Alkoholismus:"Als der Krankenwagen kam, hat er nicht mehr geatmet"

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Erst habe ich Alkohol benutzt, um meine heitere Seite besser ausdrücken. Später kamen Aggressionen dazu. Bei mir waren das oft Selbstverletzungen, ich bin nahezu explodiert, habe mit der Faust gegen die Wand gehauen, bis die Hand blutete. Einmal bin ich betrunken in eine Personenkontrolle geraten und ausgeflippt. Sechs Bundespolizisten haben sich auf mich gestürzt, haben versucht mich, festzuhalten. Die Folge war eine Anzeige wegen Körperverletzung.

Wenn das Telefon klingelt, bekomme ich oft Panik, dass es die Polizei ist. Einmal hat sie ihn aus dem Zug geholt. Sie haben ihn in eine Ausnüchterungszelle gesteckt und wollten, dass ich ihn abhole. Damals machte ich den ersten Versuch eines Befreiungsschlags. Nein, das ist jetzt Ihr Problem, habe ich zu den Beamten gesagt. Auch wenn ich nach Hause komme, überkommt mich manchmal Paranoia. Dann lausche ich an der Wohnungstür: Ist der Fernseher zu laut? Das ist ein Zeichen. Manchmal liegt er dann in merkwürdigen Positionen auf dem Boden. Je nachdem, wie viel es war, kann er nicht mehr sprechen.

Vor fünf Jahren war ich dem Tod nahe. Wäre meine Freundin nicht da gewesen, wäre ich wohl an multiplem Organversagen gestorben.

Einmal, als ich ihn auf dem Boden gefunden habe, wurde ich wütend, bin in mein Zimmer gegangen und dachte: Jetzt lasse ich ihn dort seinen Rausch ausschlafen. Nach zwei Stunden habe ich nach ihm geguckt. Er lag inzwischen bewusstlos vor der Toilette, Speichel lief ihm aus dem Mund und ich wusste nicht, was ich tun soll. Den Notarzt anrufen wegen eines Besoffenen? Mir war bis dahin nicht klar, dass Alkohol tödlich sein kann. Erst der ärztliche Bereitschaftsdienst, dem ich die Situation geschildert habe, hat mir klar gemacht: Das ist ein Notfall. Als der Krankenwagen kam, hat er schon nicht mehr geatmet. Sie haben ihn wiederbelebt und mitgenommen. Als er weg war, war ich erleichtert. Jetzt kümmert sich endlich mal jemand anders, jetzt kann ich mal durchatmen, habe ich gedacht. Aber schon am nächsten Tag rief das Krankenhaus an: Sie können ihn abholen, er ist wieder einsatzbereit. Als er wieder zu Hause war, hat er weitergetrunken. Am nächsten Abend war er wieder so voll. Da habe ich endlich eingesehen, dass es eine Krankheit ist. Fast 15 Jahre habe ich dafür gebraucht. Das Begreifen war das Schwierigste. Begreifen, dass ich keinen Einfluss, keine Macht habe. Dass ich nichts machen kann.

Alkoholiker trinken Schuldgefühle weg, verdrängen Schamgefühle. Ich bin immer wieder rückfällig geworden. Dann verschlafe ich, vergesse Termine, vereinsame, verliere die Kontrolle. Irgendwann habe ich nicht mal mehr Geld für die Miete. Zum Glück gibt es meine Freundin.

Manchmal kreisen meine Gedanken nur um ihn. Unheimlich schwer ist es, wenn ich auf ihn warte. Dann sitze ich oft stundenlang da und starre die Wand an, vergesse zu essen, mich um mich selbst zu kümmern. Das ist meine Sucht.

Wichtig ist, erst einmal ehrlich zu sich selbst zu sein. Der Moment, in dem ich mich selbst als Alkoholiker bezeichnen konnte, war eine Befreiung. Ich musste mich nicht mehr verstecken und konnte sagen: Ich bin krank.

Er ist krank und ich bin krank. Früher war ich kein gereizter Mensch. Jetzt schlägt sich seine Nervosität auf mein Leben nieder. Manchmal habe ich aus dem Nichts Panikanfälle. Ich muss immer darauf achten, dass ich stabil bin. Wenn Alkoholiker psychisch ins Wackeln kommen, greifen sie zur Flasche. Bei mir gibt es Parallelen. Ich fange dann an zu kontrollieren - nicht nur den Alkoholiker, sondern mein ganzes Umfeld. Jeden. Die Kollegin, die Freundin. Die hat noch nicht angerufen, warum hat die noch nicht angerufen, frage ich mich plötzlich und schreie jemanden an. Die Angst verselbstständigt sich, die Wut auch.

Zuerst habe ich versucht, mit ärztlicher Hilfe trocken zu werden. Mit Antabus, das Medikament macht Alkohol unverträglich. Wenn ich getrunken habe, wurde es mir speiübel, ich war den ganzen Tag am Kotzen. Langfristig geholfen hat es nicht, dafür war mein Wille zu schwach und die Sucht zu stark. Der körperliche Entzug dauert nur etwa drei Tage. Da bin ich zittrig, schweißgebadet, fühle mich hundeelend. Es ist der Prozess der Entgiftung, in dem der Körper sich allmählich wieder einpendelt. In dieser Phase der Nüchternheit bin ich am labilsten. Dann sagt irgendwas in mir: Ach komm, ein Glas in drei Tagen, das muss doch gehen. Nur bei mir funktioniert das kontrollierte Trinken nicht. Nach zwei Wochen sind es zwei Gläser Wein zum Essen, dazu ein Schnäpschen. Und schon bin ich wieder dabei.

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