

Was dann dabei herauskommt, ist eher enttäuschend. Merz moniert das sogar ein paarmal in der Sendung. Zu viel Tagespolitik, zu wenig großes Ganzes. Nur Baerbock holt einmal weiter aus und fordert: "Die Art und Weise, wie wir wirtschaften, müssen wir vom Kopf auf die Füße stellen." Immer mehr und immer billiger - das mache uns alle und die Umwelt kaputt. Wachstum um jeden Preis, so könne es nicht mehr weitergehen. Zudem müsse die Klimakrise entschlossen bekämpft werden, bis 2050 dürfe kein CO₂ mehr emittiert werden.

Merz blickt dabei auf Baerbock wie ein strenger Vater mit Faltenstirn und Schnutenmund. Ein anderes Mal grinst er, als sehe er gerade das alte Feindbild der grünen Spinner vor sich.

In Erinnerung bleiben von dieser Sendung die Sympathien im Raum. Scholz schließt sich mehrmals "ausdrücklich" den Ausführungen Baerbocks an. Merz hingegen bekommt Gegenwind, auch von der Redaktion fühlt er sich ins falsche Licht gerückt. Sei es bei einem Zitat ("Wir müssen ein bisschen aufpassen, dass wir uns nicht alle daran gewöhnen, dass wir ohne Arbeit leben können") oder weil Anne Will ihn gleich zu Beginn auf seine Tätigkeit beim Finanzdienstleister Blackrock anspricht.

Dazu gehen sowohl Scholz wie auch Baerbock merklich in den Clinch mit Merz. Es ist bemerkenswert, wie genervt Baerbock von ihm ist, einmal maßregelt sie ihn: "Sie müssen jetzt mal ein bisschen zuhören." Scholz grenzt sich fast unerbittlich ab. Nicht nur beim Thema Gendern und Frauenrechte. Nach dieser Sendung muss man sich fragen, mit wem ein möglicher Kanzler Merz im kommenden Herbst koalieren will? (Christian Lindner würde sich vermutlich sogleich anbieten).

Niemand sollte den Kandidaten Olaf Scholz zu früh abschreiben

Beim Thema Staatshaushalt bringt Merz den CDU-Klassiker, man müsse nach den Corona-Jahren zur Schuldenbremse zurück. Er kritisiert die Grünen dafür, dass sie über zehn Jahre weitere 500 Milliarden Euro investieren wollen in den Wandel hin zu einer klimaneutralen Wirtschaft. Merz fragt, wer das zurückzahlen solle. Bis Scholz einschreitet und norddeutsch trocken erklärt: "Ich würde gerne ein wenig aushelfen mit Fakten." Er habe die Investitionsquote als Finanzminister auf genau diese 50 Milliarden pro Jahr erhöht. Ohne dass deshalb neue Schulden aufgenommen werden müssten. Diese Passage zeigt, dass niemand den Kandidaten Olaf Scholz zu früh abschreiben sollte. Auch wenn er für die SPD antritt.

Bis zum Ende bleibt weitgehend unklar, über was Friedrich Merz gerne sprechen würde. Klar, junge Unternehmer sollen im Land gehalten werden. China ist die große Gefahr. Steuern dürfen auf keinen Fall erhöht werden und der Soli muss ganz abgeschafft werden. Ein wenig angestaubt wirkt das alles. Doch dass er in einer Sendung mit einem SPDler und einer Grünen in die Defensive gerät, schmälert vermutlich kein bisschen seine Aussichten auf den CDU-Vorsitz. Die allgemeine Sehnsucht nach der guten alten Zeit könnte auch dort ein Faktor sein und dem Vintage-Politiker Merz helfen. Und sollte es kommendes Jahr zu einem echten TV-Duell mit Scholz und Baerbock kommen, weiß Friedrich Merz nun jedenfalls, was auf ihn zukommt.

© SZ/jobr
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