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Die CSU und der Rausch:Bier macht Politik

Alfons Goppel und Franz Josef Strauß, 1969

Franz Josef Strauß und Alfons Goppel 1969 auf dem Nockherberg in München

(Foto: SZ Photo/dpa)

Wer den Bayern Wasser in den Maßkrug kippen will, macht sich unbeliebt. Die CSU hat das verstanden - doch die Rausch-Redner werden knapper.

Mal angenommen, Bayern wäre keine Bier- sondern eine Marihuana-Republik: Über dem Land hingen Rauchschwaden, so dicht wie über Singapur, beim Politischen Aschermittwoch der CSU könnte man den Redner im Dunst nur noch erahnen.

Der Rausch ist eine der Säulen, auf denen im Freistaat Gesellschaft und Politik ruhen. Er genießt bloß deshalb keinen Verfassungsrang, weil er über der Verfassung steht: Oder hätte man Artikel 2 noch kleinlich ergänzen sollen: Bayern ist Volks- und Bierstaat? Das weiß eh jeder. Beim Gras aber versteht die CSU keinen Spaß. Innenminister Joachim Herrmann sagt deshalb: "Wir bleiben bei unserer bewährten Linie: Null Toleranz gegen Drogen."

Bier ist ganz was anderes. Mit zwei Maß, da kann zumindest ein Bayer noch Auto fahren. Das jedenfalls verkündete bereits Herrmanns Vorgänger Günther Beckstein. Der frühere Innenminister und Ministerpräsident hätte es auch so formulieren können: "Ein gstandener Politiker muss doch saufen können!" Solche Sprüche muss sich auch der CSU-Landtagsabgeordnete Bernd Seidenath von seinen Wählern im Landkreis Fürstenfeldbruck anhören, wenn er sich auf einem Termin wieder mal ein zünftiges Mineralwasser einschenkt.

Tote und Verletzte beim Biersturm

Seidenath ist eben mehr der asketische Typ und obendrein stellvertretender Vorsitzender des Gesundheitsausschusses im Landtag. Der diskutierte vor einiger Zeit die Anti-Alkohol-Strategie des Freistaats: Eine Million Euro gibt der Staat im Jahr aus, um die Trunksucht seiner Bürger zu bremsen. Das ist gerade mal so viel, dass es nicht stört und nicht weiter auffällt. Denn wer den Bayern Wasser in den Maßkrug kippen will, der macht sich unbeliebt. Dann herrscht Aufruhr.

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Im Revolutionsjahr 1848 zogen auch die Bayern durch die Straßen - aber weil der Bierpreis erhöht wurde: Nur noch vier statt fünf Kreuzer für die Maß, lautete die Forderung der Demonstranten am 17. Oktober 1848 in München. Die Unruhen gingen als Biersturm in die Geschichte ein, es gab Tote und Verletzte. Die Besitzer des Löwenbräus mussten sich aus dem ersten Stock in den Hinterhof abseilen, um dem Mob zu entkommen.

52 Jahre später, am 5. Juni 1910, musste sich die Dorfener Brauerfamilie Bachmayer in ihrer Wohnung verbarrikadieren, weil das Volk unten die Gaststube gestürmt hatte. Das Königreich Bayern hatte zuvor die Abgaben um zwei Pfennig pro Maß Bier erhöht, was die Untertanen als Kriegserklärung auffassten. Allein im sogenannten Dorfener Bierkrieg brannte das durstige Volk sieben Häuser nieder. Wirt Bachmayer rettete sich und das Königreich, indem er sich unten in der Stube den Menschen entgegenstellte: Er verkündete die Rücknahme der Preiserhöhung, und augenblicklich schlug Hass in Begeisterung um.

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