Baerbock bei "Anne Will":"Kühler Kopf" und warme Worte

Lesezeit: 3 min

Baerbock bei "Anne Will": Die Gäste von Anne Will versuchen zu ergründen, wie weit Putin zu gehen bereit ist.

Die Gäste von Anne Will versuchen zu ergründen, wie weit Putin zu gehen bereit ist.

(Foto: Wolfgang Borrs/ARD)

Deutschland hat härtere Sanktionen gegen Russland mitgetragen und Waffenlieferungen beschlossen. Der Ukraine reicht das nicht. Außenministerin Baerbock macht klar: Mehr geht nicht.

Von Christoph Koopmann

Es ist wieder einer dieser Tage, an denen angesichts der Macht der Bilder alles Reden nichts zu helfen scheint, aber man macht es ja trotzdem, weil Schweigen eben auch nicht hilft. Putins Krieg, Tag elf, in ARD und ZDF zeigen sie Bilder von Menschen, die in den Trümmern ihrer Leben stehen, von einem Vater, der um sein Kind weint.

Das also ist diese "neue Realität", von der gerade alle reden; die Realität derer jedenfalls, die das Glück haben, fernab des Kriegsgebiets auf ihren Sofas sitzen zu können. Dazu gehört auch, dass am Sonntagabend um kurz vor 22 Uhr Bundesaußenministerin Annalena Baerbock erst ins "Heute-Journal" des ZDF geschaltet wird, um Fragen zu Putins Vormarsch, zu Öl-, Gas- und Kohleimporten aus Russland und zu einer Flugverbotszone über der Ukraine zu beantworten, und kaum 30 Sekunden später drüben in der ARD auftaucht, um Anne Will praktisch die gleichen Fragen zu beantworten.

Baerbock sieht ehrlich betroffen aus und sie klingt auch so. Tatsächlich hört man eine Außenministerin, die wortwörtlich um die richtigen Worte ringt: "Das, was er (Putin) tut, ist ..." - zwei, drei Sekunden Stille - "Aggression hoch ... tausend!" Sie sagt dann auch, was man an Bildern sehe, "das zerreißt mir auch persönlich das Herz, und trotz alledem müssen wir kühlen Kopf bewahren", was wiederum ziemlich treffend die aktuelle deutsche Talkshow-Ohnmacht zusammenfasst.

Vor vier Wochen noch hat nämlich im gleichen Fernsehstudio der ukrainische Botschafter Andrij Melnyk gesessen und sich bei SPD-Generalsekretär Kevin Kühnert und Grünen-Außenpolitiker Jürgen Trittin den Mund fusselig geredet mit seinen Forderungen nach harten Wirtschaftssanktionen gegen Russland und Waffenlieferungen an die Ukraine. Mit Deutschland nicht zu machen, damals.

Botschafter Melnyk: Siegt Putin, macht er auch vor Deutschland nicht halt

Jetzt sitzt Melnyk wieder da und es ist erst ein paar Tage her, dass die Bundesregierung nicht nur derlei Sanktionen mitgetragen hat, sie hat auch in einer schon sprichwörtlich gewordenen "180-Grad-Wende" Lieferungen von unter anderem Panzerabwehrwaffen und Boden-Luft-Raketen beschlossen. Doch dem Botschafter, in den vergangenen Wochen in so gut wie jedem deutschen Fernsehstudio ein sehr engagierter und zuweilen komplett frustrierter Mahner für die ukrainische Sache, reicht das lange nicht.

Nur: Ein Boykott sämtlicher Lieferungen von Öl, Gas und Kohle aus Russland? Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck hat jüngst gesagt, er sei dagegen, weil das den "sozialen Frieden" in Deutschland gefährden würde. Baerbock mag ihm jetzt nicht widersprechen. Eine Flugverbotszone über der Ukraine? Wenn die Nato das mache und dann mit ihren Flugzeugen gegen russische kämpfe, sagt Baerbock, wäre das die direkte Konfrontation, die die Menschheit an den Rand eines Dritten Weltkriegs bringen würde. Im Laufe der zwölfeinhalb Minuten, die Baerbock per Video zu "Anne Will" geschaltet ist, wird klarer, was sie mit "kühlen Kopf bewahren" hatte sagen wollen: Sorry, aber mehr können wir für die Ukraine gerade nicht tun.

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So scheinen es auch die anderen zu sehen, die nach der Ministerinnen-Schalte im Halbrund diskutieren: FDP-Außenpolitiker Alexander Graf Lambsdorff und der aus Brüssel zugeschaltete Frans Timmermans, Vizepräsident der EU-Kommission. Man sieht bei Botschafter Melnyk wieder diesen verzweifelten Blick, den man zuletzt so oft hat sehen können, wenn er nicht die Zusicherungen bekam, die er sich gewünscht hat. Im Spiegel ist gerade zu lesen gewesen, wie er sich nach einer Talksendung neulich über SPD-Außenexperte Michael Roth und dessen zögerliche Haltung aufgeregt und danach "Arschloch" in die Berliner Nacht gerufen habe.

Bei "Anne Will" wird er nicht ganz so drastisch, aber er hat eine Warnung mitgebracht, die man von der ukrainischen Seite gerade öfter hört: Besiegt Putin die Ukraine, werde er auch nach der Republik Moldau greifen, nach Georgien, Rumänien, dem Baltikum, er werde auch vor Polen und Deutschland nicht haltmachen.

Womit Melnyk die Leitfrage der Sendung für sich beantwortet hätte: Wie weit wird Putin gehen? Baerbock gibt auf die Frage, ob sie es für möglich halte, dass auch Deutschland ins Visier gerät, die wenig beruhigende Ausweichantwort, die vergangenen Tage hätten doch gezeigt, "dass es offenbar gar keine roten Linien gibt". So hört sich also Realismus an, sonntagabends im März 2022.

Bundeswehr-General a. D. Egon Ramms, der ebenfalls zu Gast ist, gibt dem Publikum dann immerhin noch eine Spur Optimismus mit: Die ukrainische Armee und das Volk seien trotz der russischen Übermacht durchaus in der Lage, diesen Krieg zu gewinnen. Man möchte ihm sehr gerne glauben.

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