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Vernachlässigte Tochter:"Ich weiß nicht, ob ich überlebt hätte, wenn sie aufgewacht wäre"

Einmal war unsere Mutter mehrere Tage weg. Uns Kindern stellte sie ein Krug Wasser mitten in die Küche, damit wir nicht verdursten

(Foto: Illustration Jessy Asmus für SZ.de)

Die Mutter ließ ihre Kinder tagelang allein und völlig verwahrlosen. Mit zwölf packte Julia ihren Kinderrucksack und ging.

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Best of SZ.de 2016 - immer zum Jahresende sammeln wir die Lieblingsgeschichten der Redaktion, die am häufigsten von Lesern weiterempfohlen wurden. Diese Geschichte ist eine von ihnen. Alle lesen...

"Ich bin 1984 geboren. Meine Mutter war 18, als sie meine Schwester bekam. Ich kam ein Jahr später, gezeugt von einem anderen Mann. Später sagte meine Mutter, beide Schwangerschaften seien ungeplant gewesen. Als wir klein waren, wohnten wir zu dritt in einer Zwei-Zimmer-Wohnung in München. Meine Mutter war zwar auf dem Gymnasium, hatte aber kein Abitur, später keine Arbeit und deshalb auch nie Geld. Manchmal war das große Zimmer unserer Wohnung an englische Gaststudenten vermietet, die darin mit bis zu sechs Leuten hausten. Dann waren wir zu dritt in dem kleinen Zimmer.

Oft war sie überfordert mit uns. Meine Schwester ist taub, das machte es nicht einfacher. Manchmal rief sie unsere Väter an, dass sie uns abholen sollen. Irgendwann in meiner frühen Kindheit wurde mein Vater für meine Mutter jedoch zum Bösen in Person. Sie untersagte ihm jeden Kontakt zu mir. Er versuchte zu mir Kontakt zu halten, auch über Gerichte. Aber als nichtehelicher Vater hatte er damals keine Chance.

Immer wieder gab unsere Mutter uns vorübergehend in Kinderheime. Ich weiß noch, dass ich mich im Heim nicht wohlfühlte. Man hat mich gepflegt, gefüttert, aber das war es dann auch. Mit dem Herzen war da niemand dabei. Immer wollte ich wieder zurück zu meiner Mutter, aber das ist wohl normal.

Obwohl sie schon zwei Kinder hatte, war sie als junge Mutter ein Hippie, der versuchte, seine Jugend nachzuholen. Oft war sie weg, auch nachts. Selbst als wir noch Babys waren. Wir wussten nicht, wo sie war. Ich habe daran keine Erinnerungen mehr, aber es gibt Zeugenaussagen von Nachbarn, dass die unsere Schreie hörten, weil sich niemand um uns kümmerte.

Ein Krug Wasser für drei Tage

Einmal war sie mehrere Tage lang weg. Uns Kindern stellte sie ein Krug Wasser mitten in die Küche, damit wir nicht verdursten. Wir waren da Kleinkinder. Natürlich haben wir irgendwann angefangen zu schreien und zu brüllen. Die Nachbarn holten die Polizei. Laut Zeugenaussagen und Arztbericht lebten wir unter katastrophalen hygienischen Bedingungen. Es schien, als hätte man uns tagelang nicht gewickelt, doch letztendlich weiß man nicht, wie lange wir komplett allein gelassen wurden. Als meine Mutter wiederkam, wunderte sie sich, dass ihre Kinder nicht mehr da waren. Ich glaube heute, ihr war nicht klar, was für einer Gefahr sie uns da ausgesetzt hat.

Wir kamen dann erst mal in ein Heim und blieben dort ein halbes Jahr. Dann kamen wir wieder zurück. Warum? Das ist mir bis heute unverständlich. Sie konsumierte Drogen, Tabletten lagen bei uns in der Wohnung überall herum. Auch habe ich Erinnerungen an viele verschiedene Männer, mit denen meine Mutter vor unseren Augen Sex hatte. Wir standen vor dem Bett und schauten dem Treiben zu. Eigentlich wünschte sie sich eine Partnerschaft, doch kein Mann blieb länger als zwei, drei Wochen. Dann fiel sie in ein schwarzes Loch, wurde aggressiv, weil sie den Frust, den sie in sich trug, nicht mehr bei sich behalten konnte.

ÜberLeben Meine Mutter, die Sau
Serie "ÜberLeben"
Kindesmisshandlung

Meine Mutter, die Sau

Nicht für jeden ist der Muttertag ein Feiertag - etwa für ein misshandeltes Kind. Einblick in eine Welt voller Hass auf die eigene Mutter.   Von Lars Langenau

Die Familie und Menschen in der näheren Umgebung machten immer mehr Druck und versuchten, ein besseres Umfeld für uns Kinder zu schaffen, sodass sich unsere Mutter bedroht fühlte. Daraufhin brach meine Mutter den Kontakt zu ihrer Familie komplett ab und floh mit uns von München nach Hamburg. Da war ich acht Jahre alt.

Meine Mutter litt unter Verfolgungswahn, sie kapselte sich komplett ab, verschanzte sich in einer perfekten Welt, die sie sich ausgemalt hatte und empfand sich dabei noch als elitär. Auf unserem Anrufbeantworter war folgender Satz: 'Hallo! Hier sprechen die Hochbegabten - und nur Hochbegabte dürfen hier drauf sprechen.' Mir vermittelte sie, dass ich die Schönste und Beste sei. Alle anderen hingegen seien hässlich und schlecht. Natürlich habe ich mich lange auch so entwickelt. Sie schleppte mich zu Castings, wo ich modeln, schauspielern und sonst was sollte. Hatte ich mal einen Auftrag als Kindermodel, wurde ich durchs Nichtbestrafen belohnt.

Zwar war ich gekämmt, aber Körperhygiene brachte uns unsere Mutter nicht bei. Dieses Ritual, sich morgens zu waschen, das gab es bei uns nicht. Vielleicht habe ich mir zweimal die Zähne geputzt als Kind. Dass ich überhaupt noch gesunde Zähne habe, ist ein Wunder.

Meine Mutter war seelisch krank. Sie saß ganze Tage nackt in der Wohnung und starrte die Decke an. Dabei bildete sie sich ein, ein perfektes Leben zu führen. Mit mir als perfekte Tochter. Doch tatsächlich herrschte das totale Chaos bei uns zu Hause. Meine Mutter wahrte nach außen den perfekten Schein, niemand merkte, wie es bei uns daheim aussah.

Meine Schwester litt noch mehr, weil sie oft nicht verstand, was unsere Mutter von ihr wollte. Allerdings konnte sie gut von den Lippen lesen und auch gut sprechen. Sie sagte immer, dass sie weg wollte.